Stirbt München aus? Kindergärten versus AltersheimeDialogforum „München 2030" am 22. Januar 2008 Im Rahmen der Dialogforen, die 2008 zum dritten Mal stattfinden, richtet die Münchener Rück Stiftung diesmal den Blick auf die Zukunft von München. Am 22. Januar suchten rund 130 interessierte Bürgerinnen und Bürger eine Antwort auf die Frage: Stirbt München aus?„Während die Megacitys dieser Welt aus allen Nähten platzen, ist es vor unserer Haustüre genau umgekehrt“, umriss Dirk Reinhard, stellvertretender Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung, die Problematik. Zwar kam es in München in 2007 zu einem Anstieg der Geburtenraten, in Gesamtdeutschland sei die Bevölkerungszahl dennoch weiter gesunken. Auf die Frage, ob München aussterbe, entgegnete Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, ein klares „Nein“. Dennoch könne sich die Stadt bestimmten demographischen Trends nicht entziehen. So steigt erstens die Lebenserwartung jedes Jahrzehnt um durchschnittlich drei Jahre, die Bevölkerung wird dadurch immer älter. Das belastet nicht nur die Sozialsysteme, es hat auch sinkende Steuereinnahmen und eine geringere Kaufkraft zur Folge. Zweitens haben sich die Geburtenziffern seit den 60er Jahren in etwa halbiert, mit entsprechenden Konsequenzen für die regionale Entwicklung, etwa den Bau von Schulen oder Kindergärten. Drittens wird die Gesellschaft immer bunter, weil in Deutschland inzwischen 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben. Das wirft Probleme auf, weil 40 Prozent dieser Menschen ohne Ausbildung sind. München profitiert nach Ansicht von Klingholz von den Wanderbewegungen innerhalb Deutschlands, die von Ost nach West und von Nord nach Süd verlaufen. Dadurch haben die neuen Bundesländer zwischen 1990 und 2004 etwa 1,5 Millionen Einwohner verloren. Der Bevölkerungsschwund werde sich regional stark ausdehnen und künftig 60 Prozent aller Kreise in Deutschland betreffen, schätzt Klingholz. Für München wirft der Zuzug allerdings auch Probleme auf: So verdiene München bereits jetzt in puncto Kinderfreundlichkeit eine glatte Note 6 und bei der Integration von Migranten die Note 4. Hervorragende Resultate erreiche die Stadt dagegen bei den Verdienstmöglichkeiten und bei der Attraktivität für junge, bildungshungrige Frauen. Auch Stadtbaurätin Dr. Elisabeth Merk ist sich sicher, dass München nicht ausstirbt. Im Gegenteil: Nach der aktuellen Bevölkerungsprognose werde 2012 erstmals die Marke von 1,4 Millionen Einwohnern überschritten, bis 2020 könnten bereits 1,43 Millionen Menschen in der Stadt leben, weil München zu den Gewinnern der Wanderbewegungen zählt. Dabei wird die Zahl der Kleinkinder und die Gruppe der 25- bis 39-Jährigen zunehmen. Während die Altersgruppe der Senioren bis 75 Jahre gegenüber heute schrumpft, würden um etwa 30 Prozent mehr Menschen jenseits der 75 Jahre in der Landeshauptstadt leben. Für Merk stellt sich die Frage, was das für die Lebensqualität bedeutet. „Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass München sozial bleibt“, fordert die Stadtbaurätin. Dabei sei vor allem bezahlbarer Wohnraum wichtig. Konfliktstoff birgt aber auch die wachsende Zahl von älteren Menschen, da sie meist über weniger Ressourcen verfügen und das Thema Armutsentwicklung an Bedeutung gewinnt. Die Note 6 bei der Kinderfreundlichkeit liegt ihrer Meinung nach an dem teuren Leben in der Stadt. Den Schwerpunkt der Investitionen würde Merk auf die Bereiche Bildung, Qualifizierung und Kindergärten setzen. Hohe Priorität habe darüber hinaus, familiengerechten Wohnraum zu fördern. „Ziel ist es, alle Bevölkerungsschichten in der Stadt zu halten“, sagte Merk. Um die Stadt gerade für ältere Menschen attraktiv zu gestalten, müsse man über ein vernünftiges Nahmobilitätskonzept nachdenken, aber auch neue Formen des betreuten Wohnens ausloten. Merk zeigte sich optimistisch, den von den demographischen Trends ausgelösten Wandel in den Griff zu bekommen. Allerdings ist sie sich auch bewusst, dass der Planungshoheit der Stadt bestimmte Grenzen gesetzt sind. „Es ist eine Frage, wie die Gesellschaft damit umgehen und der einzelne sein Leben organisieren will“, meint Merk. Heute seien die Menschen weniger sesshaft als noch die Elterngeneration. Die größere Mobilität, auch der älteren Menschen, verlange ein hohes Maß an Toleranz. Eine gute Planung müsse berücksichtigen, dass diese Toleranz nicht erzwungen werden kann und entsprechende Rückzugsbereiche für die unterschiedlichen Gruppen schaffen. Ganz vermeiden lässt sich der Konflikt zwischen Alt und Jung allerdings nicht, wie die aktuelle Auseinandersetzung um einen Spielplatz in einer neuen Wohnsiedlung in Haidhausen zeigt. Auch Klingholz plädierte für mehr Toleranz im Umgang miteinander. Dabei stelle sich das Problem, dass die Gruppe der Älteren zunehmenden Einfluss bei Wahlen gewinnt, die Jungen aber die Zukunft repräsentieren. Welche Viertel in München vom Zuwachs besonders profitieren, darauf wollte sich die Stadtbaurätin nicht festlegen: „Die Stadt ist gerade deshalb spannend, weil man diese Dinge nicht vorher weiß“, erklärte Merk. Natürlich werde der Zuwanderungsdruck in bestimmten Vierteln stärker zu spüren sein und auch solche Stadtteile erfassen, die bisher nicht so begehrt sind. „Wir werden uns aber bemühen, dass die Entwicklung der Stadtgebiete ausgeglichen verläuft“, versprach sie. Der Fokus auf das Kerngebiet München allein reiche dabei nicht. Vielmehr müsse man auch die Ränder und das Umland mit einbeziehen, wenn es um die Frage geht, wo Räume nachverdichtet oder Freiräume erhalten werden sollen. Klingholz gab in diesem Zusammenhang zu Bedenken, dass die Stadtplanung nur einen begrenzten Einfluss auf die Entwicklung von Stadtteilen ausüben könne. Der Aufstieg von Vierteln wie dem Prenzlauer Berg und Friedrichshain in Berlin habe das gezeigt. Auch bei der demographischen Entwicklung sind die Möglichkeiten der Stadt limitiert. „Wir können nur in gewissem Ausmaß positive Rahmenbedingungen schaffen“, erklärte Merk, etwa beim Wohnraum, den Kindergärten oder bei der Infrastruktur. Die Familienpolitik liege jedoch nicht in der Hand der Städte. Welche Vision haben die Stadtbaurätin und der Direktor des Berlin-Instituts für München? Die Stadt stehe vor der Aufgabe, so Merk, sich von der festgefahrenen Wachstumsphilosophie zu lösen und zu erkunden, welche Spielräume vorhanden sind. „Ich wünsche mir eine schöne und authentische Stadt, in der die Entscheidungen sozial ausgewogen fallen,“ äußerte die Baurätin. Für Klingholz sind Kinder der Motor der Zukunftsfähigkeit, da es überalterte Städte deutlich schwerer haben. „Wir müssen Familien und Kindern mehr Daseinsfreude geben“, lautet daher seine Empfehlung. Schweden habe vorgemacht, dass sich der Wunsch nach Familie besser umsetzen lässt, wenn die Geschlechter wirklich gleichgestellt sind. Dirk Reinhard fasste den Abend folgendermaßen zusammen: München profitiert vom demographischen Wandel, muss aber die Balance zwischen den Ansprüchen von Jung und Alt schaffen. Das geht nur mit guten Ideen und mit Toleranz. |