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Prof. Rita Süssmuth
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Prof. Rainer Münz
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Ursachen für Migration: Warum wandert die Welt?

Dialogforum am 22. März 2011

Warum verlassen Menschen – freiwillig oder unfreiwillig – ihre Heimat? Kann man Migrationsströme mit politischen Mitteln steuern? Und wie schaffen wir es, Migranten besser in unsere Gesellschaft zu integrieren? Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt der 3. Veranstaltung im Rahmen der Dialogforumsreihe „Woher? Wohin? Demographie und Migration“ am 22. März in München. Das Podium war mit der früheren Bundestagspräsidentin Prof. Rita Süssmuth, dem Bevölkerungswissenschaftler Prof. Rainer Münz und der Politikwissenschaftlerin Florence Tsagué hochkarätig besetzt.

Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge leben mehr als 200 Millionen Menschen außerhalb ihres Geburtslandes, jedes Jahr nimmt die Zahl um 3 Prozent zu. Dass Migration ein globales Phänomen mit vielen Facetten ist, zeigen aktuelle Ereignisse wie die Unruhen in Libyen und anderen arabischen Staaten oder die Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan, die viele Menschen in die Flucht gezwungen haben. „Das Gros der Wanderbewegungen findet innerhalb eines Landes statt“, erläuterte Prof. Münz, wobei als Ursachen neben ökonomischen Zwängen, Gewalt und Ressourcenmangel künftig immer mehr  Naturkatastrophen und Umweltveränderungen eine Rolle spielen.
 
Europa ist auf Zuwanderung angewiesen
 
Bei grenzüberschreitenden Wanderbewegungen zieht es die Menschen vor allem in 5 Regionen. „In den USA, in Kanada, der EU, den Golfstaaten und in Australien/Neuseeland leben 65 Prozent der weltweiten Migranten“, weiß Münz, der unter anderem als Senior Fellow am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) tätig ist. Attraktiv sind meist  solche Orte, die Arbeitsplätze, Karrierechancen und Bildungsmöglichkeiten bieten und die es den Familien ermöglichen nachzuziehen. Deutschland drohe im weltweiten Wettbewerb um kluge Köpfe ins Hintertreffen zu geraten. „Wenn ich bürokratische und kleinliche Regelungen schaffe, darf ich mich nicht wundern, dass gut ausgebildete Menschen lieber in die USA gehen“, beklagte der Experte. Dabei sei Europa auf Zuwanderung angewiesen, damit die von Überalterung betroffene Gesellschaft auch künftig funktioniere. Falls nichts passiert, sinkt das Arbeitskräftepotenzial bis 2050 um 70 Millionen Menschen. „Ich glaube nicht, dass das ohne Auswirkungen auf unseren Wohlstand bleiben wird“, bekräftigt Münz.
 
Die Probleme sind hinlänglich bekannt und dulden eigentlich keinen Aufschub. Dennoch geschieht zu wenig. „Die Deutschen sind besser im Diskutieren als im Entscheidungen treffen“, kritisierte Prof. Süssmuth. Sie plädierte dafür, die Menschen hinter den Migranten wahrzunehmen, sie als kulturelle Bereicherung zu betrachten und ihre Qualifikationen anzuerkennen. „Ich wünschte mir, wir würden dem schwedischen Beispiel folgen, wo die Wirtschaft und nicht die Politik entscheidet, ob Migranten sich nachqualifizieren müssen. Hier ist ein Umdenken nötig.“ Natürlich könne Migration Ängste auslösen, etwa vor Dumpinglöhnen, Arbeitsplatzverlust oder vor fremden kulturellen Einflüssen. Aber: „Fragen wir nicht, wie wir Migration verhindern, sondern fragen wir, wie wir sie gestalten, damit wir uns nicht ständig ängstigen“, appellierte sie.
 
Migration führt auch in den Quellländern zu großen Herausforderungen
 
Alarmierende Zahlen zum Brain Drain aus Afrika lieferte Florence Tsagué. „60.000 afrikanische Wissenschaftler arbeiten alleine in den USA, mehr als 20.000 Absolventen verlassen jährlich den Kontinent.“ Auch beim medizinischen Personal seien starke Abwanderungstendenzen zu erkennen. „Man muss sehen, welche Lücken dieser Care Drain im System hinterlässt. Ich komme aus Kamerun, und in meinem Dorf braucht man heute 3 Tage, um zu einem Arzt zu gelangen“, stellte sie fest.
  
Einfluss auf Migrationsströme habe auch die Berichterstattung in den Medien. Es komme sehr auf das Bild an, das die Presse in den jeweiligen Ländern vermittle. So werde Europa in Afrika als Paradies und Ort des Wohlstands wahrgenommen. Außerdem würden viele afrikanische Herrscher bewusst auf Migration setzen, um Unzufriedene zum Verlassen zu bewegen und die eigene Macht zu festigen. 
 
Wie kann Migration sinnvoll gesteuert werden?
 
Lässt sich Migration mit politischen Mitteln steuern? Süssmuth, die 2 Jahre lang der „UN Global Commission on International Migration“ angehörte, ist eher skeptisch. Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan habe das Thema mit Einsetzung der Kommission zwar auf die Agenda gehoben. Er sei aber nicht davon ausgegangen, das Problem tatsächlich lösen zu können. Vielmehr wollte er Bedingungen für Win-win-Situationen ausloten, um Migration für die Beteiligten zu erleichtern. „Zentrales Ergebnis der Kommission war die Aussage, dass kein Staat für sich allein das Problem lösen kann. Doch im Grunde möchte jeder Staat weiter für sich selbst auf diesem Gebiet entscheiden“, kritisiert Süssmuth.
 
Sie tritt für einen ehrlichen Umgang mit der Migration ein. „Es ist wichtig, den Menschen zu erklären, dass Zuwanderung keine leichtes Spiel ist, weder für die Ankommenden noch für die Aufnehmenden.“ Es gehe nicht darum, die Probleme wegzuwischen, sondern konstruktiv mit ihnen umzugehen. Daher sei es wichtig, der Öffentlichkeit verstärkt praktische Beispiele zu vermitteln, welchen Nutzen Migranten stiften, etwa in der häuslichen Pflege oder in den Betrieben. Und man müsse den Menschen ihre Identität belassen, „sonst kommt man nicht zurande“. Anlass zu Pessimismus sieht sie allerdings nicht: „Ich halte unsere Gesellschaft für fähig, neue Ideen zu entwickeln, wie wir besser mit den Herausforderungen der Migration fertigwerden.“
 
Neue Anstöße dazu wird das nächste Dialogforum liefern. Es findet am 14. April 2011 zum Thema „Wenn Wissen wandert – Brain Drain oder Chance?“ statt.

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