"Ressourcen - wohin geht die Reise? Wettstreit um Ressourcen oder Innovationen für die Zukunft?"Auftakt Dialogforen "Ressourcen" am 21. Oktober 2008 Zum vierten Mal richtet die Münchener Rück Stiftung 2008/2009 ihre Veranstaltungsreihe „Dialogforen" aus. Im Mittelpunkt steht diesmal das brandaktuelle Thema Ressourcen. Wie viele Menschen verträgt unser Planet?Der Abend im Münchener-Rück-Forum war bis auf den letzten Platz ausgebucht. Dr. Patrick Illinger, Leiter des Ressorts Wissen der Süddeutschen Zeitung, forderte Dr. Thilo Bode, Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch, und Prof. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz Gruppe, heraus: “Führt die Ressourcenausbeutung zum Crash?“ Schon vor mehr als dreißig Jahren hat Dennis Meadows, einer der Vordenker des Club of Rome, die Grenzen des Wachstums ausgelotet und dabei die Rohstoffknappheit thematisiert. Heute sind die Probleme nicht weniger drängend: Etwa eine Milliarde Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, für 2,5 Milliarden ist eine hygienische Abwasserentsorgung nicht gegeben. „Um die Probleme zu lösen, so schätzen Experten, wären etwa 20 Milliarden Dollar nötig“, erklärte Stiftungsgeschäftsführer Thomas Loster und beklagte die grotesken Relationen: „So viel geben die Menschen in den USA jedes Jahr für Speiseeis aus.“ Entgegen der Vorhersagen des Club of Rome glaubt foodwatch-Experte Bode nicht, dass den 9 Milliarden Menschen zwangsläufig die Rohstoffe ausgehen. „Niemand müsste verhungern, die Verteilung ist ein politisches Problem“, kritisierte er. So sei der Fleischkonsum zu hoch, die Viehzucht allein beanspruche etwa die Hälfte der Anbaufläche von Getreide. Bei nicht nachwachsenden Rohstoffen wie Metallen würden steigende Preise und die Kreislaufwirtschaft die Folgen der Knappheit entschärfen. Problematisch sei es aber, wenn nachwachsende Rohstoffe schneller genutzt würden, als sie neu entstehen. „Das Ökosystem wird geschädigt, die Biodiversität sinkt“, malte der ehemalige Greenpeace-Chef die Konsequenzen aus. Im Sinne der Nachhaltigkeit stelle sich daher die Frage, „welches Wirtschaftswachstum wir uns leisten können.“ Selbst bei den fossilen Energieträgern erkennt Bode keine unmittelbare Knappheit: „Es gibt jede Menge Kohle, das Problem ist das CO2 und der damit verbundene Klimawandel.“ Erneuerbare Energien alleine weisen keinen Ausweg. Vielmehr gehe es darum, die Energie effizienter zu nutzen. Auch hier bestehe keine Gefahr für das Wirtschaftswachstum, beruhigte Bode, „aber es wird anders als heute aussehen.“ Das stürmische Wachstum der vergangenen Jahre ist für den Ökonomen Heise der Hauptgrund, warum die Rohstoffpreise so rasant gestiegen sind. „Seit dem Jahr 2000 hat sich Energie um das Dreieinhalbfache verteuert“, verdeutlichte er das Ausmaß. Zum einen konnte das Angebot nicht mit der Nachfrage Schritt halten, zum anderen haben spekulative Elemente die Entwicklung noch verstärkt. Der exorbitante Preisanstieg hat den globalen Konjunkturaufschwung allerdings gestoppt und die Rohstoffnotierungen gedrückt. Auch wenn nun gewisse Übertreibungen bereinigt werden, sollte man sich nicht blenden lassen: „Sobald das Wachstum in den aufstrebenden Ländern wieder anzieht und die Konjunkturkrise in den Industrieländern überwunden ist, wird das Rohstoffthema mit großer Brisanz in den Vordergrund rücken“, ist sich Heise sicher. Handlungsbedarf sieht der Wirtschaftsexperte vor allem auf zwei Gebieten. „Erstens müssen wir die Energieeffizienz steigern und den Anteil erneuerbarer Energien ausbauen. Zweitens werden wir uns künftig beschränken müssen, allein um das Klimaproblem in den Griff zu bekommen“. Für viele Regionen der Welt wie China oder Indien, die mitten im Aufholprozess stecken, sei das keine angenehme Diagnose. Heise befürchtet, dass das Spannungsfeld zwischen Erhaltung der Lebensgrundlagen und Armutsbekämpfung künftige Konflikte birgt. „Der Kampf um Rohstoffe wird sich intensivieren, daher ist eine stärkere internationale Verflechtung nötig.“ Angesichts düsterer Meldungen – die Ölvorräte neigen sich dem Ende zu, der Klimawandel vertreibt Menschen aus ihren angestammten Gebieten, Artenvielfalt und Böden sind gefährdet – drängt sich die Frage auf, ob die Menschheit nicht unweigerlich auf einen Crash zusteuert. „Ich denke mit der richtigen Politik können wir das verhindern“, zeigte sich Heise zuversichtlich. Allerdings wälze die Politik aus wahltaktischen Gründen das Problem gerne ab. Er räumte ein, dass sich die nötige internationale Koordination schwierig gestalten werde. foodwatch-Geschäftsführer Bode nimmt ebenfalls die Politik in die Pflicht: „Ohne Regeln geht es nicht.“ Wenn man globale Rohstoffgerechtigkeit etablieren wolle, müsse man das Anspruchsdenken entsprechend anpassen. Appelle an die individuelle Verantwortung seien zwar nötig, aber der Mensch verhalte sich nun einmal ökonomisch. „Wenn der Markt nicht von alleine die richtigen Preise findet, etwa bei der CO2-Problematik, muss die Politik einen entsprechenden Rahmen setzen“, forderte er. Viele Fortschritte werden nach Ansicht von Bode von Interessengruppen verhindert. „Wir wissen genug über Effizienz, setzen dieses Wissen aber nicht ausreichend um“, beklagte er und führte als Beispiel die Autoindustrie an. Ingenieure vollbrächten technische Meisterleistungen, Motoren seien faszinierende Wunderwerke. Der Effekt sparsamerer Motoren werde aber zunichte gemacht, weil die Fahrzeuge immer schwerer würden. „Wir müssen es nur wollen, mutige und schmerzhafte Entscheidungen zu treffen“, appellierte er an das Publikum und warf den Politikern vor, zu wenig zu unternehmen. „Ich bin frustriert, weil wir uns seit Jahren im Kreis drehen“. Doch warum nutzen wir die Ressourcen im Zeitraffertempo, obwohl sich die Menschheit längst über deren Begrenztheit bewußt ist? „Das hängt mit dem menschlichen Verhalten zusammen, die Gegenwart deutlich wichtiger zu nehmen als die Zukunft,“ erklärte Chefvolkswirt Heise. Hinzu komme die besondere Angebotsstruktur bei Rohstoffen, die oft in Ländern gefördert werden, die mitten in der wirtschaftlichen Entwicklung stecken und das Geld jetzt benötigen. Könnte man nicht so weitermachen wie bisher und darauf setzen, dass die Zukunft schon eine Lösung bringen wird, wie manche Menschen hoffen? „Technische Innovationen sind nicht prognostizierbar“, gab Heise zu bedenken. Die Politik dürfe sich daher nicht darauf verlassen. Es sei aber möglich, Innovationen durch bestimmte Prozesse zu fördern. Bode pflichtete ihm bei und warnte: „Wir hinken bereits hinterher und können nicht auf Innovationen vertrauen, die kommen oder nicht. Das wäre wie ein Restaurantbesuch ohne Geld, in der Hoffnung, im Teller Muscheln eine Perle für die Bezahlung zu finden.“ Auch von der Idee, Ressourcen wie den Regenwald zu schützen, indem reiche Menschen sich dort einkaufen, ist Bode wenig angetan: „Ich halte nichts davon, denn die dafür geeigneten Flächen sind zu klein und Eigentumsrechte ungeklärt.“ Überdies verwies er auf ein massives Glaubwürdigkeitsproblem: „Wir bewältigen die Probleme nur dann, wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen.“ Hier hat Europa zumindest mit den handelbaren Emissionsrechten eine Führungsposition übernommen. Für Heise wäre es eine gute Idee, diesen Handel auf Bereiche auszudehnen, in denen Marktkräfte alleine ebenfalls keine Lösung finden. Dennoch ist die Frage, wie die Menschheit mit dem Problem endlicher Ressourcen umgehen soll, nach zwei Stunden lebhafter Diskussion bei weitem nicht geklärt. Die folgenden vier Veranstaltungen der Dialogforen 2008/2009 dürften aber weitere aufschlussreiche Einblicke gewähren. Der nächste Termin ist der 20. Januar 2009, das Thema lautet „Rohstoffknappheit – Konflikt vorprogrammiert!“.
21. Oktober 2008 |