Land – Stadt – Megastadt: wer gewinnt, wer verliert?Dialogforum am 17. Februar 2011Wild wuchernde Megacities in den Entwicklungsländern, schrumpfende Einwohnerzahlen in vielen Landstrichen der Industrieländer – Millionen Menschen in aller Welt verlagern jedes Jahr freiwillig oder gezwungenermaßen ihren Lebensmittelpunkt. Inwieweit Stadtplaner und Politik diese Entwicklung wirkungsvoll steuern können, darüber diskutierten die Teilnehmer auf dem zweiten Dialogforum der Reihe „Woher? Wohin? Demographie und Migration“. Wie dynamisch der Drang in die Städte ist, belegen folgende Zahlen: Lebten 1950 erst 29 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, sind es gegenwärtig schon gut die Hälfte. Bis 2050 dürfte sich der Anteil nach Schätzungen der UN auf knapp 69 Prozent erhöhen. Erst Ende des Jahrhunderts wird diese Wanderbewegung, die mit der Industrialisierung vor 200 Jahren begann, zum Stillstand kommen. „Schrumpfung und Wachstum werden dann zunehmend durch räumliche Reorganisation verursacht und weniger durch absolute Mengenveränderungen“, erläuterte Prof. Philipp Oswalt, Architekt und Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. Seiner Meinung nach werden die versiegenden Ölquellen und der Klimawandel die globale Siedlungsentwicklung maßgeblich beeinflussen und neue Formen urbaner Schrumpfungsprozesse auslösen. So gefährdet beispielsweise bereits heute auftauender Permafrost die Stabilität der Gebäude in der russischen Stadt Jakutsk, und der Anstieg des Meeresspiegels bedroht die Zukunft einiger asiatischer Megastädte. Ballungsräume sind Beschäftigungsmotoren
In den Industrieländern besteht die Tendenz, dass die großen Metropolen gewinnen und die peripheren Regionen verlieren. Das ist in Deutschland nicht anders: „In den Großstädten konzentrieren sich wissensintensive Dienstleistungen“, erklärte Prof. Harald A. Mieg vom Geographischen Institut der Humboldt Universität, Berlin. Dadurch entwickeln sich die Ballungsräume zu Beschäftigungsmotoren, was wiederum junge Leute anzieht. Allerdings vollzieht sich die Entwicklung in Wellen, und es gibt nur wenige Städte, die durchgehend wachsen. Kehrseite der Medaille sind Regionen, die sich verstärkter Abwanderung gegenübersehen: zum Beispiel Chemnitz, wo die Einwohnerzahl zwischen 1991 und 2007 von gut 300.000 auf 244.000 gesunken ist. „Seit dem Jahr 2000 sind mittlerweile über 17.000 Wohneinheiten zurückgebaut worden, und das ohne große soziale Konflikte. Bis 2020 werden weitere 10.000 Wohneinheiten folgen“, führte Petra Wesseler aus, Bürgermeisterin und Beigeordnete Leiterin des Baudezernates der Stadt. Dabei gelte es, die städtebaulichen und wohnungswirtschaftlichen Belange in Einklang zu bringen, also attraktive Wohnviertel zu schaffen und gleichzeitig identitätsprägende historische Bausubstanz zu erhalten. Schrumpfende Regionen sind nicht zwangsläufig Verlierer Wesseler tritt für eine realistische Regionalplanung ein. „Es geht um die Rollenverteilung von Stadt und Region und nicht um Konkurrenzkampf.“ Nicht jede Stadt benötige unbedingt ihr eigenes Hallenbad, wenn der Nachbarort bereits eines habe. Weil wirtschaftliche Entwicklung und Stadtentwicklung Hand in Hand gehen, hat Chemnitz zusammen mit der Technischen Universität einen Technologiepark geschaffen, wobei auch ein Innenstadtcampus entstanden ist, der sich als Impulsgeber für die innerstädtischen Wohnquartiere entwickelt hat. Das Konzept geht auf: „Junge Leute ziehen wieder nach Chemnitz, und die Einwohnerzahl ist erstmals seit 20 Jahren wieder gestiegen“, bilanziert die Bürgermeisterin. Das Beispiel Chemnitz zeigt, dass schrumpfende Regionen nicht zwangsläufig zu den Verlierern zählen müssen. „Grundsätzlich ist es nicht so wichtig, wie viele Leute auf einem bestimmten Raum wohnen,“ erklärte Oswalt. Es gehe darum, den Menschen eine gute Lebensgrundlage zu bieten, und nicht darum, eine bestimmte Einwohnerzahl zu verfolgen. Schwierig sei lediglich, den Transformationsprozess richtig zu gestalten. Inwieweit die Entwicklung von Schrumpfungs- und Wachstumsprozessen steuerbar ist, beurteilten die Experten unterschiedlich. „Der Einfluss von Architektur und Stadtplanung ist ausgesprochen begrenzt“, meinte Oswalt. Wichtiger seien die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, etwa die Ausgestaltung der Pendlerpauschale, die die Zersiedlung begünstigt. „Ganz ohnmächtig sind wir nicht, gerade was die innerstädtische Planung angeht“, hielt Wesseler dagegen. So sei es gelungen, in Chemnitz innerstädtische Brachen zu beleben, auf denen die Leute jetzt ihre Häuser bauen können. „Marktlagen müssen gemacht werden, die Stadtplanung muss in Vorleistung gehen.“ Keine gesunde Entwicklung ohne Stadtplanung Einigkeit herrschte in der Frage, ob europäische Städte als Vorbild für das Wachstum in Megastädten dienen können. „Die Bedingungen in diesen Ländern sind anders“, konstatierte Metropolenforscher Mieg. „Eine Stadt wie Lagos, wo der Bürgermeister nicht weiß, wie viele Menschen dort überhaupt leben, ist nicht organisierbar.“ „Das Problem sind die informellen Siedlungen, die Slums, in denen die Leute ohne Planung ihre Hütten bauen“, pflichtete Oswalt bei. In Europa fehlen derartige Siedlungen weitgehend, so dass man auch keinerlei Erfahrungen vorweisen kann. Hier existierte bereits früh eine Stadtplanung, die räumliche Strukturen entworfen hat, bevor das Wachstum stattfand. „Über die Hälfte der Urbanisierung findet in Slums statt, und das ist wirklich ein Problem. Es fehlt am Willen, da etwas zu gestalten,“ beklagte Oswalt. Somit steht die ständig wachsende Schar der Bewohner in den Elendsvierteln als Verlierer der Wanderbewegung in die Städte fest. Basisinfrastruktur wie Wasser- und Sanitärversorgung ist zumeist nicht vorhanden. Hierzulande lassen sich dagegen Probleme wie leerstehende Bürohäuser oder verwaiste Wohnungen mit einer vorausschauenden Stadtplanung vergleichsweise einfach in den Griff bekommen. Einmal mehr sind es also die Menschen in den Entwicklungsländern, die besonders hart getroffen sind. Das nächste Dialogforum zum Thema „Ursachen für Migration: Warum wandert die Welt?“ findet am 22. März statt. |