Klimagipfel Kopenhagen – Eiszeit im Klimaschutz?Zweiter Abend der Dialogforenreihe „Welt im Wandel – die vergessenen Milliarden“ am 19. Januar 2010Wie geht es nach dem gescheiterten Gipfel von Kopenhagen weiter? Wer trägt die Verantwortung für die enttäuschenden Ergebnisse und wie können sich die Staaten doch noch auf ein verbindliches Klimaziel verständigen? Antworten auf diese und andere Fragen suchten die drei renommierten Klimaexperten Prof. Hans Joachim Schellnhuber, Prof. Mojib Latif und Klaus Milke auf dem Dialogforum der Münchener Rück Stiftung.Keinen Zweifel ließen die Experten aufkommen, dass dramatische Konsequenzen drohen, wenn die Menschheit nicht rasch gegensteuert. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, müssen wir noch in diesem Jahrhundert mit einer Erwärmung der Erdatmosphäre von etwa 4°C rechnen,“ warnte Prof. Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. Aus Sicht der Wissenschaft ist aber höchstens ein Anstieg von 2°C vertretbar. Um das Klimaproblem in den Griff zu bekommen, muss nach Ansicht von Prof. Schellnhuber der globale Ausstoß von Treibhausgasen möglichst vor 2015 sinken. „Wenn wir den Wendepunkt erst nach 2015 erreichen, müssten global jährlich über 5% der CO2-Emissionen reduziert werden. Das ist kaum zu schaffen, aber die Realität der Physik“, erklärte der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Warum Kopenhagen gescheitert ist, erläuterte Klaus Milke, Vorstandsvorsitzender von Germanwatch: „Die ungeschickte Verhandlungsführung des dänischen Ministerpräsidenten hat wesentlich dazu beigetragen.“ Daneben habe das Konsensprinzip der UN große Schwächen offenbart, und die EU, die USA sowie China seien nicht angemessen mit ihrer Verantwortung umgegangen. Schellnhuber, der in Kopenhagen vor Ort war, kritisierte zudem, dass im Plenum zwar große Reden gehalten wurden, hinter den Kulissen aber keine Kompromissbereitschaft zu erkennen war. „Mit dem Klingelbeutelprinzip, bei dem jeder freiwillig nur so viel anbietet, dass es nicht weh tut, werden wir den Klimaschutz nicht voranbringen,“ fürchtet er und fügte hinzu: „Es gibt im Augenblick kein politisches Szenario, dieses Ziel zu erreichen.“ Dennoch sollte man das System der UN noch nicht zu Grabe tragen. „Lasst uns verhandeln, so lange es irgendwie geht“, appellierte der oberste Umweltberater der Bundesregierung an die Verantwortlichen. Auf politische Lösungen alleine will Latif jedoch nicht länger warten. „Das Scheitern von Kopenhagen hat gezeigt, dass der UN-Prozess nicht in der Lage ist, ein vernünftiges Klimaabkommen herbeizuführen.“ Stattdessen sollte die Menschheit umsetzen, was heute schon möglich ist, nämlich den Umbau der Wirtschaft von fossilen zu regenerativen Energien. Als mögliches Beispiel dafür nannte er die Desertec-Initiative, die mit Hilfe riesiger Solaranlagen Strom aus der Wüste gewinnen will. Das vielfach vorgebrachte Argument, erneuerbare Energien seien immer noch zu teuer, lässt Latif nicht gelten. Denn: „Es geht nicht um Geld, es geht um die Zukunft der Menschheit“, erklärte er. Schellnhuber warnte vor dem Irrweg, mit enormen Aufwand komplizierte technische Prozesse in den Griff bekommen zu wollen: „Die gigantische Fusionsenergie der Sonne lässt sich relativ einfach mit Spiegeln einfangen.“ Das Plasma im Fusionsreaktor in den Laboren der Zukunft zu beherrschen, würde ungleich schwieriger. Aber: „Die Menschen gehen lieber den komplizierten Weg für den Spatz auf dem Dach, anstatt die Taube in die Hand zu nehmen“. Der Rat des PIK-Direktors für die nächste UN-Klimakonferenz im Dezember in Mexiko: „Europa sollte sich mit Indien und den afrikanischen Ländern zusammentun und auf ein verbindliches Abkommen drängen“. Dass ein Wandel in der Klimapolitik nicht zum Nulltarif und ohne Einschränkungen möglich ist, wurde ebenfalls klar. Germanwatch-Chef Milke forderte deshalb: „Wir müssen die Bremser ausbremsen und aus der Last des Klimawandels eine Chance machen.“ Doch ist hierzulande der Leidensdruck noch nicht groß genug, und das Verfolgen von Partikularinteressen in der Politik hemmt den Umbau der Wirtschaft. Daneben spielt die menschliche Psyche eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, sich heute einzuschränken, um möglicherweise das Leben eines in vielleicht 40 Jahren lebenden, völlig unbekannten Menschen auf der anderen Seite des Planeten zu retten. Milke prophezeit: „Im Zuge der Klimadebatte wird es zu Schadensersatzforderungen kommen. Da müssen sich einige warm anziehen.“ Wie lässt sich nun der nötige Bewusstseinswandel bei den Menschen in Gang bringen? „Das ist die Gretchenfrage, an der man verzweifeln kann“, meint Schellnhuber. Möglicherweise sei die menschliche Spezies so unglaublich erfolgreich, weil sie kurzfristig optimiere aber langfristig versage. „Viele Kulturen sind deshalb verschwunden, global hat sich dieses Problem aber noch nie gestellt.“ Die Menschen, so Schellnhuber, müssten deshalb aus der Vergangenheit und der Zukunft lernen. Die Hoffnung hat der Klimaexperte noch nicht aufgegeben. Nach dem Scheitern der Klimakonferenz sei Bemerkenswertes passiert und eine Trotzreaktion vieler Menschen zu spüren. Der Gipfel von Kopenhagen muss nicht zwangsläufig eine Eiszeit im Klimaschutz einläuten. Bürger und Politiker sind mobilisiert, Vortragssäle zum Thema „Klimawandel“ voller denn je. Es bleibt zu hoffen, dass das ernüchternde Ergebnis von Kopenhagen ein neues Momentum auslöst, das zu einem globalen Konsens führt. Das nächste Diaologforum zum Thema „Mikrofinanz – ein Weg aus der Armut?" findet am 25. Februar statt. |