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Günter Hemrich, Dr. Manfred Kern
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Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald
01Günter Hemrich, Dr. Manfred Kern
02Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald

Zukunft satt – kann uns die Erde noch ernähren?

Dialogforum „Ressourcen“ am 17. Februar 2009

Steigende Nahrungsmittelpreise und Hungerrevolten in einigen Ländern haben Sorgen vor einer weltweiten Lebensmittelkrise geschürt. Ist die Menschheit überhaupt in der Lage, die wachsende Bevölkerung ausreichend mit Nahrung zu versorgen? Dieser elementaren Frage gingen die Experten auf dem dritten Dialogforum der Reihe „Ressourcen“ am 17. Februar 2009 nach.

Im Gegensatz zu Bodenschätzen wachsen Nahrungsmittel nach und sind im Prinzip unerschöpflich. Doch die Bevölkerungszunahme und veränderte Konsumgewohnheiten gefährden die Versorgung von Millionen Menschen. „Die Zahl der Unterernährten ist wegen der hohen Nahrungsmittelpreise stark gestiegen“, beklagte Günter Hemrich, Programmkoordinator bei der UN-Ernährungsorganisation FAO. Als drastisches Beispiel führte er den Reispreis an, der sich in rund drei Jahren bis Mai 2008 annähernd vervierfacht hat. Für Haushalte in Entwicklungsländern, die mehr als 50 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, hat das gravierende Folgen. Insgesamt hat sich die Zahl der Unterernährten seit Anfang der neunziger Jahre von 842 Millionen auf etwa 963 Millionen Menschen erhöht. Am intensivsten betroffen sind nach Angaben von Hemrich die Menschen in Zentralafrika, die absolut meisten Hungernden leben jedoch in Asien.

In 40 Jahren, so schätzt die UN, wird die Weltbevölkerung von derzeit sechs auf neun Milliarden Menschen wachsen. Wegen veränderter Konsumgewohnheiten müsste sich die Nahrungsmittelproduktion bis dahin verdoppeln. Die Kapazitäten dafür sind laut Hemrich vorhanden. Denn zum einen besteht weltweit noch Potenzial, die Ackerfläche auszuweiten, auch wenn der Klimawandel die Anbauzonen verschiebt und einige Regionen bereits an ihre Grenzen stoßen. Zum anderen bieten Produktivitätssteigerungen einen enormen Spielraum. Rund 80 Prozent der Produktionsausweitung bis 2030, so die Prognose der FAO, werden auf effizientere Anbaumethoden entfallen. 

Dr. Manfred Kern, Leiter Internationale Geschäftsbeziehungen der Bayer CropScience AG, ist ebenfalls der Ansicht, dass die Welt deutlich mehr Menschen als heute zu ernähren vermag. Der Biotechnologie werde dabei eine entscheidende Rolle zukommen. Ein Problem sieht er darin, dass der Kalorienbedarf weltweit zunimmt und immer mehr Menschen von vegetarischer auf tierische Ernährung umstellen. „Die Zahl der Hungernden wird trotz aller Anstrengungen der FAO steigen“, befürchtet er. Das sei ein Trend, der seit vielen Jahren anhalte. Deshalb ist Kern auch skeptisch, ob das Millenniums-Ziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren, erreicht wird. Das größte Potenzial für die Nahrungsmittelproduktion stecke in der Saatgutoptimierung, daneben spielen das Klima, Wasser, Nährstoffe sowie die Schädlingsbekämpfung eine entscheidende Rolle. Er mahnte zur Eile, weil die Optimierung von Saatgut 10 bis 15 Jahre in Anspruch nehme. 

Kern sieht die UN auf seiner Seite. Sie hat bereits 1992 auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro die Grundzüge einer nachhaltigen und umweltgerechten Entwicklung festgelegt und auch innovative Technologien explizit mit eingeschlossen. „Alles, was die Industriestaaten machen sollten, steht seit mehr als 15 Jahren in der Agenda 21,“ betonte Kern. Auch die Eckpunkte für eine umweltgerechte Handhabung der Biotechnologie wurden dort festgeschrieben. Kerns Vision zur Bekämpfung des Hungers lautet deshalb: Die primäre Sprache der Natur nutzen, um von den Geheimnissen des Lebens zu ethisch vertretbaren Innovationen zu gelangen. „Wir müssen den Teufelskreis der Armut zerschlagen“, forderte er. Ohne Landwirtschaft gebe es keine Stabilität.

Skeptisch gegenüber der grünen Gentechnik als Wunderwaffe äußerte sich Prof. Franz-Theo Gottwald, Theologe, Philosoph und Vorstand der Schweisfurth-Stiftung. „Die Versprechungen halten nicht für alle Ertragsperioden“, kritisierte er und forderte mehr Realismus. Je mehr man wissenschaftliche Lösungen präferiere, umso höher sei nicht nur der Preis, desto schwieriger gestalte sich auch der Umgang mit dem neuen Saat- und Zuchtgut. Zudem stelle sich die Frage der Nutzungsrechte.

Er forderte, die Globalisierung in geordnete Bahnen zu lenken. „Ich teile die Auffassung, dass wir auf der Erde genug zu essen haben. Um die Herausforderungen der Zukunft lösen zu können, ist  eine multifunktionale Entwicklung ländlicher Räume nötig.“ Gottwald appellierte an jeden Einzelnen, den Lebensstil zu verändern. „Nicht die Menge ist entscheidend, sondern die Verteilung“. Ernährung  bedeutet für ihn aber auch, auf ehrliche Preise bei der Fleischproduktion zu achten. „Wir produzieren scheinbar billige Nahrungsmittel, vernachlässigen aber dabei das Energie- und Gesundheitsproblem.“ Die Preise müssten so gestaltet werden, dass nachhaltiger Landbau möglich sein. Die Versorgung aller Menschen mit 2400 bis 2500 Kalorien pro Tag sei mit EU-zertifizierter nachhaltiger Landwirtschaft möglich.

Kontrovers diskutiert wurde auf dem Dialogforum, was im vergangenen Jahr die Lebensmittelkrisen in Ländern wie Haiti, Mexiko oder Thailand ausgelöst hat. „Die Politik hat versagt“, ist sich FAO-Experte Hemrich sicher. Jedes Land denke zuerst an sich selbst, wälze die Probleme auf die Nachbarn ab und mache bei knappem Angebot die Grenzen dicht. Zudem laufen die Vorzüge der Liberalisierung ins Leere, solange eine lokale Infrastruktur fehlt, die den Markt trägt. Hemrich plädierte dafür, die Mittel für die langfristige Steigerung der Nahrungsmittelproduktion aufzustocken, und nicht nur die Hilfe für Krisenfälle.

Kern hingegen hält die Trockenheit für die Maisknappheit und die damit verbundene Tortilla-Krise in Mexiko für verantwortlich. In Haiti sei der Primärsektor sträflich vernachlässigt worden. Die stark schwankenden Preise zeigten zudem, dass die Politik versagt habe. Die Landwirtschaft werde zwar globaler, es seien aber nicht genug Kapazitäten vorhanden, um Engpässe auszugleichen. „14 Tage ohne Soja aus Brasilien und wir können die Schweinezucht bei uns einstellen“, führte er den Zuhörern ein drastisches Beispiel vor Augen.

Demgegenüber betonte Gottwald die Rolle der Spekulanten auf den Finanzmärkten, die 20 Prozent des Preisanstiegs im vergangenen Jahr zu verantworten hätten. Zudem führe der Druck auf WTO-Ebene, die Zölle zu senken, zu einer veränderten Politik. Beim Anbau von Mais, Reis oder Soja stünden zunehmend die Bedürfnisse des Weltmarkts und nicht der lokalen Bevölkerung im Vordergrund.

Wäre es nicht gut, der FAO mehr Verantwortung für die weltweite Agrarwirtschaft zu geben? Kern fürchtet, dass es schwierig ist, wirksame Lösungen zu finden, solange die richtigen Marktstrukturen fehlen. „Die politischen Entscheidungsträger bestimmen letztlich über alles, auch über die Verbreitung der Gentechnologie. Das muss man respektieren.“

Für Gottwald ist entscheidend, wer bei der Optimierung von Saatgut über die Ziele wie Höchst- oder Lebensleistung entscheidet „Gelingt es uns, alle Gruppen in den Werte- und Zielediskurs einzubinden?“, fragte er in die Runde. Er forderte eine ausgewogene öffentliche Diskussion.

Wie könnte man Interessenskonflikte lösen, um vom Wissen über die Probleme zum Handeln zum kommen? Die G8-Staaten haben zwar einen Gipfel zur Nahrungsmittelversorgung vorgeschlagen. Doch einzelne Länder seien nicht bereit, Verantwortung bzw. Souveränität abzugeben, kritisierte Hemrich. Letztlich steht jeder einzelne von uns in der Verantwortung. Diese beginnt damit, die eigenen  Konsumgewohnheiten zu ändern und weniger tierisches Eiweiß zu sich zu nehmen. „Höchstens 20 Prozent der Nahrung, mehr ist nicht vertretbar“, erklärte Gottwald und forderte das Publikum auf: „Scannen Sie Ihren Tagesbedarf, reduzieren Sie“.

Für Kern liegt der Schlüssel darin, die strategischen Fragen hinsichtlich Saatgut, Infrastruktur und nötiger Investitionen losgelöst vom kurzfristigen Denken zu klären. Auch nach zweieinhalb Stunden Diskussion herrschte keine endgültige Klarheit, ob kleinbäuerliche Strukturen, eine verstärkte Globalisierung oder mehr Einsatz von Technologie das Nahrungsmittelproblem am besten lösen. „Es gibt kein eindeutiges Richtig oder Falsch“ fasste Hemrich den Abend zusammen. Für ihn besteht die Lösung in einem konstanten Dialog, bei dem es darauf ankomme, offen zu sein und ein Haus für Diskussionen zu bieten.

Genau das ist auch ein Anliegen, das die Münchener Rück Stiftung mit den Dialogforen verfolgt. Die nächste Diskussionsmöglichkeit ergibt sich am 17. März, dann zum Thema: Ölpreisschock oder Klimakollaps – was zwingt uns zum Umdenken?

26. Februar 2009