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Hans Dembowski, Bernd Balkenhol, Martin Godemann, Johannes Majewski
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Experten und Zuhörer im Dialog
01Hans Dembowski, Bernd Balkenhol, Martin Godemann, Johannes Majewski
02Experten und Zuhörer im Dialog

Mikrofinanz – ein Weg aus der Armut in Entwicklungsländern?

Dritter Abend der Dialogforenreihe „Welt im Wandel – die vergessenen Milliarden“ am 25. Februar 2010

Kleinstkredite haben in den vergangenen Jahren enorm an Popularität gewonnen – nicht zuletzt dank des Friedensnobelpreises 2006 für Muhammad Yunus, der dem Konzept zum Durchbruch verholfen hat. Unbestritten ist, dass Mikrofinanz den Menschen in Entwicklungsländern zu mehr Selbstständigkeit verhilft. Aber ist ein Darlehen mit Zinssätzen von 20 % und höher tatsächlich ein soziales Instrument? Diese und andere Fragen diskutierten die Teilnehmer des 3. Dialogforums der Reihe „Welt im Wandel – die vergessenen Milliarden“ am 25. Februar in München.

Je nach Zählweise existieren weltweit etwa 10.000 Mikrofinanzinstitutionen, die an mehr als 100 Millionen Menschen Kleinstkredite vergeben. Wer sich daran beteiligen will, kann das heute sogar bequem von zuhause aus erledigen, etwa über die Internetplattform kiva.org. Seit 2004 ermöglicht es die Organisation, Kleinunternehmer in Entwicklungsländern mit Mikrokrediten über das Internet zu unterstützen. Doch so rosig, wie in den Medien oft skizziert, ist die Realität im Bereich Mikrofinanz bei weitem nicht. Es ist ein knallhartes Bankgeschäft, das alle Beteiligten vor große Herausforderungen stellt. 
 
„Spektakuläre Erfolge sind dabei sicher nicht der Normalfall“, räumte Dr. Bernd Balkenhol, Leiter der Abteilung „Social Finance“ bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), ein. „Aber Mikrokredite versetzen eine breite Mehrheit in die Lage, ihre Lebensumstände besser zu meistern.“ Platz für Sozialromantik ist kaum vorhanden. „Wir bewegen uns im Spannungsfeld von Kommerz und sozialem Anliegen“, umriss Martin Godemann, Manager Group Finance bei der Frankfurter ProCredit Holding AG, das Geschäftsmodell seiner Firma, die sich auf die Vergabe von Mikrokrediten spezialisiert hat.
 
Um nachhaltig bestehen zu können, müsse man profitabel arbeiten. Allerdings betreibe ProCredit keine Gewinnmaximierung. „Kredite sind Schulden, keine sozialen Transfers, und müssen daher zurückgezahlt werden“, stellte er klar. Mikrofinanz als Armutsbekämpfung funktioniere am besten, wenn die Kredite für Investitionen eingesetzt und dadurch Arbeitsplätze geschaffen würden. Letztlich läuft das Geschäft nicht viel anders als hierzulande. Der Kunde stellt einen Kreditantrag in einer Zweigstelle, der nach Prüfung vor Ort angenommen oder abgelehnt wird, und zahlt dann das Geld in Raten zurück. 
 
Auch Johannes Majewski, Berater Finanzsystementwicklung bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), warnt davor, Mikrofinanz als Umverteilungsinstrument zu betrachten. „Banken sollten sich auf das konzentrieren, was sie am besten können, nämlich Finanzdienstleistungen anzubieten, und zwar so, dass sie nachhaltig wirtschaften können“.
 
Er setzt darauf, dass die zunehmende Verbreitung von Technologie in den Entwicklungsländern einen kostengünstigen Vertriebskanal eröffnet. „Momentan geht man davon aus, dass 2012 etwa 1,7 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben, ein Handy besitzen, womit man ein Marktpotenzial von etwa 360 Millionen Menschen erschließen könnte.“ Das bedeutet in etwa eine Verdreifachung gegenüber heute. Die GTZ arbeite mit der Privatwirtschaft zusammen, um solche Dienstleistungen anbieten zu können. Gleichzeitig plädierte Majewski für mehr Transparenz: „Die Kunden müssen wissen, wie Kredite funktionieren und wie sie ihre Zinssätze berechnen, sonst besteht die Gefahr von Missbrauch.“
 
Dass Mikrokredite in der Regel keinen Ersatz für soziale Sicherungssysteme bieten, liegt für ILO-Experte Balkenhol auf der Hand. Aber: „Wir können nicht warten, bis Länder wie Mali oder Burkina Faso genug Mittel haben, um solche Systeme aufzubauen.“ In der Zwischenzeit füllt Mikrofinanz die Lücke, zum Beispiel in Form von sogenannten Emergency Loans. Sie versetzen Menschen in die Lage, im Notfall einen Krankentransport oder einen Arzt bezahlen zu können. Von subventionierten Mikrofinanzsystemen hält er nichts: „Das macht das traditionelle Geschäft kaputt.“ 
 
Die problematische Seite von Kleinkrediten sprach Godemann an. „Nach unserer Erfahrung, vor allem im Zuge der Finanzkrise, sind kleine Leute tendenziell strukturell überschuldet, weil die große Zahl von Mikrofinanzinstituten sie dazu verleitet, mehrere Kredite aufzunehmen.“ Es bestehe dann die Gefahr, dass die Menschen nicht mehr aus der Schuldenfalle herausfänden und man verbrannte Erde hinterlasse. Der ProCredit-Manager plädiert deshalb dafür, auch eine Kultur des Sparens zu fördern. 
 
„Mikrofinanz alleine wird keine strukturelle Veränderung der Machtverhältnisse in den Entwicklungsländern herbeiführen“, ist sich Balkenhol sicher. Verbunden mit anderen Instrumenten könne sie aber eine befreiende Wirkung entfalten. Als Beispiel führte er Menschen in Nepal und in Pakistan an, die in abgelegenen Gebieten oft unter den Grundbesitzern in einer Art Schuldknechtschaft lebten. Das Instrument der Kleinstkredite habe zusammen mit Rechtsberatung und Förderung von lokalen Selbsthilfeorganisationen das Problem zwar nicht aus der Welt geschafft, aber immerhin verringert. „Ohne Mikrofinanz kann ich mir keinen anderen Ansatz vorstellen, der Armut nachhaltig bekämpfen könnte“, erklärte Balkenhol.
 
Allerdings ist kaum die Hälfte der Mikrofinanzinstitutionen in der Lage, ohne Subventionen zu überleben. Denn die Kosten für die Vergabe von Kleinkrediten sind hoch, und selbst Zinsen von durchschnittlich 24 % decken den Aufwand nicht immer. Die hohen Zinsen stellen zwar ein Hindernis für die Verbreitung des Instruments dar, an rentablen Projekten mangelt es jedoch nicht. Eine Frau etwa, die zuvor Kleider mit der Hand genäht hat, kann ihre Produktivität mit einer Nähmaschine erheblich verbessern. Die Frau ist zwar dann noch lange nicht reich und gehört weiterhin zu den einfachen Leuten. Die Rendite auf den Kredit, mit dem sie die Nähmaschine finanziert hat, ist aber enorm.
  
Am Ende der Veranstaltung war dem gut besuchten Auditorium klar: Als Allheilmittel zur Armutsbekämpfung taugt Mikrofinanz sicher nicht. Aber ohne dieses Instrument wäre es erheblich schwieriger, den Menschen in den Entwicklungsländern zu helfen.
 
Das nächste Dialogforum zum Thema „Konsum auf Kosten anderer – Wachstum um jeden Preis?“ findet am 18. März 2010 statt.