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Emil Nolde, Badestrand (Ausschnitt), 1930, Öl/Leinwand, 105 x 75 cm, Nolde-Stiftung Seebüll
01Emil Nolde, Badestrand (Ausschnitt), 1930, Öl/Leinwand, 105 x 75 cm, Nolde-Stiftung Seebüll

Dialogforum „Mythos Wasser – Element der sakralen Reinigung“ der Münchener Rück Stiftung am 12. Juli 2005

Symbol für Neubeginn und Erkenntnis

Wasser übt als eines der Grundelemente seit je einen spirituellen Zauber auf die Menschen aus und erlangte durch den „homo religiosus“ sakrale Würde. Reinigungsbräuche finden sich in allen alten Kulturen als Teil der religiösen Lebenspraxis, des Kultus und des Ritus.

„Wasser ist lebensspendend, durststillend und reinigend“, begann Prof. Matthäus Woschitz, Ordinarius der Universität Graz, seinen religionswissenschaftlichen Vortrag und entführte seine Zuhörer dann in die Welt der Sakralität des Wassers. Er wies auf dessen symbolische Bedeutung bei Reinigungsriten hin, welche die verschiedenen Religionen miteinander verbindet. Sakrale Würde erhielt das Wasser bereits bei den Kelten, reiche Brunnenkunst führte im Christentum den Wasserkult an den keltischen Quellen fort, zum Beispiel in Canterbury, Chartres, Würzburg oder Echternach.

Als Mittel der Reinigung erlangt Wasser seine religiöse Symbolkraft. So dient es in allen Kulturen dazu, sich von Schuld reinzuwaschen und eine Wandlung der Seele einzuleiten. Verbildlicht wird diese Kraft des Wassers nicht nur in der Religion, zahlreiche Märchen legen ebenfalls Zeugnis davon ab. So verwandelt sich im „Gestiefelten Kater“ der Gebrüder Grimm ein Müllerbursche durch das Bad im Fluss zu einem Marquis. Woschitz interpretierte das Märchen folgendermaßen: Die Geschichte symbolisiert das erste Stadium menschlicher Individuation. Das Ablegen der Kleider und das Eintauchen in den Fluss stehen für „Mensch, erkenne dich selbst!“, also für das Eingestehen der eigenen Schwächen.

Waschungen gab und gibt es bei allen Völkern. Woschitz stellte Beispiele aus dem Nordosten Afrikas und dem indischen Subkontinent vor:

  • In Ägypten wurde das Wasser des Nil als die dem Fluss innewohnende Kraft vergöttert und mit dem Gott Hapi (Apis) personifiziert. Die Quelle des Nil – erst vor 100 Jahren entdeckt – wurde mit dem Beginn der Welt gleichgesetzt. Die in allen altägyptischen Totentexten zentrale Stelle, in welcher der Tote im Jenseits „Ich bin rein“ sagt, verdeutlicht, wie wichtig das Wasser in dieser Kultur ist.
  • Im Hinduismus ist das Wasser die personifizierte Kraft der Reinigung von Körper und Geist. Der im Himalaja entspringende Fluss Ganges gilt von jeher als heilig. Millionen Pilger befreien sich durch rituelle Waschungen in diesem sakralen Weltenstrom von der Karmalast: Das segensreiche Wasser tilgt die aus Handlungen (Karma) angesammelte Schuld, wodurch das Nirwana, die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten, näher rückt.

Für das Christentum stellte Woschitz die siebte Bitte des Vaterunser „Erlöse uns von dem Bösen“ ins Zentrum der Betrachtung. Wie wird der Mensch von Leid, Schuld, Bösem frei – das ist die Grundfrage aller Religionen und Philosophien. Dabei gewinnt das Wasser eine grundlegende symbolische Bedeutung als eines der gebräuchlichsten Mittel ritueller Reinigung. Am Ende hob Prof. Woschitz noch einmal die Rolle des Wassers als Symbol für seelischen Neubeginn und Erkenntnis hervor – so wie es auch im Johannes-Evangelium niedergeschrieben ist.

Nach dem Vortrag war jedem Zuhörer klar, dass Wasser weit mehr ist als die simple Formel H2O. Es stellte zu allen Zeiten den Symbolbezug zu menschlichen Grundfragen her.