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Prof. Jörg Hacker (Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle) und Prof. Patrick Cramer (Gen-Zentrum München)
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Prof. Axel Plünnecke (Institut der deutschen Wirtschaft in Köln)
01Prof. Jörg Hacker (Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle) und Prof. Patrick Cramer (Gen-Zentrum München)
02Prof. Axel Plünnecke (Institut der deutschen Wirtschaft in Köln)

Wenn Wissen wandert – Brain Drain oder Chance?

Dialogforum am 14. April 2011

Was passiert, wenn Wissen wandert? Wohin ziehen die klugen Köpfe? Wie sehen die aktuellen Trends bei der Bildungsmigration in Deutschland aus? Um diese und weitere Fragen zu diskutieren, hat die Münchener Rück Stiftung am vierten Abend der Dialogforumsreihe 2011 „Woher? Wohin? Demographie und Migration“, die drei renommierten Professoren Patrick Cramer, Jörg Hacker und Axel Plünnecke eingeladen.

Nicht nur Entwicklungs- und Schwellenländer leiden unter „Brain Drain“, also dem Abfluss von Denkvermögen Auch bei uns zieht es Hochqualifizierte vermehrt in die Ferne. Erst haben wir über Jahrzehnte hinweg Zuwanderer ungenügend gefördert, jetzt vergraulen wir die neue Elite der Einwanderungsgesellschaft, lautet die Kritik von Experten. Die Folgen des wandernden Wissens sind jahrzehntelang zu spüren. „Die Zuwanderung von Hochqualifizierten ist zentral für die Entwicklung von Volkswirtschaften“, erläutert Bevölkerungsökonom Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Empirisch lässt sich zeigen, dass diejenigen OECD-Staaten schneller wachsen, in denen Zuwanderung eine größere Rolle spielt. Dabei gilt: Je höher qualifiziert, desto besser. Um langfristig Wachstum über Zuwanderung zu fördern, ist es nach Ansicht Plünneckes entscheidend, wie man die Kindergeneration integriert. „Da müssen wir im Vergleich zu klassischen Einwanderungsländern wie den USA oder Kanada deutlich besser werden, um die Potenziale erschließen“, fordert er.
  
Deutschland bei Forschern zunehmend beliebt
 
Die Wissenschaft, die immer schon von der Internationalität gelebt hat, ist auf diesem Gebiet ein Stück weiter. „Es gibt seit langem die Alexander von Humboldt-Stiftung, eine renommierte Organisation, die regelmäßig ausländische junge Wissenschaftler nach Deutschland holt“, berichtet Jörg Hacker, Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle. Die Zahl von 500 Personen pro Jahr sei zwar nicht viel, aber über die Zeit komme doch einiges zusammen. Auch andere Organisationen wie der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD) haben Programme entwickelt, um die Attraktivität des Standorts Deutschland zu verbessern. Die meisten Wissenschaftler kommen immer noch aus den USA, an zweiter Stelle steht aber bereits China gefolgt von Indien. „Das zeigt, wie rasch sich die Wissenschaft in diesen Schwellenländern entwickelt,“ meint Hacker. Ein großes Manko bleibe weiterhin, dass sich international erworbene Abschlüsse oftmals nur schwer in das deutsche System einordnen lassen.
 
Dass Deutschland im Bereich Wissenschaft an Attraktivität gewonnen hat, zeigt sich am Karriereweg des Spitzenforschers Patrick Cramer. Er kehrte nach Stationen in Bristol, Cambridge und Stanford zurück nach München an die Ludwig-Maximilians-Universität, wo er heute das Gen-Zentrum leitet. „Es waren gewiss nicht nur das schöne Wetter oder die Biergärten, sondern es war die kritische Masse an guten und interessanten Wissenschaftlern hier in München“, nennt er als Beweggründe. Überdies bietet Deutschland immer häufiger auch die Möglichkeit von längerfristigen Forschungsstellen, die nicht an die zwei oder drei Jahresgrenzen gebunden sind. In den vergangenen zehn Jahren habe sich viel geändert, die Institute hätten erkannt, dass sie guten Leuten etwas bieten müssen. Nicht zuletzt durch die bundesweite Exzellenzinitiative ist erreicht worden, dass immerhin 70 Prozent der deutschen Akademiker, die ins Ausland abwandern, nach spätestens 3 Jahren wieder zurückkehren. Inzwischen interessieren sich sogar nach langer Zeit auch die Asiaten wieder für Deutschland, weil sich gleichzeitig die Situation in den USA verschlechtert habe. „Die große Frage ist, wie wir diesen Trend noch beschleunigen können“, meint Cramer und hofft auf die Unterstützung der bayerischen Staatsregierung. Er erfahre hautnah, welche bürokratischen Hürden bestehen, wenn man einen Wissenschaftler berufen wolle, der kein EU-Staatsbürger ist.
 
Brain Circulation hilft Entwicklungsländern
 
Bei allen Fortschritten bleibt ein Hemmnis für den Zuzug nach Deutschland die fehlende Willkommenskultur, vor allem, wenn es um normale Arbeitnehmer und Fachkräfte geht. „Da sind wir stark im Hintertreffen“, räumt Plünnecke ein. Zwar habe sich auch hier zuletzt einiges zum Positiven verändert, aber es bestünden immer noch zu viele Hürden. „Es fehlt ein klares Bekenntnis, auch von der Politik: Ja wir wollen Zuwanderer“, moniert der Experte.
   
Damit die Entwicklungsländer beim Brain Drain nicht auf der Strecke bleiben, plädiert Hacker für „Brain Circulation“: „Es ist wichtig und richtig, dass man aus diesem Einbahnstraßensystem herauskommt und die Möglichkeiten sieht, die Wissenschaft international schaffen kann.“ Dazu müsse man in den Herkunftsländern verstärkt Programme initiieren, um attraktivere Bedingungen zu schaffen. China und Indien sind hier bereits recht weit und profitieren davon, wenn sich so internationale Netzwerke entwickeln. Als weitere Möglichkeit sieht Hacker, Brain Circulation über Kooperationen anzuschieben. So habe beispielsweise die Leopoldina kürzlich einen Workshop in Ghana abgehalten, wo ein Institut mit dem Tropeninstitut in Hamburg zusammenarbeitet, um Infektionskrankheiten zu erforschen und zu bekämpfen. „Da herrscht ein wirkliches Hin und Her von Wissenschaftlern aus Deutschland und aus Ghana“. Dieses Institut strahlt in die Region aus, weil auch die  medizinische Versorgung  verbessert werden kann.
   
Deutsche Institute gehen ins Ausland
 
Wie lässt es sich bewerkstelligen, dass die klugen Köpfe dauerhaft in zu entwickelnde Regionen zurückkehren bzw. dort bleiben? Wäre die Gründung von deutschen Instituten im Ausland eine Möglichkeit? „Das ist durchaus ein Modell, das immer mehr angewandt wird“, sagt Hacker. So richte beispielsweise die Max-Planck-Gesellschaft ihr Auge auf das Ausland und gründe dort Institute, auch die Technische Universität München verfüge über Außenstellen. „Sich zu internationalisieren ist der richtige Weg“, glaubt der Leopoldina-Präsident. Das sollte gerade in den Ländern stattfinden, die noch kein hoch entwickeltes Wissenschaftssystem hätten.
 
Eine gute Idee, meint auch Cramer. Allerdings: „Wer finanziert das Ganze? Ich bin mir nicht sicher, ob es bei uns einen gesellschaftlichen Konsens gibt, dutzende Millionen Steuergelder in ausländische Universitäten zu stecken, wenn nicht klar wird, welchen Nutzen das hat“, vermutet er. Außerdem existierten viele gesetzliche Hürden, die ohne Strukturänderungen nicht zu überwinden seien. Es gibt also noch viel zu tun, um das Verhältnis zwischen Brain Drain und Brain Gain global ausgeglichener und fair zu gestalten.
 
Das nächste Dialogforum zum Thema „Migration, Integration – Die Angst vor dem Fremden?“ findet am 12. Mai 2011 statt.

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