Entwicklung 2.0 – die Krise als Chance!Dialogforum „Welt im Wandel – die vergessenen Milliarden“ am 29. April 2010So schlimm die Wirtschaftskrise auch ist, sie bietet eine einmalige Gelegenheit, Dinge zu verändern. Doch wie muss eine zukunftsorientierte Entwicklungs- und Klimapolitik aussehen? Dieser Frage gingen die Teilnehmer des letzten Dialogforums der Reihe „Welt im Wandel – die vergessenen Milliarden“ nach, das am 29. April unter dem Motto „Entwicklung 2.0 – die Krise als Chance!“ stattfand. Die Finanzkrise hat die Hoffnung geweckt, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft über die Unzulänglichkeiten des Marktes, über die steigenden Umweltkosten und damit auch über Entwicklungsmodelle kritischer nachdenken. „Die Entwicklungspolitik orientierte sich lange Zeit an den Standards der modernen Industriegesellschaft. Das bedeutet Teilhabe am Konsum, Verwirklichung individueller Vorstellungen von einem guten und friedlichen Leben, Gewährleistung von Grundrechten sowie Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung“, erläuterte Dr. Imme Scholz, stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE). Viele Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas haben damit beeindruckende Erfolge erzielt, anderen wiederum ist die Modernisierung nicht gelungen. Mit der Globalisierung haben sich die Rahmenbedingungen verändert. „Die Liberalisierung von Güter- und Finanzmärkten eröffnete Chancen, aber auch neue Abhängigkeiten. Die Asymmetrie in der Verteilung politischer und ökonomischer Macht schlägt sich unmittelbar in den Verhandlungen zu globalen Regelwerken wie der Welthandelsorganisation (WTO) nieder und benachteiligt die Entwicklungsländer“, monierte die Expertin. Gravierendste Folge der beschleunigten globalen Entwicklung sei der wachsende Umweltverbrauch. „Heute haben wir es mit Knappheiten in fundamentalen Bereichen zu tun, deshalb ist Entwicklung 2.0 etwas völlig anderes als Entwicklung 1.0.“ Nötig sei ein Wachstum, das die natürlichen Lebensgrundlagen bewahrt. „Entwicklung ist nicht mehr nur eine nationale Aufgabe, es ist auch eine Frage der Kooperation“, folgert Scholz und fordert: „Wir benötigen einen Paradigmenwechsel in der Technologieentwicklung. Sie muss sich an den Knappheiten der Ressourcen ausrichten, und wir brauchen einen Paradigmenwechsel beim Wohlstandskonzept, das individuelle Entfaltung weniger stark mit der Ausweitung von Konsumchancen gleichsetzt.“ Für Dr. Axel Berg, Vorsitzender von EUROSOLAR Deutschland, steht heute schon fest: „Die Entwicklungspolitik ist gescheitert, weil sie nicht nachhaltig und teilweise sogar destruktiv ist.“ Ein Business as usual sei daher nicht möglich. Um die drei Krisen in den Bereichen Energie, Wachstum und Klima in den Griff zu bekommen, sei ein integrierter Lösungsweg nötig. Berg glaubt nicht, dass die nötigen Impulse dafür von der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) kommen können. „Das ist doch im Grunde nur eine lausige Hilfskonstruktion, weil Weltinstitutionen wie UNO und WTO versagt haben“, kritisierte er. Die Industrieländer setzten alle Hebel in Bewegung, damit das Spiel, das sie reich gemacht habe, noch lange weitergeht. Berg empfiehlt eine Strategie, die aus drei gleichberechtigten Teilen besteht. Erstens sollten wir als Nation mit gutem Beispiel vorangehen. Zweitens sollten wir die Weltinstitutionen weiterentwickeln, uns aber nicht auf sie verlassen, weil sie sich nur sehr träge bewegen. Drittens sollte man eine Koalition der Willigen suchen und Partnerschaften mit Ländern eingehen, die ähnlich gelagert seien wie wir. „Wenn wir alle drei Stränge gleichzeitig verfolgen, könnte uns das zum Ziel bringen“, glaubt Berg. Dr. Michael Menhart, Chefvolkswirt der Munich Re, verwies auf die Gefahren, die ein blasengetriebenes schnelles Wachstum mit sich bringt. Er räumte zwar ein, dass der Wirtschaftsboom aufstrebenden Ländern dabei geholfen habe, in die Liga der bedeutenden Volkswirtschaften aufzusteigen. Doch: „Inwieweit die sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China als leuchtendes Beispiel für die heute vergessenen Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern gelten können, wird sich erst im Lauf der Geschichte zeigen.“ Ein Umdenken sei auch deshalb nötig, um anderen Ländern ein Leitbild für eine nachhaltige Entwicklung zu geben. „Wie das Finanzsystem in weiten Teilen vor Ausbruch der Krise funktioniert hat, kann kein Vorbild sein.“ Auch Menhart hält die G20 für kein perfektes Gremium, um die globalen Probleme anzugehen, weil viele kleine Entwicklungsländer dort nicht vertreten sind. „Sie ist ein Hilfskonstrukt, aber es gibt keine Alternative“, ist er überzeugt. Aus volkswirtschaftlicher Sicht wäre es fatal solange zu warten, bis ein weltweites Gremium fair zusammengesetzt ist, weil die Krise schnelles Handeln erfordere. Entwicklungsexpertin Scholz zeigt sich ebenfalls ernüchtert: „Die G20 hat die Hoffnung nicht erfüllt, dass sie eine Verständigung über eine mögliche Lastenverteilung vorbereitet und diese dann in größerem Rahmen in die UN hineinträgt.“ Das liege nicht nur daran, dass die Industrieländer in einer Art Stellungskampf ihre Besitzstände verteidigen, sondern dass große Entwicklungsländer sich inzwischen ähnlich verhielten. „Global Governance heißt, einen Teil der Souveränität abzugeben. Das funktioniert nicht, und da gibt es keine Wunderhebel.“ Damit die Entwicklungsländer wieder mehr Vertrauen in die Industriestaaten fassen, könnten private Unternehmen einen großen Beitrag leisten. Scholz lobte in diesem Zusammenhang, dass die Klimarahmenkonvention im Kopenhagen-Prozess das Instrument Versicherung nennt, um Arme gegen die Auswirkungen des Klimawandels abzusichern. „Es ist ganz wichtig, dass sich die Münchener Rück Stiftung hier weiter einsetzt und dass die Arbeit an Versicherungsmodellen zur Armutsbekämpfung fortgesetzt wird, beispielsweise um Kleinbauern in Mali gegen Ernteausfälle abzusichern.“ Am Ende eines diskussionsreichen Abends zeigte sich, dass auf dem Weg zu zukunftsorientierten Entwicklungsmodellen noch viele Hürden zu überwinden sind. Die Weltwirtschaftskrise wurde nicht ausreichend zum Umsteuern genutzt. Entwicklungspolitik allein kann diese Aufgabe nicht lösen. Auch andere Politikbereiche und die Privatwirtschaft sind gefordert, ihren Beitrag zur Lösung der Probleme zu leisten. |