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Karsten Smid, Greenpeace Deutschland
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Dr. Hermann Scheer, EUROSOLAR, MDB
01Karsten Smid, Greenpeace Deutschland
02Dr. Hermann Scheer, EUROSOLAR, MDB

Energiemix 2030 – mit neuer Energie in die Zukunft?

Dialogforum „Ressourcen“ am 21. April 2009

Das fünfte und letzte Dialogforum zum Thema „Ressourcen“ widmete sich der Frage, wie wir künftig unseren Energiebedarf decken werden. Energiegeladen präsentierten der Bundestagsabgeordnete und Präsident von EUROSOLAR Dr. Hermann Scheer sowie Greenpeace-Kampagnenleiter Karsten Smid ihre Visionen für die Zukunft.

Smid stellte folgende Forderungen an einen künftigen Energiemix: Er muss die Ressourcen schonen, umwelt- und klimaverträglich sein, die Versorgungssicherheit gewährleisten sowie die technischen Risiken minimieren. Gleichzeitig sollte er aber auch wirtschaftlich und wettbewerbsfähig sein. Dass die Energiewende rasch kommen muss, daran lässt der Experte für Klimaschutz, Verkehr und Energie keinen Zweifel: „Die bislang diskutierten Reduktionen der CO2-Emissionen bis 2050 sind nicht realistisch oder ausreichend, um das Klima zu stabilisieren.“

Um die Erwärmung langfristig unter gerade noch akzeptablen 2 Grad Celsius zu halten, dürften zum einen die Emissionen nach 2015 nicht weiter ansteigen, zum anderen müssten allein die Industrieländer ihren Ausstoß bis 2020 um 40 % gegenüber 1990 verringern. „Wir können die wissenschaftlichen Ergebnisse nicht ändern, sondern müssen unsere Klimapolitik daran ausrichten”, gab Smid zu bedenken.

Die CCS-Technik, CO2  aus Kraftwerksemissionen abzuscheiden und im Untergrund zu speichern, biete keine Lösung. Denn: „Sie steht frühestens 2030 zur Verfügung und kommt damit für die Industrieländer zu spät.“  Einen Ausweg bieten mehr Effizienz und die Nutzung von erneuerbaren Energien, wobei vor allem Windkraft und Photovoltaik das größte Potenzial haben. Geothermie und Wasserkraft könnten ebenfalls ihren Beitrag zur Energiewende leisten. Aber: „Große Staudammprojekte lehnen wir ab,“ fasste er die Position von Greenpeace zusammen. Auch die Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen sieht Smid wegen negativer Effekte auf die Nahrungsmittelproduktion skeptisch. Dennoch sei es möglich, bis 2030 rund 70 % und bis 2050 sogar fast 90 % unseres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen zu decken.

Größtes Hindernis auf dem Weg dorthin sei die Blockade der Energieunternehmen. „Zur gesamten Stromerzeugung in Deutschland steuern die vier großen Konzerne Eon, Vattenfall, RWE und EnBW gerade einmal 1 % mit erneuerbaren Energien bei, wenn man den immer schon vorhandenen Wasserkraftanteil ausklammert.“ Auch bei den Investitionen würden die Konzerne hinterherhinken. Deshalb müssten wir uns von der doppelten Abhängigkeit aus Rohstoffimporten und den Interessen der Konzerne lösen.

Nachhaltigkeit und Globalisierung

Mit Blick auf die Milliarden, die für die Bewältigung der Bankenkrise aufgewendet werden, meinte Smid: „Banken sind in der Tat systemrelevant, es gibt aber nichts systemrelevanteres als das Klima.“ Beide Probleme seien mit Hilfe eines Green New Deal, also mit massiven Investitionen in grüne Energien, in den Griff zu bekommen. „Der Weltklimarat hat die wichtigsten Aussagen formuliert, jetzt müssen wir handeln.“

Für Hermann Scheer sind die sogenannten „Energieexperten“ ein Teil des Problems. So hätten führende Wissenschaftler Ende der 80er Jahre das Potenzial der Windkraft viel zu niedrig eingeschätzt, und die Internationale Energieorganisation IEA habe noch 2006 mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 35 Dollar je Barrel bis 2030 gerechnet. „Es ist schon erstaunlich, dass die noch als Energieexperten gelten“, polterte der Vorsitzende des Weltrats für erneuerbare Energien.

Zwei Prämissen gelte es bei der Suche nach dem künftigen Energiemix zu beachten:  Erstens sei es unzureichend, Energiepolitik allein unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels zu betrachten. „Auch ohne diese Problematik wäre das Weltenergiesystem nicht intakt.“ Denn Öl, Kohle, Gas und Uran sind endlich, die Ansprüche der Menschen wachsen jedoch beständig. „Hätten China und Indien ihre wirtschaftliche Aufholjagd schon vor 50 Jahren begonnen, wären die Vorkommen längst erschöpft“, ist sich Scheer, der 1999 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, sicher.

Hinzu kommt, dass sich immer mehr Entwicklungsländer wegen ihrer geringeren Kaufkraft die hohen Preise nicht mehr leisten könnten. „Über 40 Länder müssen mehr für Energieimporte ausgeben, als sie über ihre gesamten Exporte erwirtschaften.“ Mit der Verknappung der Ressourcen steigen die Preise weiter, und die Konflikte um die Restquellen nehmen zu. „Das ist ein Weltproblem ersten Ranges“, konstatierte Scheer. Deshalb müsse die Energiewende in den nächsten drei Jahrzehnten stattfinden.

Seine zweite Prämisse lautet: Der Wechsel kann schneller vonstatten gehen, als wissenschaftliche Szenarien heute glauben machen. „Wer kann vorhersagen, in welchen Sprüngen die Energiepreise steigen oder wie Wahlen die Politik verändern“, fragte er ins Publikum. Wer könne sagen, wie technische Entwicklungen verliefen. Der künftige Energiemix sei daher heute nicht vorhersehbar.

Stattdessen rät er zu einer Plausibilitätsanalyse. „Alle haben die rasanten Entwicklungen bei den erneuerbaren Energien unterschätzt“, sagte Scheer. Wenn sich der bisherige Trend fortsetzt, könnte schon in dreieinhalb Jahrzehnten der gesamte Strom daraus gewonnen werden. „Das Potenzial ist heute schon da, wir müssen es nur mit technischer Hilfe anzapfen.“ Wesentliche Hindernisse seien starke Interessengruppen und mentale Blockaden. Doch warnte Scheer vor Verzögerungen: „Was wir heute versäumen, kommt uns morgen teuer zu stehen.“ Verschleppen wir die nötigen Anpassungen, werden wir in eine Reihe aufgestellter Energiefallen tappen. Wie schnell ein Wechsel stattfinden kann, zeige die Informationstechnologie. So haben die Prognosen über die Mobilfunk-Verbreitung Ende der neunziger Jahre die tatsächliche Entwicklung drastisch unterschätzt.

Nach Ansicht von Greenpeace-Vertreter Smid muss Deutschland aufpassen, seinen technologischen Vorsprung nicht zu verlieren. „Bei der Windtechnologie lassen wir uns z.B. gerade von den Chinesen oder Amerikanern abhängen“, kritisierte er und ergänzte: „Auch bei der Photovoltaik waren wir vor 10 bis 15 Jahren Weltmeister.“ Die großen Konzerne hätten die Entwicklung verschlafen, dafür sind junge Firmen wie Q-Cells oder Solarworld entstanden. Inzwischen sind die Japaner und die Chinesen aber auch hier in der Entwicklung weiter.

Energiearten auf dem Prüfstand

Für die Solarthermie, bei der deutsche Technik zurzeit führend ist, sieht Smid vor allem Chancen in südlichen Regionen wie der Sahara oder Spanien. Allerdings stehe der Durchbruch noch aus. Geothermie sei in Deutschland nur bedingt interessant, gerade bei der Stromerzeugung stoße man auf Beschränkungen. So sei es aufwändig, geeignete geothermische Felder zu erschließen, zudem bestehe die Gefahr, beim Bohren Beben auszulösen, wie ein Beispiel aus der Schweiz zeigt.

Scheer zufolge haben Geothermie und Photovoltaik unschlagbare Vorzüge bei der Umstellung von Gebäuden auf erneuerbare Energien. „Es gibt bereits Fertighäuser, die mehr Energie erzeugen, als die Bewohner verbrauchen.“ Bei einer Neubaurate von 3 % pro Jahr dauert es allerdings mehr als 30 Jahre bis der Gebäudebestand entsprechend umgestellt ist.

Den Einwand, dass erneuerbare Energien teurer sind als konventionelle, lässt der Präsident der Vereinigung EUROSOLAR nicht gelten. „Wir müssen den richtigen Bezug herstellen“, forderte er. Wenn man die externen Kosten – also beispielsweise Schäden an Gesundheit und Umwelt – mit einbezieht, seien traditionelle Energieträger nicht billiger. Zudem vergleiche die Energiewirtschaft die Kosten für abgeschriebene Anlagen mit einer jungen Technologie, Kohlesubventionen verzerrten das Bild zusätzlich. „Wenn der Marktpreis das entscheidende Kriterium sein soll, benötigen wir Marktgleichheit.“

Stürzt die Kernkraft vor dem Hintergrund des Klimawandel Greenpeace nicht in ein Dilemma, wollte Moderator Dr. Patrick Illinger wissen. „Wir sollten uns nicht in die Lage bringen, zwischen Pest und Cholera wählen zu müssen“, entgegnete Smid. Die Kernkraft sei eine Hochrisikotechnologie, die nicht versicherbar und daher auch nicht verantwortbar sei. Zudem bleibe die Frage der Endlagerung von Atommüll ungelöst. „Die wahren Kosten der Atomkraft liegen deutlich höher.“

Welche Länder taugen als Vorbild für unsere künftige Energiepolitik? „Deutschland gilt im Bereich erneuerbare Energien weltweit als Vorbild, sogar in den USA“, lobte Scheer. Auch der Ausstieg aus der Kernkraft sei vorbildlich. Im Bereich der fossilen Brennstoffe habe jedoch Dänemark den besseren Weg eingeschlagen. Bereits 1992 wurde der Bau neuer Kondensationskraftwerke untersagt, bei denen die Abwärme nutzlos verpufft. Statt dessen setzte das Land verstärkt auf die Kraft-Wärme-Kopplung. Indiskutabel ist für Scheer der Weg zu mehr Atomkraft, wie ihn Großbritannien beschreiten will, genauso wie die Lagerung von Klimagasen unter der Erde mit der CCS-Technologie.

Wäre es vorstellbar, eines Tages im großen Stil aus der Sahara Strom zu beziehen? Schließlich reicht eine Fläche von nur 300 mal 300 km, um den gesamten Strombedarf der Welt zu decken. „Das funktioniert nur rechnerisch“, ließ Scheer keinen Zweifel. Er warnte vor dem Monopol, das entsteht, wenn die Welt an einem einzigen Anbieter hänge. Auch die Idee, immer mehr Windanlagen vor den Küsten zu installieren, führe in die Sackgasse. Höhere Investitions- und Wartungskosten machten den Vorteil des konstanteren Winds auf See zunichte, so dass der Strom am Ende teurer ist als der von Anlagen an Land. Greenpeace-Experte Smid ist weniger strikt. Dezentrale Versorgung und zentrale Großprojekte gehen bei ihm Hand in Hand. 

Der Energiemix 2030, das trat im Verlauf der Diskussion immer klarer hervor, dreht sich vor allem um Strom. „Er ist der attraktivste Sekundärenergieträger und am vielseitigsten einsetzbar“, begründete Scheer die Dominanz. Zudem werde der Stromanteil am Gesamtenergieverbrauch steigen, auch durch Elektromobile. „Wenn alle Autos in Deutschland elektrisch angetrieben werden, brauchen wir 15 Prozent mehr Strom.“ Doch der Greenpeace-Vertreter Smid warnte vor zu großer Euphorie. Bisher haben Elektroautos einen höheren CO2-Ausstoß als Benziner, weil die Energieversorger immer noch vor allem auf Kohle setzen.

Wasserstoff als Energieträger für den Verkehrsbereich ist keine Alternative, weil zu viele Umwandlungsschritte nötig sind, um den Brennstoff zu erzeugen und weil die Speicherung technisch sehr aufwändig ist. Das bringt Effizienzverluste und hohe Kosten mit sich. „Am Ende bleibt 50 % der eingesetzten Energie übrig,“ beklagte Scheer und fügte hinzu: „Warum den Umweg gehen, wenn auch der gerade Weg möglich ist?“ Chancen hingegen sieht er im Müll, der künftig wesentlich mehr organische Abfälle als heute enthalten werde. Deren Verwertung könnte eine Schlüsselrolle bei den erneuerbaren Energien einnehmen. Denn 20 Milliarden Kubikmeter organische Abfälle bringen etwa 100 Milliarden Kilowattstunden Strom, rechnete er vor.

Heute Weichen stellen

Nach gut zwei Stunden Diskussion war dem Publikum klar: Auch in 20 Jahren werden die Lichter bei uns nicht ausgehen. Allerdings wird der Strom dann viel stärker als heute aus Sonne und Windkraft gewonnen. Die Weichen dafür, dass dieser Übergang reibungslos klappt, müssen wir aber bereits heute stellen.  

21. April 2009