Eine Chance für das Zwei-Grad-ZielNeue Studie „Global aber gerecht“ zu Klimawandel und GerechtigkeitDie Münchener Rück Stiftung und Misereor haben in Berlin ihre kofinanzierte Studie der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Klimaerwärmung kann noch eingedämmt werden. Wichtig ist dabei, in Erneuerbare Energien zu investieren und die Rechte der betroffenen Menschen in Entwicklungsländern nicht zu verletzen. Zusammen mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dem Institut für Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Philosophie München (IGP) und dem katholischen Hilfswerk Misereor hat die Münchener Rück Stiftung am 16. September in Berlin eine Studie zum Klimawandel und globaler Armut der Öffentlichkeit vorgestellt. Als Laudatoren äußerten sich Sigmar Gabriel (SPD-Parteivorsitzender und ehemaliger Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit), und Prof. Hans-Werner Sinn (Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, München). Gerade vor dem Hintergrund der schleppenden Verhandlungen auf den Weltklimagipfeln und der UN-Konferenz zur Erreichung der Millennium-Entwicklungsziele im September 2010 kommt der Report „Global aber gerecht“ zum richtigen Zeitpunkt. „Global aber gerecht“ verfolgt einen interdisziplinären Ansatz und vereint ökonomische, ökologische und entwicklungspolitische Perspektiven. Gezeigt wird, wie der Klimawandel mit fairen Mitteln unter Einbindung der betroffenen Länder eingedämmt werden kann. Füllhorn von Empfehlungen Die Studie enthält ein Füllhorn von Empfehlungen und adressiert aktuelle Herausforderungen. Die Ethiker am IGP zeigen die verschiedenen Facetten von Gerechtigkeit auf. Eine zentrale Forderung ist, die Grundrechte der Menschen auf die Befriedigung von Grundbedürfnissen und Handlungschancen zu wahren sowie die Generationengerechtigkeit als Handlungsmaxime (Nachhaltigkeit) anzuerkennen. Die derzeit laufenden Weltklimaverhandlungen können zu keinem Ergebnis führen, wenn nicht alle Länder gleichermaßen ein Mitspracherecht besitzen und ein Ausgleich zwischen Verursachern und Leidtragenden des Klimawandels geschaffen wird. Beim Klimagipfel in Kopenhagen hatte eine kleine Gruppe von 25 Ländern versucht, ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll aufzusetzen. Das kann nicht zu einem bindenden Abkommen führen. Sigmar Gabriel verwies in diesem Zusammenhang auf die Erfolge der Sicherheitspolitik in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Auch hier hätten nur Verhandlungen unter Einbindung aller Länder Erfolge gebracht. Mehrere Wege zum Zwei-Grad-Ziel Die Studie zeigt, dass es mehrere Wege gibt, das vom Weltklimarat IPCC geforderte 2-Grad-Ziel zu erreichen. Die Experten in Berlin waren sich einig, dass auch Lösungen für die noch vorhandenen Reserven an fossilen Brennstoffen gefunden werden müssen. Hans-Werner Sinn und Sigmar Gabriel gehen davon aus, dass diese Ressourcen über kurz oder lang trotz aller Klimadebatten genutzt werden. Damit wird es aber schwer, den noch verbleibenden Deponieraum der Atmosphäre (750 Gigatonnen CO2) für Treibhausgase nicht überzustrapazieren. Einzig ein globaler Emissionshandel kann gewährleisten, dass vorgegebene Emissionsreduktionen weitgehend eingehalten werden. Die armen Länder könnten davon sogar deutlich profitieren. Sie können – bei gleichen Emissionsrechten für alle Menschen – die nicht benötigten Emissionsrechte gewinnbringend an Industrieländer verkaufen. Ottmar Edenhofer, Chefökonom des PIK und zugleich Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe 3 (Mitigation) sprach sich für eine bessere Erforschung technischer Lösungen wie beispielsweise Carbon Capture and Sequestration (CCS, Kohlendioxidabscheidung und -einlagerung) aus. Auch wenn die Chancen in Mitteleuropa für diese Technologie als gering eingestuft werden, wird es ohne CCS schwer sein, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. In Kombination mit der Nutzung von Bioenergie können sogar „negative Emissionen“ erzeugt werden, Abschläge, die wir in einer Welt mit wachsender Wirtschaft dringend brauchen. Sinn und Gabriel zeigten sich skeptisch - einig war man sich jedoch, dass der Schlüssel in der Förderung von Erneuerbaren Energien liegt. Die Ergebnisse von Berechnungen belegen, dass die Klimawandel-Vermeidungskosten am höchsten sind, wenn diese nicht gefördert werden. Politisch können Lösungen nur über faire Verfahren gefunden werden – und wenn der Kampf gegen den Klimawandel und der Kampf gegen die Armut enger verzahnt werden. Hintergrund Die Studie ist im C.-H.-Beck-Verlagen erschienen (ISBN 978-3-409-60656-4). Das Buch ist im Handel erhältlich, es kann – solange der Vorrat reicht – bei der Münchener Rück Stiftung bestellt werden. Eine englische Fassung soll 2011 erscheinen. |