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Edda Müller, Franz-Theo Gottwald, Johannes Wallacher
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Experten und Zuhörer im Dialog
01Edda Müller, Franz-Theo Gottwald, Johannes Wallacher
02Experten und Zuhörer im Dialog

Konsum auf Kosten anderer – Wachstum um jeden Preis?

Dialogforum „Welt im Wandel – die vergessenen Milliarden“ am 18. März 2010

Mehr Konsum, so das gängige wirtschaftspolitische Mantra, ist ein Patentrezept, um die Wirtschaftskrise zu meistern und unsere Arbeitsplätze zu sichern. Allerdings muss jedem klar sein, dass die Wachstumspfade, die die reichen Länder der Nordhalbkugel eingeschlagen haben, oft nicht nachhaltig sind. Wie können wir es schaffen, die ökonomischen Kosten des Konsums drastisch zu verringern, ohne dass Wirtschaft und Gesellschaft aus den Fugen geraten? Antworten auf diese Frage suchten drei hochkarätige Experten auf dem vierten Dialogforum der Reihe „Welt im Wandel – die vergessenen Milliarden“ am 18. März in München.

„Wir leben in einem System, in dem der Wohlstand weniger auf Kosten vieler Menschen geht“, konstatierte Prof. Franz-Theo Gottwald, Theologe, Philosoph und Vorstand der Schweisfurth-Stiftung. Wollte man das Wirtschaftsmodell der Industrieländer auf die ganze Welt übertragen, wären 2020 zwei Planeten nötig, um den Ressourcenhunger zu stillen. Welche Interdependenzen und Herausforderungen alleine im Bereich der Ernährung bestehen, verdeutlichte Gottwald an einem Beispiel: 1 Hektar Regenwald umfasst etwa 800 000 kg Pflanzenmasse und Tiere. Abgebrannt und zur Viehweide degradiert, erwirtschaftet dieser Hektar rund 200 kg Rindfleisch pro Jahr, was in etwa 1600 Hamburgern entspricht. „Der Klops hat im Prinzip gut 6 qm Regenwald gekostet,“ bilanzierte Gottwald. Man sehe die Missverhältnisse und ahne zugleich, wie schwierig es sei, gegenzusteuern. Das erfordert viel Arbeit, viel Aufklärung und die richtigen gesetzlichen Rahmenbedingungen.
 
Was folgt ethisch aus der Tatsache, dass der ökologische Fußabdruck unseres Konsumverhaltens weltweit nicht übertragbar ist? „Die Antwort des Kategorischen Imperativs von Kant ist eindeutig: Wir müssen unser Verhalten so verändern, dass es weltweit übertragbar ist,“ erläuterte Prof. Johannes Wallacher, der am Institut für Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Philosophie in München Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik lehrt. Kant helfe aber nur bedingt weiter, weil die Rhetorik dringlicher moralischer Pflichten gewöhnlich auf wenig Gegenliebe stoße, nicht motivierend und teilweise sogar kontraproduktiv sei. Außerdem seien die Folgen einzelner Konsumentscheidungen unüberschaubar. Eine Lösung des Problems: „Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Debatte über Leitbilder eines Konsum- und Lebensstils, der sozial- und umweltverträglich ist, ohne gleich die Moralkeule des Verzichts zu heben“, forderte Wallacher.
 
Weil wir uns immer relativ zu den Mitmenschen beurteilen, könnte ein breiter gesellschaftlicher Konsens über einen fairen Konsum sicherstellen, dass unser gefühltes Wohlergehen und unsere Zufriedenheit nicht geschmälert werden. „In der Praxis ist das aber nur schwer umzusetzen“, räumt Wallacher ein. Es laufe auf ein stetes Bohren dicker Bretter hinaus. Solange das Leitbild aber wie bisher einem unterschiedslosen quantitativen Konsum huldige, seien Aufrufe zum individuellen Verzicht nur begrenzt hilfreich. „Mein Votum wäre ganz stark, eine breite gesellschaftliche Debatte über die verschiedenen Wachstumsindikatoren zu führen.“
 
Für Prof. Edda Müller von der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer beginnt nachhaltiger Konsum beim Einkauf. Deshalb fordert sie eine strenge Kennzeichnungspflicht für Produkte. Nur so könne der Verbraucher bewusst entscheiden, was bei ihm im Warenkorb landet. Denn: „Auch wenn im Bereich Nachhaltigkeit viel erreicht wurde, geht der ökologische Raubbau weiter. Nach wie vor genießen wir unseren Wohlstand mit günstigen Produkten des täglichen Lebens auf Kosten der Entwicklungschancen der ärmsten Länder dieser Welt,“ kritisierte sie. Für eine bestimmte Zeit könne man Wachstum über technischen Fortschritt und bessere Ressourceneffizienz schaffen. „Die Frage ist, ob wir damit kompensieren können, was an anderer Stelle an Umweltdegradation stattfindet.“
 
Weil nur das produziert wird, was auch gekauft wird, kommt dem Verbraucher eine entscheidende Rolle zu. Als Beispiel für die Marktmacht der Konsumenten führte Müller Südafrika an. „Das Apartheid-System ist auch wegen des jahrelangen Einkaufsboykotts der Industrieländer zusammengebrochen,“ ist die frühere Vorsitzende des Bundesverbandes Verbraucherzentralen überzeugt. Daher gelte es, das Problem der asymmetrischen Information zwischen Produzenten und Konsumenten zu beseitigen. Der Verbraucher müsse einschätzen können, unter welchen Arbeitsbedingungen und mit welchen ökologischen Folgen ein Produkt hergestellt wurde. „Änderungen finden nur dort statt, wo alle Kommunikationsformen genutzt werden, um den Menschen zu zeigen, was eigentlich passiert“, ist sich Müller sicher. Die Politik muss sich fragen, welchen Beitrag sie leisten kann, um diesen Trend zu unterstützen. Veränderungen anstoßen könne jedoch laut Müller nicht eine wie auch immer geartete Weltregierung, die Impulse müssten vielmehr von unten kommen.
 
„Der Konsument ist mächtiger als man glaubt“, pflichtete Gottwald bei. Jeder Kaufakt bedeute eine Kooperation mit dem Hersteller, Kooperationsverweigerung könne überall stattfinden. „Warum sollte man Lachs aus nicht nachhaltiger Produktion kaufen, wenn es auch zertifizierte Hersteller gibt?“ Wer dieser Verweigerung seine Stimme gebe, bewege sich bereits auf einem Pfad, der Schritt für Schritt eine andere Zukunft schaffe. „Ich glaube an die kleinen Schritte und setze mich zugleich dafür ein, stärkere Governance-Strukturen zu bekommen. Woran ich nicht glaube, sind die Selbstbindungskräfte der Wirtschaft“, bekannte Gottwald.
 
Der Abschied von lieb gewonnenen Konsumgewohnheiten, das dürfte allen Teilnehmern des Dialogforums an diesem Abend klar geworden sein, ist sicher nicht einfach. Doch ohne Selbstbeschränkung wird die Vision von Dennis Meadows, einem der Vordenker des Club of Rome, wohl nie Realität. Er ist überzeugt, dass selbst die Erdbevölkerung 2030 von ungefähr 8 Milliarden Menschen einigermaßen gut leben könnte, wenn sie bereit wäre, auf gewissen Luxus zu verzichten.
 
Das nächste Dialogforum zum Abschluss der Reihe „Welt im Wandel – die vergessenen Milliarden“ findet am 29. April 2010 zum Thema „Entwicklung 2.0 – die Krise als Chance!“ statt.