Auftakt Dialogforen "Wie werden wir in den Großstädten im Jahr 2030 leben?" - Zukunftswerkstatt MünchenReges Interesse erzielte die Auftaktveranstaltung zu den dritten Dialogforen der Münchener Rück Stiftung am 7. November. Fast 140 Teilnehmer verfolgten gespannt, welche Ideen Münchens Oberbürgermeister Christian Ude und der Zukunftsforscher Dr. Karlheinz Steinmüller vom Leben in der Großstadt im Jahr 2030 entwickelten.„Wozu überhaupt den Blick in die Zukunft wagen?“, fragte der Stiftungsratsvorsitzende Dr. Hans-Jürgen Schinzler in seiner Eröffnungsrede. München sei doch eine wirtschaftlich erfolgreiche und beneidenswert schöne Stadt, in der jeder gerne leben wolle. Allerdings könne sich auch München Entwicklungen nicht entziehen, die wenig erfreulich klingen: Migration, Altersarmut, Bildungsnöte und der Klimawandel stellen alle Großstädte in den nächsten Jahrzehnten vor enorme Herausforderungen. Mit Blick auf die Prognosen, die mehr als 20 Jahre alt sind, warnte OB Ude: „Es wäre vermessen, einfach die aktuelle Entwicklung fortzuschreiben.“ Beispielsweise habe sich 1984 niemand vorstellen können, dass der Eiserne Vorhang fallen und die EU-Erweiterung Länder wie Polen und Rumänien umfassen werden. Gleichzeitig habe man das Tempo der Globalisierung deutlich unterschätzt. „Beim Blick in die Zukunft ist deshalb allenfalls eine Analyse der Chancen und Risiken möglich“, meint Ude. Für München 2030 stellt er sich vor: Erstens habe die Stadt beste Chancen, zu den Globalisierungsgewinnern zu zählen, was sich positiv für Unternehmen und Fachkräfte, aber negativ auf den Wohnungsmarkt und damit auf die sozial schwächeren Schichten auswirken werde. Zweitens müsse München auf den unumkehrbaren demografischen Wandel reagieren und sich Gedanken machen, wie die älter werdende Bevölkerung ins Stadtleben zu integrieren sei. Drittens werde der Migrationsdruck von außen, aber auch der Migrationsbedarf von innen zunehmen. Die Stadt als Integrationswerkstatt sei eine Aufgabe, an der man scheitern könne, die München aber auch die Möglichkeit biete, seine Spitzenstellung zu behaupten. Welches München darf's denn sein?Wie es zu einem Zukunftsforscher passt, nahm Steinmüller die Zuhörer auf einen unterhaltsamen Science-Fiction-Ausflug mit. „München durch die Cyberbrille“ nannte er seine kurze Zeitreise, in der sich jeder Bürger sein eigenes Stadtbild schaffen kann nach dem Motto: „Welches München darf’s denn sein?“ Doch auch Zukunftsforscher verfügen nicht über hellseherische Fähigkeiten, und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Fakten zu sammeln und Trends in Wirtschaft, Politik, Ökologie und Technologie zu erkennen. Über die Treffsicherheit von Vorhersagen gibt sich Steinmüller keinen Illusionen hin. Aber: „Es braucht falsche Prognosen, um das Richtige zu machen.“ Ohne die Vorhersage, dass München einst von Müllbergen umgeben sein werde, hätte die Stadt ihr Müllproblem nicht so erfolgreich in den Griff bekommen. Einig sind sich Ude und Steinmüller, dass München Vorstädte wie in den USA auch weiterhin erspart bleiben werden. Im Gegensatz zu den Suburbs, die sich, so führte Ude aus, „wie umgestürzter Grießbrei ins Land ergießen“, wüchsen die Umlandgemeinden von München strukturiert und idealerweise dort, wo eine S-Bahn-Anbindung besteht. Gleichzeitig habe sich in den vergangenen Jahren eine verstärkte Rückkehrbewegung in die Stadt entwickelt. Gerade für Senioren zählten die bessere Infrastruktur und das umfangreiche kulturelle sowie medizinische Angebot in Ballungsräumen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die von Moderator Dr. Patrick Illinger aufgeworfene Frage nach den Folgen der sozialen Spaltung. Der Münchner OB befürchtet, dass sich dieser Prozess eher noch verstärken wird. Um die Stadt lebenswert zu halten, braucht es aber neben einer kreativen Szene mit Querdenkern auch einfache Dienstleister, die sich das Wohnen in der Stadt noch leisten können. „Ohne Eingriffe verlieren wir das kreative Milieu“, befürchtet Ude und verwies auf das Wohnprojekt in der Domagkstraße, wo bezahlbare Ateliers für Künstler entstanden sind. Die Städte benötigen zudem eine gute finanzielle Ausstattung, um mit stadteigenen Wohnungen sozial schwächere Gruppen wie Krankenschwestern, Polizisten oder Rentner versorgen zu können. Steigende Mieten unterliegen jedoch marktwirtschaftlichen Gesetzen, die auch die Stadt nicht außer Kraft setzen kann. Für Steinmüller ist das Vorhaben, einfache Dienstleister in der Stadt zu halten, ein fortwährend notwendiger Prozess: „Die Stadt muss aufpassen, intakt zu bleiben und öffentliche Räume zu erhalten“, forderte er und ergänzte: München sei zum Glück privilegiert, da es im Gegensatz zu den Kommunen in Ostdeutschland relativ wohlhabend sei. Keinen Ausverkauf städtischer WohnungenDennoch tritt auch hier das soziale Gefälle zwischen den einzelnen Vierteln zutage. Zwar klafften Wahrnehmung und Realität teilweise auseinander, sei das als Problemviertel geltende Hasenbergl doch besser als sein Ruf. Dafür drohe das unauffällige Ramersdorf weiter abzurutschen. Ude zeigte sich einerseits zufrieden, dass viele gut verdienende Unternehmen und deren Mitarbeiter in München angesiedelt sind. „Schlimm sind allerdings die Verdrängungsprozesse, wenn Alte oder sozial Schwache aus ihren angestammten Vierteln vertrieben werden.“ Der Trend zur Verteuerung von begehrter Altbausubstanz lasse sich aber nicht stoppen, das Wohnen in der Stadt 2030 könne daher noch kostspieliger werden. Dem will der OB nach Kräften gegensteuern: „Einen Ausverkauf stadteigener Wohnungen an Investoren wie in Dresden wird es bei uns nicht geben.“ Große Herausforderungen kommen auf München in puncto Mobilität zu. Steinmüller ist sich sicher, dass das Verkehrsaufkommen zunehmen werde und das Problem nicht über mehr Straßen oder technische Neuerungen wie Telematik zu lösen sei. Das Mobilitätsbedürfnis werde hoch bleiben, der demografische Wandel aber das Leitbild in der Verkehrspolitik in Richtung Senioren verschieben. Eine gute öffentliche Verkehrsstruktur sei ein wesentlicher Teil der Lösung. Ude ist zudem überzeugt, dass steigende Preise für Energie und Rohstoffe die Verkehrspolitik der Zukunft prägen werden. Die Stadt als ZukunftswerkstattAm Ende der Veranstaltung wurde klar, warum es so wichtig ist, sich ein Bild von der Großstadt im Jahr 2030 zu verschaffen: Städte übernehmen die Funktion einer Zukunftswerkstatt, die Probleme sichtbar macht, welche erst Jahre später in der gesamten Gesellschaft deutlich werden. „In München läuft seit 30 Jahren ein Integrationsprogramm, lange bevor die Bundesregierung 2006 zum Integrationsgipfel eingeladen hat“, führte Ude als Beispiel an. Wenn wir also wissen, wie München im Jahr 2030 aussieht, können wir uns ein gutes Bild von den Herausforderungen machen, die Globalisierung, Demografie und Migration an die Gesellschaft stellen. Zum Abschluss dankte Thomas Loster, Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung, allen Teilnehmern für den informativen, spannenden und unterhaltsamen Abend. „In den nächsten vier Dialogforen werden wir die heute angerissenen Themen genauer unter die Lupe nehmen“, kündigte er in einem Ausblick auf das kommende Jahr an. Das nächste Dialogforum zum Thema „Stirbt München aus?“ findet am 22. Januar statt. |