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Dr. Patrick Illinger, Dirk Reinhard, Prof. Johannes Müller SJ
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Prof. Claudia Kemfert
01Dr. Patrick Illinger, Dirk Reinhard, Prof. Johannes Müller SJ
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Rohstoffknappheit – Konflikt vorprogrammiert!

Wirtschaftliche, politische und soziale Folgen

Das Thema des Abends hätte kaum aktueller sein können. Denn der russisch-ukrainische Gasstreit Anfang des Jahres hat uns vor Augen geführt, wie rasch Energiestreitigkeiten eskalieren können. Welche Auswirkungen die Rohstoffknappheit hat und wie wir den Folgen schwindender Ressourcen am besten begegnen können, diese Fragen standen im Mittelpunkt der zweiten Veranstaltung der Dialogforen „Ressourcen“ am 20. Januar 2009.

Rohstoffknappheit hat viele Facetten. Neben den wirtschaftlichen Folgen dürfen soziale Dimensionen nicht vergessen werden. Zum einen können sich weite Teile der Weltbevölkerung teure Rohstoffe nicht leisten. Zum anderen werden Mensch und Natur die Lebensgrundlagen entzogen, wenn etwa für den Anbau von Biokraftstoffen Regenwald abgeholzt wird, umriss Dirk Reinhard, stellvertretender Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung, das Thema.

„Öl ist eigentlich viel zu schade zum Verbrennen“, erklärte Prof. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Denn es ist auch ein Rohstoff für lebensnotwendige Produkte. Nach der jüngsten Studie der Internationalen Energieagentur IEA wird spätestens 2030 die maximale Ölförderung erreicht sein, weil die Ölfelder zunehmend erschöpft sind. „Wir bräuchten drei neue Saudi-Arabien, um eine weitere Ausweitung des Ölangebots sicherzustellen“, verdeutlichte Kemfert die Dimensionen. Die aus Klimasicht problematische Kohle sei dagegen noch für die nächsten 200 Jahre reichlich vorhanden.

Die Wirtschaftskrise dämpft zwar die Energienachfrage, das sei aber nur ein kurzfristiger Effekt. Denn Länder wie China und Indien haben einen großen Nachholbedarf. Hinzu kommt, dass angesichts des rapiden Preisverfalls von Rohöl während der vergangenen Monate viele Explorationsprojekte gestoppt werden. Kemferts Fazit: „Man sollte nicht warten, bis die Ölpreise wieder steigen, dann wäre es möglicherweise zu spät und Engpässe sind schnell möglich.“ Wichtig sei außerdem, in Forschung und Entwicklung von alternativen Antriebsstoffen zu investieren und Gebäude besser zu dämmen.

Hohe Preise seien kein Allheilmittel, um die Rohstoffknappheit zu bekämpfen. Ein hoher Ölpreis ist erstens schlecht für den Klimaschutz, weil dann mehr Kohle eingesetzt wird, etwa zur Kohleverflüssigung oder Kohlevergasung und zweitens Gift für die Wirtschaft. „Preissteigerungen haben die deutsche Volkswirtschaft im ersten Halbjahr 2008 ca. 19 Milliarden Euro gekostet“, erläuterte Kemfert. Sie forderte einen Energiemix mit Weitblick. „Wir können unser Energiesystem nicht mal eben schnell umstellen.“ Es dauert etwa 40 Jahre, bis eine Technologie erforscht ist und die Infrastruktur steht. Deshalb müsse man die Energiekrise vermeiden, bevor die Preisspirale drohende Knappheit signalisiert.

Prof. Johannes Müller SJ, der am Institut für Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Philosophie in München Sozialwissenschaften und Entwicklungspolitik lehrt, befürchtet einen neuen Kalten Krieg um Rohstoffe. Denn das Naturkapital sei eine unverzichtbare Basis zum Überleben. „Energie ist Grundvoraussetzung für Wachstum und um Armut zu bekämpfen.“ Ohne ausreichende Energieversorgung seien etwa die Millennium-Entwicklungsziele der UN nicht zu erreichen, meinte er.

Konflikte ergeben sich jedoch, wenn unterschiedliche Vorstellungen über die Verwendung von Ressourcen bestehen oder wenn die Rohstoffe knapp werden. Zudem birgt die regional zufällige Verteilung strategisch wichtiger Ressourcenvorkommen die Gefahr von Verteilungskonflikten. Wegen ihrer stärkeren Verhandlungsmacht sind große Länder hier im Vorteil. Nicht vergessen werden dürften die Sekundärkonflikte wie Umweltmigration, die aus den Primärkämpfen um die Ressourcen entstehen können, mahnte Müller.

„Hohe Preise allein sind auch keine Lösung, weil dann die Hauptlast die Armen tragen. Entwicklungsländer müssen Zugang zu bezahlbarer Energie haben“, forderte er. Massive ethische Probleme entstehen, wenn die Regierung die Preise für Ressourcen anhebt. Unruhen und Destabilisierung seien die Folgen.

Allerdings sieht er auch die Chance, dass die Rohstoffknappheit einen heilsamen Druck zur Zusammenarbeit schafft, der letztendlich in einem Global Deal zur Nachhaltigkeit münden könnte. Um beispielsweise die Stromversorgung Indonesiens nachhaltiger zu gestalten, könnte die vorhandene Geothermie genutzt und weniger Energiebedarf aus Kohlekraftwerken gedeckt werden. Dazu sind allerdings Investitionen nötig, die das Land alleine nicht stemmen kann. „Hier müssen die Industrieländer in eigenem Interesse Indonesien helfen, die Energie aus der Tiefe der Erde zu nutzen“.

Generell sei es sehr wichtig, so Müller, die Entwicklungsländer dazu zu bewegen, einen anderen Energiepfad als die Industrieländer zu beschreiten. „Die nächsten 10 bis 15 Jahre entscheiden über die Energieverwendung in den kommenden 50 Jahren“.

Der Weg in eine nachhaltige Energiewirtschaft ist auch deshalb schwierig, weil die Marktpreise nicht die tatsächliche Knappheit widerspiegeln. „Hier muss die Politik ran“, forderte Kemfert. Denn die Wirtschaft alleine könne die Probleme nicht lösen. Als gelungene Beispiele für politische Initiativen nannte sie das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland oder das europäische 20/20/20-Ziel. Es sieht vor, bis 2020 die Treibhausgasemissionen um 20 Prozent zu reduzieren, den Anteil der Erneuerbaren Energien auf 20 Prozent am Gesamtenergieverbrauch aufzustocken und die Energieeffizienz um 20 Prozent zu verbessern.

Müller sieht angesichts schwindender Ressourcen einen erheblichen Handlungsdruck auf die Politik zukommen. „Die Realität wird sich nicht nach unseren Wünschen richten, die Erde ist endlich“, sagte er und warf den Industrieländern eine Doppelmoral vor. Denn während Indonesien in den vergangenen Jahren die Energiepreise trotz erheblicher Auswirkungen auf die Armen drastisch erhöht hat, heißt es oft, wir könnten uns das nicht leisten. „Ich traue uns mehr zu, wenn wir nur wollen“.

Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg. Denn erstens unterbleiben wegen der oft kurzfristigen Denkweiseeigentlich sinnvolle Investitionen, und zweitens wird die Vernetzung zu wenig beachtet. „Obwohl der tropische Regenwald wichtig für das Klima ist, wird er abgeholzt, um nachwachsende Kraftstoffe zu gewinnen“, bemängelte er. Eine kurzfristig große Chance erkennt Müller in einer verbesserten Energieeffizienz durch Wärmedämmung oder in anderen Formen der Mobilität. „Wir werden gezwungen, diesen Weg zu gehen, weil auf lange Sicht andere Länder auf ihre Emissionsrechte pochen werden.“

Erneuerbare Energien, davon ist Kemfert überzeugt, werden erst ab Mitte des Jahrhunderts eine tragende Rolle übernehmen. Fossile Energieträger bleiben also bedeutsam, und in Deutschland wird die Abhängigkeit vom Gas zunehmen. Doch wie sicher ist unsere Versorgung? Kemfert glaubt, dass die Energieunternehmen nicht darauf eingestellt sind, dass das Gas länger ausfällt. Mit der geplanten Ostseepipeline würde das Gewicht Russlands bei den Gaslieferungen noch einmal zunehmen. Die Politik habe bislang keine Antworten, wie man mit dieser Problematik umgehen soll, Alternativen seien nicht in Sicht. Denn: „Bei möglichen Gaslieferanten wie Iran oder Aserbaidschan stellt sich die Frage der Stabilität“. Einen Ausweg könnten Terminals für Flüssiggastransporte bieten, wie es sie in Japan bereits gibt.

Wie ist es eigentlich ethisch zu beurteilen, wollte Moderator Dr. Patrick Illinger wissen, wenn ein Land wie Ecuador, unter dessen Regenwald enorme Ölreserven schlummern, von den Industrieländern eine Entschädigung für den Schutz des Regenwaldes fordert. „Die Forderung ist im Prinzip berechtigt“, erklärte Müller. Schließlich verzichtet das Land zugunsten der Weltgemeinschaft auf mögliche Einnahmen aus den Ölverkäufen. „Wir brauchen so etwas wie eine Weltkonvention, wie sie die UN-Klimakonferenz in Rio de Janeiro 1992 bereits angedacht hat.“ Der Weg dahin sei schwierig und nur gangbar, wenn allen Länder daraus Vorteile erwachsen.

Haben wir also eine Chance, den Übergang in eine nachhaltige Welt zu realisieren, ohne dass es erst zur Katastrophe kommen muss? „Das wird eine Riesenanstrengung, ist aber zu schaffen“, glaubt Kemfert. Schließlich wissen wir, wohin die Reise gehen soll. Doch man müsse einige Bahnen verändern und die Chancen sehen. Auch Müller verbreitete Zuversicht: „Ich habe lange Zeit in Südostasien gelebt und dort festgestellt, wie Menschen mit Schwierigkeiten fertigwerden. Das macht mich optimistisch.“

Das nächste Dialogforum Ressourcen zum Thema „Zukunft satt – kann uns die Erde noch ernähren?“ findet am Dienstag, dem 17. Februar 2009, um 19:00 Uhr statt.

20. Januar 2009

Dialogforen

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Kontakt

> Martina Mayerhofer