Münchner Riesling, Jahrgang 2030?
Positive versus negative Auswirkungen des KlimawandelsDialogforum „München 2030“ am 15. April 2008Isarhochwasser, bei dem die Münchner teilweise nasse Füße bekommen, waren bislang die absolute Ausnahme. Doch künftig wird sich die Stadt wohl auf häufigere Überschwemmungen einstellen müssen, ist sich Joachim Lorenz, Leiter des Referats für Gesundheit und Umwelt in der Landeshauptstadt, sicher. Zusammen mit Prof. Dr. Manfred Stock vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung diskutierte er auf dem letzten Dialogforum der Reihe „München 2030“ am 15. April die Konsequenzen des Klimawandels.Die Perspektiven für die Winzer klingen spannend. „Schlagzeilen, die Weinanbau in Alaska prophezeien, sind wohl übertrieben, aber in Kanada wird es durchaus möglich sein“, rückte Stock zu Beginn die Darstellung der Medien zurecht. Bereits jetzt würden in Städten wie Berlin oder Hamburg Reben gedeihen, wenn auch die Qualität des Weins zu Wünschen übrig lasse. „Warum sollte es nicht auch in München funktionieren“, griff Stock das Thema des Abends auf. Schon während der Wärmeperiode des Mittelalters wurde etwa dreimal mehr Wein in Deutschland angebaut als derzeit. „Und die Temperaturen liegen heute höher als damals“, erklärte Stock. Nach den Prognosen des UN-Weltklimareports IPCC dürfte die Durchschnitts-temperatur bis 2030 noch einmal so stark zunehmen wie im gesamten 20. Jahrhundert. Danach gehen die Voraussagen der Wissenschaftler abhängig von den weiteren CO2-Emissionen stark auseinander. Selbst wenn man, wie der EU-Rat annimmt, den Anstieg bis 2100 auf zwei Grad Celsius beschränken kann, hat das für den Weinanbau drastische Konsequenzen. „Die heutige Bordeaux-Region dürfte dann eher Weine mit spanischen oder griechischen Charakter hervorbringen, der Bordeaux selbst kommt dann wahrscheinlich aus der Bretagne“, prophezeit Stock. Was den Weinanbau angeht, gehört Deutschland zu den Gewinnern, weil in vielen Regionen dann ideale Bedingungen herrschen. „Für den Riesling aus klassischen Lagen besteht allerdings Gefahr, weil die Luft nachts nicht mehr genug abkühlt, um ausreichend Säure zu entfalten“, befürchtet Stock. Für Umweltreferent Lorenz ist die Sache klar: „Angesichts dieser Aussichten gilt es zu prüfen, ob München auf seinen landwirtschaftlichen Gütern künftig Wein anbauen soll.“ Vom Klimawandel ausgelöste Probleme sieht er vor allem in drei Gebieten auf München zukommen: dem Hochwasserschutz, dem Kanalnetz und den sogenannten Wärmeinseln in der Stadt. Bislang habe München vor allem auf den Klimaschutz gesetzt, etwa mit dem 1987 aufgelegten Förderprogramm zur Energieeinsparung. Dagegen erweisen sich einige Anpassungsmaßnahmen eher als glücklicher Zufall. So wurden die vor Jahren gebauten Regenrückhaltebecken im Kanalnetz sehr großzügig dimensioniert. Sie können nun bei den künftig zu erwartenden häufigeren Starkregen ihre Vorteile ausspielen. „Auch die Renaturierung der Isar war ursprünglich mit Blick auf den besseren Erholungs- und Freizeitwert geplant“, räumte Lorenz ein. „Doch ohne Isarrenaturierung wären beim letzten großen Hochwasser im Sommer 2005 in Thalkirchen größere Überschwemmungen aufgetreten.“ Sorgen bereiten dem Umweltfachmann vor allem die kleineren Gewässer Würm und Hachinger Bach, wo die Bebauung teilweise sehr nah an die Ufer heranreicht. Die staatlichen Aufsichtsbehörden hätten die Stadt bereits zum Handeln aufgefordert. Doch Anpassungsmaßnahmen gestalten sich schwierig, weil die Umlandgemeinden zustimmen müssten und weil der Ausweis von Überschwemmungsgebieten auf den Widerstand der Grundstückseigentümer stoße. Um das Problem der Wärmeinseln in den Griff zu bekommen, setzt die Stadt unter anderem auf das Entsiegeln von Flächen. „Bei der Messestadt Riem am ehemaligen Flughafen ist das gut gelungen, ebenso bei vielen früheren militärischen Einrichtungen, die in Wohn- und Gewerbegebiete umgewandelt wurden“, berichtet Lorenz. Beim Problem Abwärme von Kraftwerken, die mangels Kühlwasser im Rekordsommer 2003 nicht mehr unter Volllast laufen konnten, verspricht er sich Abhilfe durch den verstärkten Einsatz regenerativer Energien. „Bis 2020 ist geplant, deren Anteil auf 20 Prozent zu erhöhen, entweder durch eigene Anlagen oder durch Beteiligung an Projekten außerhalb der Stadt“, stellte Lorenz in Aussicht. Doch was passiert tatsächlich, wenn die Durchschnittstemperaturen in München zwei Grad höher als heute liegen? „Seriöse exakte Prognosen über extreme Niederschläge, Stürme oder Hagel sind nicht möglich“, schränkt Stock ein. Denn alle Modelle seien mit einer Vielzahl von Unsicherheiten behaftet, sie würden lediglich einen Trend wiedergeben. Was das im einzelnen für die Abwasserkanäle oder den Hochwasserschutz bedeutet, sei nicht ablesbar. Die Folgen des Klimawandels verlaufen zudem nicht linear zum Temperaturanstieg. „Ab einer bestimmten Erwärmung legt sich praktisch ein Kippschalter um, der die Welt vor eine völlig neue Ausgangslage stellt“, warnt der Klimaexperte. Jenseits der Zwei-Grad-Marke werde es spannend, und bei vier Grad Anstieg, dem Horrorszenario bis Ende 2100, „ist Schluss mit lustig“. Auch Lorenz ist sich der Unsicherheiten bewusst. „Die Statistiken zeigen zwar, dass sich die hochwasserähnlichen Ereignisse häufen, weil die Niederschläge im Spätfrühling, die auf die Schneeschmelze in den Alpen treffen, zunehmen. Ob die Systeme auch künftigen Hochwassern standhalten, ist aber schwer zu sagen.“ Um Maßnahmen zu ergreifen, wären genauere Informationen nötig, weil enorme Investitionen auf dem Spiel stehen. „Wir benötigen eine kleinräumliche Prognose für den Großraum München“, richtet er die Forderung an die Wissenschaft. Stock zufolge sind in Deutschland vier Regionalmodelle im Einsatz, die alle unterschiedliche Ergebnisse liefern. Ein Vergleich der Ergebnisse könne Anhaltspunkte über mögliche Veränderungen liefern. Um die Folgen von Extremereignissen durchzuspielen, müssten sich Experten aus dem Bereich Hydrologie, Geo-Informationssysteme und Klimaforschung an einen Tisch setzen. Trotz aller Unsicherheiten hat der Professor ein paar Vorschläge parat, die der Stadt im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels helfen können: Mehr Grünflächen auf die Dächer, öffentliche Parkanlagen als zusätzliche Regenrückhaltebecken nutzen und den Hochwasserschutz verbessern. Lorenz setzt zudem auf die Geothermie. „Sie wird in München eine große Rolle spielen“. Derzeit lässt die Stadt den Boden seismisch auf geeignete Standorte untersuchen. In Riem und in dem neu entstehenden Stadtteil Freiham komme sie zum Einsatz, in der Gemeinde Sauerlach südlich von München könnte heißes Wasser aus der Tiefe sogar zur Stromerzeugung genutzt werden. In puncto Klimawandel und Migration zeichnete Stock ein düsteres Bild. „Umweltflüchtlinge werden bedingt durch den Anstieg des Meeresspiegels ein großes Problem“, prophezeit er. Neben Bangladesch seien ab 2050 auch andere tiefer gelegene Küstenregionen bedroht, so dass Flüchtlingsströme „biblischen Ausmaßes“ zu erwarten seien. Zusätzlich würden Dürren die Lebensbedingungen in Afrika und später auch in Asien erheblich verschlechtern. „München wird sicherlich eine große Sogwirkung auf diese Flüchtlinge ausüben“, befürchtet Lorenz. Allerdings werde in dieser Richtung kaum weitergedacht, weil bislang eher das Schicksal von Kriegsflüchtlingen im Vordergrund stehe. Einstweilen gut gerüstet scheint dagegen das Gesundheitssystem, um mit einem Anstieg von Infektionskrankheiten im Zuge des Klimawandels fertig zu werden. „Allerdings stellte im Rekordsommer 2003 die Fülle von Anfragen aus der Bevölkerung zum Thema Hitzestress die Verwaltung vor enorme Herausforderungen“ weiß Lorenz. Neue Stellen in der Umweltmedizin sollen Abhilfe schaffen. Global gesehen sind die Aussichten ausgesprochen düster. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet damit, dass der Klimawandel die meisten Opfer durch Infektionskrankheiten fordern wird. „Ich bin mir aber nicht sicher, ob diese Einschätzung zutrifft, weil die Zahl der Naturkatastrophen erheblich zunehmen wird“, hält Stock dagegen. Und auch die Todesfälle wegen Hitzestress sind nicht zu vernachlässigen. Im Ausnahmesommer 2003 kamen in Europa hitzebedingt etwa 50 000 Menschen ums Leben. „Temperaturen wie 2003 werden in den 40er Jahren des 21. Jahrhunderts ein normaler Sommer sein, in den 60er Jahren sogar ein eher kühler Sommer“, glaubt Stock. Ob dann der Riesling von der Isar den Menschen auch noch bekommt? 15. April 2008 |