Münchner Kinder - Welchen Risiken sind sie wirklich ausgesetzt?1. Dialogforum der Reihe „Die Risiken der Münchner – Persönliche Wahrnehmung und Realität“ am 21. September 2006 in der Bayerischen StaatsbibliothekGemeinsam mit dem GSF – Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit veranstaltete die Münchener Rück Stiftung eine Podiumsdiskussion zum Thema „Münchner Kinder – Welchen Risiken sind sie wirklich ausgesetzt?“. Eingeladen waren interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreter von Umwelt- und Gesundheitsbehörden, aus Politik und Wirtschaft. Der Abend bildete den Auftakt zu einer Reihe von Dialogforen, mit denen die beiden Veranstalter das gemeinsame Ziel verfolgen, das Bewusstsein der Münchner Bevölkerung für die wahren Risiken zu schärfen.Zu Beginn unterstrich Prof. Dr. Günther Wess, wissenschaftlich-technischer Geschäftsführer des GSF-Forschungszentrums: „Unsere Verantwortung geht weit über die rein wissenschaftliche Kernaufgabe hinaus. Wir müssen unser Wissen auch den Menschen nahebringen.“ Rund 70 interessierte Zuhörer diskutierten mit international renommierten Experten über die großen und kleinen Gesundheitsrisiken für Kinder in einer Großstadt wie München. Unfälle und PassivrauchenÜbereinstimmend bewerteten die Fachleute Passivrauch im häuslichen Umfeld sowie Unfälle als die beiden größten Risikofaktoren. Vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind davon nachweislich am stärksten betroffen. Sie müssten – so die Forderung der Experten – die zuständigen Akteure in Behörden und Politik noch weit mehr als bisher in den Mittelpunkt ihres Handelns rücken. Man müsse ernsthaft fragen, ob die bisherigen vielfältigen Ansätze zu Aufklärung und Prävention ihr Ziel nicht verfehlt hätten. Persönliche Wahrnehmung und RealitätGenerell werden Risiken, die man selbst beeinflussen kann, geringer eingestuft als solche, denen man sich ausgeliefert fühlt, so der erste Referent des Abends, Prof. Peter Höppe von der Münchener Rück. Beispielsweise überschätzten Eltern Risiken durch Atomstrahlung und Mobilfunkmasten bzw. unterschätzten die Risikofaktoren Bewegungsmangel und häusliche Unfälle. So erkläre sich das Beispiel einer Frau, die ihr Kind bei hohen Ozonwerten im Sommer nicht mehr aus der Wohnung ließ. „Hinterher kam heraus, dass die Frau in der Wohnung stark rauchte“, sagte Höppe. Dr. Hermann Fromme vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit belegte, dass zwei Drittel aller 6–13-Jährigen regelmäßig Passivrauch ausgesetzt sind und dass jede fünfte schwangere Frau raucht. Die Folgen für die Kinder reichen von Mittelohrentzündungen über Asthma bis hin zu Krebs. „Deutschland muss endlich handeln!“, appellierte Fromme und verwies darauf, dass selbst in einem klassischen Raucherland wie Italien Rauchverbote funktionierten. Auch der Kinderarzt Dr. Stephan Böse-O’Reilly vom Netzwerk Kindergesundheit und Umwelt erkannte Unfälle und Passivrauchen als zentrale Gefahren. Außerdem zeigte er auf, dass damit erhebliche Kosten verbunden sind. So könnten jährlich 300 bis 600 Millionen € durch Prävention von Verkehrsunfällen und 250 Millionen € durch Maßnahmen gegen Passivrauchen eingespart werden. Prof. Monika Jungbauer-Gans von der Universität Kiel hat umfassende Daten der Schuleingangsuntersuchung in München ausgewertet. Dabei fand sie heraus, dass vor allem Kinder aus einkommensschwachen Familien übergewichtig sind und unter Bewegungsmangel leiden. Bei Impfungen ergab sich ein umgekehrtes Bild: „Je gebildeter die Münchner sind, desto seltener lassen sie ihre Kinder impfen und desto häufiger wenden sie sich von der Schulmedizin ab“, stellte die Soziologin fest. Lebhafte DiskussionDie Impulsreferate der Experten leiteten eine lebhafte Diskussion ein, etwa über die Impflücken von Münchner Kindern. Dabei gab es durchaus kontroverse Ansichten über den Sinn und Unsinn von Impfungen, und zwar sowohl im Plenum als auch auf dem Podium. Ein Indiz dafür, dass der Themenkreis „Kinder und ihre Risiken“ nicht von der gesellschaftspolitischen Agenda gestrichen werden darf. „Viele Risiken im Leben der Kinder werden leider immer noch verkannt“, so Thomas Loster, Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung. „Aber nur wenn wir ein Risikobewusstsein entwickeln, das den realen Gefährdungen entspricht, können wir adäquat handeln.“ |