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Franz Müntefering
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Prof. Ursula M. Staudinger
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Wir werden älter und weniger - das ist gut so!

Dialogforum "Demographie heute: die Welt im Umbruch?" am 11. Januar 2011

Die Menschen werden immer älter, gleichzeitig sinkt die Zahl der Kinder stetig. Diese Entwicklung stellt unsere Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Welche Konsequenzen sich daraus ergeben, war Thema der Auftaktveranstaltung zu den Dialogforen 2011, die sich dem Themenbereich Demographie und Migration widmen. Mit dem früheren Vizekanzler und Bundesminister für Arbeit und Soziales Franz Müntefering und der Vizepräsidentin der Jacobs Universität in Bremen Prof. Ursula M. Staudinger standen zwei ausgewiesene Experten dem zahlreich erschienenen Publikum Rede und Antwort.

Die meisten Menschen nehmen den demographischen Wandel als Bedrohung wahr. Warum das so ist, erläuterte Staudinger: „Prognosen zufolge wird unser Wohlstand bis 2030 bei vorhersehbarer demographischer Entwicklung um 16 Prozent sinken.“ Länder wie die Schweiz und Dänemark haben jedoch gezeigt, dass sich am Arbeitsmarkt Produktionspotenziale finden lassen, die den Wohlstandsverlust erheblich verringern. Der Schlüssel dazu ist eine höhere Erwerbstätigkeit von älteren Menschen.
 
In der Diskussion wird oft vergessen, dass die zunehmende Alterung auch neue Potenziale für jeden Einzelnen eröffnet, wenn man die gewonnenen Jahre durch die höhere Lebenserwartung richtig nutzt. Denn: „Wir haben es selbst in der Hand, das Älterwerden zu gestalten,“ stellte Staudinger fest. Die Abnahme der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit lässt sich durch entsprechendes Training hinauszögern. Dabei bringen Ausdauersport und Bewegung mehr als Entspannungsübungen oder Joga. Doch die Vizepräsidentin der Jacobs Universität gibt sich keinen Illusionen hin: „Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach.“ 
  
Wir sind weder allmächtig noch ohnmächtig
 
Wie sollte die Politik auf die demographischen Veränderungen reagieren? „Ohne Angst und Panik,“, beruhigte Franz Müntefering, „auch wenn die Dynamik des Wandels in Deutschland außergewöhnlich ist.“ Wir seien weder allmächtig noch ohnmächtig, es liege an uns, die Veränderungen positiv zu begleiten. „Politik ist nicht allwissend, sondern sucht ebenfalls nach neuen Lösungen.“ Dabei bewegt sie sich in einem bestellten Feld, in dem man die Dinge langsam umbauen muss, ohne dass sie genau weiß, wie die Welt tatsächlich in einigen Jahrzehnten aussieht.
 
Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, schlägt Müntefering vor, Bildung und berufliche Qualifikationen zu verbessern. „Wenn jedes Jahr 70.000 Schüler ohne Abschluss die Schule verlassen, ist das eine wirkliche Schande für unser Land,“ beklagte er. Ganz ohne Zuwanderung werde sich der Fachkräftemangel dennoch nicht beseitigen lassen. Der SPD-Politiker forderte die Menschen auf, sich auch im Alter im Gemeinwesen zu engagieren. „Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl.“ Nötig sei eine organisierte Solidarität in der Gesellschaft, weil Familien nicht mehr eine so zentrale Rolle wie früher einnehmen. Die Sorge über die Alterssicherung, die viele Menschen beschäftigt, vermochte Müntefering nicht zu zerstreuen. Die Beiträge alleine reichen heute schon nicht aus, um den Ruhestand zu finanzieren. Man müsse sich deshalb Gedanken über Höhe der Löhne und über die Lebensarbeitszeit machen. Um auch im Alter erwerbstätig zu bleiben, ist nicht nur Gesundheit sehr wichtig, sondern auch die Frage, ob die Arbeit Spaß macht. Müntefering kritisierte das beamtenhafte Denken, wonach es im Job bis zum Renteneintritt stetig aufwärts geht. „Es gibt immer mehr Berufe, in der das Leben einer ballistische Kurve gleicht. Beim Fußball leuchtet das jedem ein.“ 
 
Wechsel und Veränderungen tun gut
 
Für einen neuen Standard in der Arbeitswelt plädierte auch Staudinger: „Wir benötigen andere Lebenszeitstrukturen, als sie unsere Eltern und Großeltern kannten.“ Das blockweise Abarbeiten des Lebens, erst viel Bildung, dann Arbeit, dann Rente, sei passé. Man sollte die gewonnenen Lebensjahre dazu nutzen, sich mehr Zeit in der Mitte des Lebens zu gönnen und immer wieder wechseln zwischen Arbeits- und Bildungsphasen sowie Familie. Damit lässt sich auch das Phänomen des Burnout verhindern, der am schnellsten wachsenden Erkrankung im Arbeitsleben.
 
„Es muss normal werden, dass man mit 40 noch einen Master oder Bachelor macht und dann eine neue Karriere beginnt, auch wenn Personalberater das heute noch anders sehen“, forderte Staudinger und fügte hinzu: „Wir müssen hinkommen zu einem Arbeitsmarkt, in dem der Wechsel von Tätigkeiten keine existenzielle Verunsicherung mehr auslöst.“ Wechsel und Veränderungen tun gut. Allerdings stellen die künftigen Berufsbiographien enorme Anforderungen an jeden Einzelnen. Es gelte aufzupassen, dass bildungsferne Schichten nicht noch weiter ins Hintertreffen geraten, weil sie sich selbst weniger gut managen können.
 
„Wir pressen Kinder und Karriere in die Zeit zwischen 35 und 50“, monierte auch Müntefering. Diese Phantasielosigkeit müssten wir uns abgewöhnen. Der Wechsel in andere Bereiche oder der Dienst am Menschen seien eine enorme Aufgabe, die nicht allein vom Gesetzgeber zu lösen sei, sondern von der Gesellschaft als Ganzes. Die Politik könne allenfalls einzelne Maßnahmen aus dem Gesamtbild ableiten, zum Beispiel bei der Frage der Pflegeversicherung oder der Kinderbetreuung. 
 
Wirtschafssysteme können ohne Wachstum florieren
 
Für Staudinger steht fest, dass uns die rückläufige Geburtenrate eine Chance bietet, über die Organisation des Gemeinwesens und über die Weiterentwicklung von Zivilisation nachzudenken, anstatt in alten Denkschemen zu verharren. Es wird uns nicht erspart bleiben, den Raum für möglichst viele Lebensstile auszuschöpfen, damit wir eine sozial gerechte und produktive Gesellschaft bleiben. Es gebe genug Studien, die belegen, dass Investitionen in Qualität – also Bildung – die abnehmende Quantität mehr als kompensieren können. „Wir werden weniger, ich sage, das ist gut so und lasst uns das Beste daraus machen.“ In Zukunft werde es Nobelpreise für Forschungen über Wirtschaftssysteme geben, die ohne Wachstum auskommen und florieren, prognostizierte sie. Wie Müntefering glaubt sie nicht, dass Migration die Schrumpfung in Deutschland ausgleichen kann.
 
Jeder von uns ist also gefordert, auf die demographischen Herausforderungen zu reagieren. Welche Richtung wir einschlagen, liegt allein in unserer Hand. Der kulturelle Wandel beginnt dabei schon im täglichen Gespräch und in der Interaktion mit der eigenen Nachbarschaft genauso wie im Gemeinwesen. Und eine positive Sicht auf die Zeit im Alter verlängert sogar noch einmal die Lebenserwartung.
 
Das nächste Dialogforum findet am 17. Februar 2011 zum Thema „Land – Stadt – Megastadt: Wer gewinnt, wer verliert?“ statt.

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