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Dr. Werner Zittel im Gespräch
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Dr. Patrick Illinger, Dr. Daniele Ganser
01Dr. Werner Zittel im Gespräch
02Dr. Patrick Illinger, Dr. Daniele Ganser

Ölpreisschock oder Klimakollaps – was zwingt uns zum Umdenken?

Dialogforum „Ressourcen“ am 17. März 2009

Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe neigt sich unweigerlich dem Ende zu. Welche Konsequenzen das rückläufige Ölangebot auf Umwelt, Wirtschaft und Politik haben kann, stand im Mittelpunkt des 4. Themenabends „Ressourcen“, zu dem die Münchener Rück Stiftung am 17. März 2009 zwei profilierte Experten eingeladen hat.

Während die Länder rund um den Globus ihr Wachstum mit Hilfe von fossilen Brennstoffen ausweiten, müssten die Emissionen aus Gründen des Klimaschutzes eigentlich sinken. Dieser Widerspruch dürfte sich bald von selbst lösen, weil die Ölvorkommen zunehmend erschöpft sind. Warum das so ist, erklärte Dr. Werner Zittel, Energieexperte bei der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH: „Die Entdeckung neuer Lagerstätten hat bereits in den 60er und 70erJahren den Höhepunkt erreicht.“ Inzwischen sind jedoch nicht nur einzelne Länder wie Großbritannien oder die USA an ihre Fördergrenzen gestoßen, sondern es wird weltweit mehr Öl aus dem Boden gepumpt als neu entdeckt.

Zittel ist deshalb überzeugt: „Peak-Oil is now! Das Fördermaximum ist erreicht, wenn nicht sogar überschritten.“ Er befürchtet, dass die Förderung bis 2030 um 50 Prozent sinken könnte. Das Angebot auf dem Weltmarkt dürfte sogar noch stärker abnehmen, da viele Exportländer ihre Ausfuhren zugunsten des Eigenbedarfs zurückschrauben müssten. Sichtbares Zeichen für die künftigen Engpässe ist der Ölpreis, auch wenn er derzeit von seinem Höchststand weit entfernt ist. „Notierungen zwischen 40 und 50 Dollar je Barrel in einer Rezessionsphase wie jetzt gab es noch nie“, bemerkte Zittel und kommt zu dem Schluss: „Die Zeit des billigen Öls ist vorbei.“

Ob das Fördermaximum in 5, 10 oder 20 Jahren erreicht ist, macht für den Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser von der Universität Basel wenig Unterschied. „Tatsache ist, wir leben in einer Umbruchphase, durch die wir hindurch müssen.“ Auch Alternativen zum herkömmlichen Rohöl, wie beispielsweise Ölsand, helfen auf lange Sicht nicht aus der Klemme. Ganser glaubt, dass die zweite Halbzeit des Ölzeitalters, das etwa im Jahr 1850 begann, viel schwieriger sein wird als die erste, da ein globaler Kampf um das Öl droht. „Die Wirtschaftskriege haben schon begonnen, sie werden nur anders genannt“, ist er überzeugt. So vermutet er einen Grund für den Irakkrieg 2003 in den enormen Ölreserven des Landes. Auch der Krieg in Afghanistan, dem als Transitland für Energie eine wichtige Rolle zukommen könnte, falle in diese Kategorie. „Der Krieg dort wird nicht zur Stärkung der Frauenrechte geführt, es geht um eine Pipeline.“ Auch um weitere drohende Konflikte zu vermeiden, lautet deswegen sein Rat: „Wir sollten das Erdöl verlassen, bevor es uns verlässt.“

Dem steht das Interesse der Ölindustrie entgegen, die den Verbraucher bei der Stange halten will. „Da wird mit harten Bandagen gekämpft, weil es ein so gutes Geschäft ist“, machte der Dozent von der Universität Basel deutlich. So hat der US-Ölkonzern ExxonMobil 2008 mit rund 45 Mrd. US$ Gewinn das beste Ergebnis aller Zeiten eingefahren.

Den Einwand, dass möglicherweise noch viel mehr Öl im Boden schlummert als heute vermutet, kann der Physiker Zittel rasch entkräften. „Geologen haben den Planeten gut untersucht und zwei Gürtel rund um die Erde gefunden, in denen 90% der Vorkommen liegen.“ Seismische Untersuchungen würden bestätigen, dass die großen Entdeckungen bereits stattgefunden haben.

Die Hoffnung, dass einige Länder wie Saudi-Arabien ihre Förderung erheblich ausweiten und in die Bresche springen können, muss der Experte ebenfalls enttäuschen. „Die Größe der Felder und die Verteilung des Öls im Boden wird von den Saudis bewusst im Dunkeln gelassen.“ Die zuletzt sprunghaft gestiegenen Reservedaten aus Saudi-Arabien sieht er deswegen skeptisch. „Die nationalen Reserven pro Kopf sind für die OPEC-Förderquote maßgeblich. Daher besteht ein Anreiz, sie höher anzugeben.“

Auch Ganser bezweifelt, dass Saudi-Arabien die Förderung von derzeit 8 auf 15 Millionen Barrel pro Tag (mbd) ausweiten kann. Die Zahlen der Weltenergiebehörde IEA seien nicht unbedingt glaubwürdig, weil sie auf Angaben aus den Ländern beruhen. „Die Statistiken sind so viel wert wie ein Rating von Standard & Poor’s zu amerikanischen Hypothekenkrediten“, lautet Gansers provokantes Urteil.

Wenn Peak Oil unvermeidlich ist, wie könnte eine Welt des knappen Öls aussehen, wollte Moderator Dr. Patrick Illinger von seinen beiden Gesprächspartner wissen: „Müssen wir Öl künftig in der Apotheke kaufen?"

Zittel entwarf 2 Szenarien. Im ersten passt sich die Welt nach und nach den neuen Realitäten an. Da teure Energie einen höheren Stellenwert als heute erlangt, würden Industrie und Verbraucher schrittweise ihr Verhalten ändern. Die Folgen: Sparsamere Autos, besser gedämmte Gebäude, weniger Globalisierung und eine allgemeine Entschleunigung des Lebens. Sein zweites Szenario ist extremer. Es lässt einen wirtschaftlichen Zerfall mit ökonomischer Krise und kriegerischen Auseinandersetzungen befürchten.

Ganser ist in seinen Prognosen zurückhaltend. „Ich habe schon die Entwicklungen der vergangenen 5 Jahre nicht vorhergesehen. Ein Ausblick auf die nächsten 50 Jahre ist noch schwieriger.“ Wenn es gelinge, das Fördermaximum auf einem Plateau von etwa 90 Millionen bpd über mehrere Jahre zu halten, könnten wir uns allmählich anpassen. Im ungünstigsten Fall jedoch nimmt die Fördermenge nach dem Peak drastisch ab, was aber nicht das Ende der Welt bedeutet: „Auch in diesem Fall kann es zu positiven Veränderungen kommen, etwa zur Stärkung von lokalen Strukturen.“ Radikale Wendepunkte, das weiß der Historiker aus der Vergangenheit, lösen immer einen Bewusstseinswandel aus. Allerdings muss es gelingen, Spannungen ohne Gewalt zu lösen. Die französische Revolution oder die Öffnung des Ostblocks haben gezeigt, dass dies nicht immer möglich ist.

Um zu verhindern, dass politische Ränke und Kriege um Öl unter Vorwand geführt werden, fordert Ganser: „Wir in Europa sollten die Dinge offen ansprechen und klarmachen, dass wir für weniger Gewalt, nachhaltige Entwicklungen und mehr Kulturtoleranz zwischen Christen, Muslimen und Juden eintreten.“

Doch selbst im Falle einer allmählichen Anpassung hat die Zeit nach Peak Oil eine kritische Komponente: Da die Nahrungsmittelproduktion viel Energie verschlingt, müssen wir uns möglicherweise darauf einstellen, dass die Erde nicht mehr alle ernähren kann und die Menschheit schrumpft. „Ob das so kommt, wissen wir heute nicht“, schränkte Ganser ein.

Inwiefern kann die Diskussion um den Klimawandel dazu beitragen, den Zeitpunkt des Peak Oil hinauszuzögern? Energieexperte Zittel gibt sich wenig optimistisch. Seit dem Kioto-Protokoll sei das Problem erkannt, es hapere aber weiterhin an der Umsetzung, da die Bedrohung immer noch nicht richtig ernst genommen wird. „Peak Oil dagegen zwingt uns umzudenken, auch wenn wir keine richtige Lust dazu haben. Das ist der Ressource egal.“ Alle müssten an einem Strang ziehen, die einen mit mehr, die anderen mit weniger großer Freude.

Auch für Ganser schafft Peak-Oil Zwänge, denen sich niemand entziehen kann. Sobald die Ölförderung spürbar sinkt, müssen Veränderungen zwangsläufig in Angriff genommen werden. Die CO2-Debatte entfalte zwar eine gewisse Dynamik, könne alleine aber nicht genügend Druck ausüben. Das zeigen die aktuellen Ereignisse: „Das Thema Klimawandel wurde von der Finanzkrise in den Hintergrund gedrängt.“

Allerdings darf dabei ein entscheidender Unterschied nicht übersehen werden: „Zur Bekämpfung der Finanzkrise können die Notenbanken Geld drucken, Öl dagegen kann nicht einfach produziert werden“, warnt Ganser. Auf die EU sieht der Historiker angesichts der kommenden Energiekrise schwierige Zeiten zukommen. „Einzelne nationalstaatliche Vereinbarungen werden die Gemeinschaft vor eine Zerreißprobe stellen.“ Doch mit erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz könnten die Europäer Alternativen aufzeigen. „Das ist besser, als sich in falsche Wahrheiten und Ressourcenkonflikte zu stürzen.“

Wie ein optimaler Energiemix für die Zeit nach Peak Oil im Jahr 2030 aussehen könnte, ist Gegenstand des abschließenden Dialogforums zur Themenreihe „Ressourcen“, das am 21. April 2009 stattfindet. 

26. März 2009