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Prof. Josef Sayer
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Klimawandel und Gerechtigkeit: Der Global Deal ist nicht in Sicht

Klimaschutz darf nicht zu Lasten der Entwicklungsländer gehen. Es ist ein Unding, wenn Mittel für die Armutsbekämpfung umgewidmet oder ärmeren Ländern radikale Pflichten zur Emissionsminderung aufgebürdet werden. Das Projekt „Klimawandel und Gerechtigkeit“ versucht, Lösungen auf der Grundlage eines interdisziplinären Ansatzes von Forschung und Sozialethik zu entwickeln. 

Die Folgen des Klimawandels bedrohen die Lebensgrundlagen vieler Menschen und verstärken die Armut. Zwar ist global betrachtet ein höheres Angebot an Trinkwasser zu erwarten, dieser Zuwachs entfällt jedoch weitgehend auf ohnehin wasserreiche Regionen, während die Niederschlagsmengen in Trockengebieten deutlich abnehmen werden. Wassermangel und höhere Durchschnittstemperaturen haben wiederum erhebliche Auswirkungen auf die Landwirtschaft und damit auf die Ernährungssicherheit.

Das Projekt „Klimawandel und Gerechtigkeit“, 2007 vom katholischen Hilfswerk MISEREOR, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dem Institut für Gesellschaftspolitik (IGP) und der Münchener Rück Stiftung ins Leben gerufen, hat sich zum Ziel gesetzt, Optionen einer globalen Klima- und Energiepolitik zu entwickeln. Diese sollen die Bemühungen zur Armutsbekämpfung jedoch nicht gefährden, sondern unterstützen.

Die Forschungsergebnisse belegen, dass der Klimawandel mit moderaten Kosten zu bremsen ist, wenn alle zur Verfügung stehenden Technologien zum Einsatz kommen und die globalen Akteure sich so rasch wie möglich am Klimaschutz beteiligen. Der Klimagipfel von Kopenhagen im Dezember 2009 hat die Chance auf ein gemeinsames Abkommen – einen Global Deal – verstreichen lassen. Ohne rasches Handeln steht jedoch nicht nur das Recht vieler Menschen auf ein würdiges Dasein auf dem Spiel, sondern auch die Chancen künftiger Generationen sind gefährdet.

Interview mit Prof. Sayer, Hauptgeschäftsführer von MISEREOR

Was bedeutet das Projekt Klimawandel und Gerechtigkeit für MISEREOR?
Das Besondere dieses Projektes ist, dass  Nord und Süd zusammenarbeiten. Partner in Deutschland und die  MISEREOR-Partner in Afrika, Asien und Lateinamerika bringen ihre Fähigkeiten und Kenntnisse ein. Dabei wird der Aspekt der Gerechtigkeit hervorgehoben. Es geht also nicht allein um Daten und Fakten des Klimawandels und seine Ursachen. Es geht  auch darum, gerechte Lösungen für die bereits jetzt vom Klimawandel Betroffenen in den Südkontinenten, die kaum etwas zur Verursachung des Klimawandels beigetragen haben, zu finden. Die Armen in diesen Regionen leiden bereits heute. Zusätzlich haben sie nun auch noch Folgen des hauptsächlich von den Industrieländern verursachten Klimawandels zu tragen. Durch das Projekt wird ein Lernprozess zwischen Nord und Süd in Gang gesetzt, der tatsächlich geeignet ist, dazu beizutragen, den Klimawandel – die zentrale Schicksalsfrage der Menschheit – proaktiv anzugehen.

Sie haben Dialogforen in Entwicklungsländern durchgeführt. Ist der Klimawandel überall angekommen?
Die Betroffenheit durch den Klimawandel ist sehr unterschiedlich. Sie hängt von den verschiedenen regionalen Zonen ab. Die Dialogforen haben wir exemplarisch in jenen Gebieten durchgeführt, die besonders betroffen sind: In Zentralamerika, dort in der  Andenregion in Bolivien, und im Amazonasgebiet Brasiliens. MISEREOR wird von seinen Projektpartnern in diesen Zonen verstärkt um Hilfe für Anpassungsprojekte gefragt. Das Gleiche gilt für die Länder der Sahel-Zone, wo wir mit Partnern aus Mali, Burkina Faso und Niger ein Dialogforum durchgeführt haben. Auch fand ein Dialogforum in dem Schwellenland Südafrika statt. In Asien haben wir Dialogforen für die Menschen in Indien, Bangladesh und Nepal sowie in Indonesien und auf den Philippinen organisiert.

Was ist die Haupterkenntnis aus den Dialogforen?
Die Haupterkenntnis für mich ist, dass die Armen als Betroffene nicht warten bis ihnen Anpassungshilfe von den Industrieländern aus dem Kyoto-II-Prozess zuteilwird. Sie halten nicht  die Hand hin. Das Überraschende war für mich, wie sehr unsere Misereor-Partner bereits jetzt darum kämpfen, sich mit relativ bescheidenen Mitteln an die Klimaveränderungen anzupassen. So haben beispielsweise die Menschen in der Sahelzone während der zurückliegenden Jahre Modelle entwickelt, wie sie in der Landwirtschaft mit Dürreperioden zurechtkommen können. Diese Modell-Erfahrungen bieten sie für ihre Länder und ähnlich gelagerte Zonen auf dem Globus an. Überraschend war für mich auch, dass sie nicht einfach nur im Bereich der Anpassung tätig sind. Sie haben selbst erkannt, dass sie  ihrerseits einen Beitrag zur CO2 Vermeidung leisten sollten. Sie pflanzen beispielsweise pro Hektar 80 bis 250 Bäume an und betreiben auf diesen Feldern ihre Landwirtschaft. Die Bindung von CO2 in den Bäumen wollen sie auch gewürdigt wissen. Sie erwarten selbstverständlich – das ist auch eine wichtige Erkenntnis – einen fairen Transfer von nachhaltigen Technologien. Denn  sie wollen ja nicht einfach die Entwicklung der Industrieländer nachahmen, sondern unmittelbar eine nachhaltige Entwicklung für ihre Gebiete initiieren. Außerdem wollen Sie Zugang zu klimarelevanten Informationen, die weltweit gesammelt werden, um sich in ihren Regionen entsprechend einstellen zu können. Wenn Katastrophen in Folge des Klimawandels auftreten, ist es eine Frage der Gerechtigkeit, diese Menschen nicht alleine zu lassen. Zudem müsste auch präventiv gehandelt werden.

Glauben Sie, dass es die Weltgemeinschaft schaffen wird, den Klimawandel einzudämmen?
Das hoffe ich sehr. Denn es gibt keine Alternative. Während meines Aufenthaltes in Kopenhagen war ich einerseits hoffnungsfroh durch die vielen Repräsentanten der Zivilgesellschaft und Kirchen aus aller Welt: junge Menschen, ganze Familien und auch die ältere Generation waren dort vertreten. Sie demonstrierten und setzten sich mit Entschiedenheit für die nötigen Maßnahmen gegen den Klimawandel ein und haben dafür viel auf sich genommen. Andererseits war ich zum Teil äußerst frustriert über die schleppende Verhandlungsführung und das Verhalten der Industrie- und Schwellenländer. Es wurde während des Jahres 2009 ungemein viel Zeit vertan und nicht transparent und mit Seriosität verhandelt, so wie es für diese Schicksalsfrage der Menschheit eigentlich angemessen wäre. Wir sind bei fünf Minuten nach zwölf angekommen. Die Vereinigten Staaten erwarteten, dass sich China bewegt, China erwartete, dass sich die USA bewegen. Und Europa schaute auf beide. So lässt sich kein Vertrauen unter den Entwicklungsländern und den Hauptbetroffenen aufbauen. Das Zusammenwirken aller ist dringend notwendig, wenn die drohende Katastrophe abgewendet werden soll. Nord und Süd müssen sich gemeinsam ihrer Verantwortung stellen. Nur wenn Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Kapazitäten gemeinsam einsetzen, können wir es noch schaffen, die globale Erwärmung auf unter 2 Grad zu beschränken und die auftretenden schädlichen Folgen wenigstens zu begrenzen. Bischof Gomez sagte mir, dass  in Bangladesh zum Beispiel 100 Mio. Menschen aufgrund des Klimawandels in die Migration gezwungen werden., Schon allein das bedeutet  eine ungemeine Bedrohung des Friedens. Ganz abgesehen von Migrationsströmen in anderen Gebieten oder dem Kampf um Wasser, um Land oder die untergehenden Inseln der Pazifikregion. Wir, Christen und die Kirchen, haben hier eine wichtige Aufgabe: Wir müssen Druck auf die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft ausüben, damit die nötigen Schritte endlich getan werden. Vor allem müssen die nötigen politischen Institutionen geschaffen werden, die solche Prozesse regeln und steuern können.

MISEREOR, Münchener Rück Stiftung, PIK und IGP das sind ja sehr unterschiedliche Akteure. Wie bewerten Sie dieses Bündnis bzw. die Partnerschaft?
Die Verschiedenheit der Akteure macht den Charme und die Stärke unseres Projektes aus. Wissenschaftliche Kapazität, ethische Reflexionskraft und das Nachdenken über Absicherungsmaßnahmen sowie der Einbezug von vielen Partnerorganisationen weltweit bringen eine fruchtbare Mischung in das Bündnis. Für uns ist es auch wichtig, dass nicht nur eine Studie erstellt wird. Die Erkenntnisse und vielfältigen Erfahrungen gilt es umzusetzen. Im Hinblick auf einen nachhaltigen Produktions- und Lebensstil müssen diese Erkenntnisse auch in die Situation in Deutschland eingespeist werden. Die Beziehungen zu unseren Partnern in den Südkontinenten können helfen, die Lobby- und anwaltschaftliche Arbeit in Nord und Süd zu stärken. Dadurch lässt sich Hoffnung schöpfen, dass auch die Armen und ihre Probleme respektiert werden und wir den zukünftigen Generationen eine Welt übergeben, in der sie menschenwürdig leben können. Unsere Kinder sollen uns nicht einmal fragen: Ihr hattet doch die Erkenntnisse und das Wissen! Warum habt ihr nicht gehandelt?

Klimawandel und Gerechtigkeit

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