„Ein Umdenken muss stattfinden“Im Gespräch mit Nikolaus von BomhardDie Münchener Rück Stiftung hat erstmals die Ergebnisse der Dialogforen in einer Broschüre zusammengefasst. In „Positionen“ werden wichtige und manchmal auch kontrovers diskutierte Meinungen präsentiert. Wir fragten dazu Nikolaus von Bomhard, CEO von Munich Re und Mitglied des Stiftungsrats der Münchener Rück Stiftung.Zu Beginn der „Positionen“ fordert der Globalisierungsexperte Prof. Franz Josef Radermacher: „Wir brauchen Wachstum für zehn Milliarden Menschen, wenn wir Armut nachhaltig bekämpfen wollen“. Kann Wachstum tatsächlich das Armutsproblem lösen? von Bomhard: Auf jeden Fall kann Wirtschaftswachstum dazu beitragen, das Armutsproblem zu lösen. Das Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft hat in den letzten drei Jahrzehnten ungefähr 600 Millionen Menschen aus der Armut befreit. Die Herausforderung besteht darin, den materiellen Lebensstandard der Menschen zu erhöhen, ohne durch Raubbau an Ressourcen oder durch Umweltzerstörung ihre Gesundheit und langfristige Lebensgrundlage zu beschädigen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung. In Irland hat beispielsweise das hohe Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre in kurzer Zeit einen deutlichen Wohlstandsanstieg für viele Menschen geschaffen, leider nicht auf Dauer, denn das Wachstum basierte auf einer Schuldenblase. Um den Klimawandel zu bremsen, wäre ein stärkerer Einsatz von Erneuerbaren Energien wünschenswert. Der Klimaforscher Prof. Mojib Latif hält einen Umbau der Wirtschaft weg von fossilen Brennstoffen längst für machbar. Warum reagiert die Politik so langsam? von Bomhard: Die Politik steht vor einem Dilemma: Um Anreize zu einem langfristig sinnvollen Umbau der Energieinfrastruktur zu setzen, müssten klimaschädliche Effekte fossiler Brennstoffe berücksichtigt werden, etwa durch die Erhebung einer CO2-Steuer. Setzt man diese Politik kurzfristig um, so bedeutet dies, je nach Umfang der zusätzlichen Abgaben, eine erhebliche Belastung für die wirtschaftliche Entwicklung, die nur in engen Grenzen zu verkraften ist. Ähnlich verhält es sich mit finanziellen Anreizen für Erneuerbare Energien: Bezahlt werden sie von den jetzigen Steuerzahlern, den Nutzen haben erst zukünftige Generationen. Munich Re will in den nächsten Jahren mehr als zwei Milliarden Euro in Erneuerbare Energien investieren. Wo setzen Sie an? von Bomhard: Momentan bilden Windparks und Solarprojekte den Schwerpunkt unserer Investitionen in Erneuerbare Energien. Unser Ziel ist es, in den nächsten 3 Jahren unser Anlagespektrum über nachhaltige Investments mit attraktiven Renditen zu erweitern. Falls sich weitere interessante Projekte im Umfeld Erneuerbarer Energien und dazu notwendiger Technologien ergeben, zum Beispiel im Bereich Geothermie, Biogas oder Energiespeicherung, prüfen wir diese gern. Wir sind der Meinung, dass wir aufgrund unseres technischen Knowhows aus dem Versicherungsgeschäft rund um das Thema Erneuerbare Energien sachkundige Anlageentscheidungen treffen können. Munich Re initiierte 2009 die Gründung der Dii GmbH zur Deckung des künftigen Strombedarfs aus Wind- und Sonnenkraftwerken aus dem Mittleren Osten und Nordafrika. Während dieses Projekt auf bis zu 40 Jahre ausgelegt ist, ist Prof. Hans Joachim Schellnhuber vom PIK davon überzeugt, dass wir nur eine Chance haben, wenn wir sofort den Klimawandel bekämpfen. Jedes verstrichene Jahr koste nicht nur Zeit, es mache die Zielerreichung quasi unmöglich. Welche Chancen sehen Sie für Munich Re, über Dii GmbH hinaus unmittelbare Maßnahmen zu unterstützen? von Bomhard: Es gibt für uns mehrere Handlungsoptionen. Zum einen müssen wir uns im Unternehmen selbst fragen, welche Maßnahmen wir ergreifen, um unseren CO2-Fußabdruck zu minimieren. Hier konnten wir in den letzten Jahren einiges erreichen. Unseren Stammsitz in München haben wir bereits 2009 klimaneutral gestellt, bis 2012 wird die gesamte internationale Rückversicherungsgruppe klimaneutral arbeiten. Das erreichen wir über Effizienzsteigerungen, über grünen Strom, über Projekte zur Förderung Erneuerbarer Energien und über den Kauf von Emissionszertifikaten. Wir können aber noch mehr tun. Durch Dialog wollen wir für die gesamte Thematik sensibilisieren und durch die Entwicklung neuer Versicherungskonzepte können wir die Einführung neuer Technologien beschleunigen, oft ermöglichen wir deren Einsatz sogar erst. Die Welt der Mikrofinanz ist mit einem blauen Auge durch die Finanzkrise gekommen, auch wenn in manchen Ländern große Probleme auftraten. Welche Zukunft hat dieses Instrument zur Armutsbekämpfung in den Entwicklungsländern? von Bomhard: Mikrokredite können einer großen Bevölkerungsgruppe helfen, selbstbestimmt der größten Armut zu entkommen. Und in Ländern, in denen die Versicherungsdichte noch sehr gering ist oder in denen kaum soziale Sicherungssysteme bestehen, können Mikroversicherungen Menschen der unteren Einkommensschichten vor dem Verlust ihrer Existenzgrundlage schützen. Wir glauben, dass diese Instrumente in Entwicklungs-und Schwellenländern weiter entwickelt und etabliert werden müssen. Für die Versicherungsbranche ist das Segment gleichermaßen eine Herausforderung und ein Wachstumsmarkt. Wie lässt sich verhindern, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise erneut ausbricht? Haben Unternehmen und Finanzdienstleister die richtigen Lehren gezogen? von Bomhard: Krisen werden sich nicht völlig vermeiden lassen. Schwerwiegende Verwerfungen wie in der jüngsten Krise können jedoch langfristig die Stabilität unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems bedrohen. Daher stehen wir alle in der Pflicht, die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen. Es wird nicht ausreichen, auf eine Veränderung der regulatorischen Rahmenbedingungen zu vertrauen. Diese können nur zu einem gewissen Grad die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Finanzkrise verringern. Die Regulierung wird der Dynamik und Innovationskraft der Finanzmärkte immer hinterherhinken. Viel wichtiger ist es, dass bei allen Wirtschaftsakteuren ein Umdenken stattfindet. Nicht jedes Geschäft, das legal und kurzfristig profitabel ist, ist moralisch akzeptabel und langfristig für das Unternehmen oder die Volkswirtschaft sinnvoll. Zu diesem Umdenken müssen einige Akteure der Finanzindustrie einen noch größeren Beitrag leisten. Am Ende der „Positionen“ kritisiert der ehemalige SPD-Abgeordnete und Energieexperte Dr. Axel Berg, die G20 reichten bei weitem nicht aus, um die globalen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Brauchen wir neue Organisationen? von Bomhard: In der Finanzkrise hat sich gezeigt, dass internationale Zusammenarbeit angesichts globaler Herausforderungen durchaus funktionieren kann: International koordinierte Reaktionen von Regierungen und Zentralbanken haben geholfen, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise zu begrenzen. Und im Rahmen der G20 wurden bereits Fortschritte zur Regulierung des Finanzsystems gemacht. Noch wichtiger als neue, globale Organisationen ist der Wille der Politiker, die Probleme unserer Zeit im Interesse der Menschen entschlossen anzugehen, wobei es hierzu nicht immer globaler Lösungen bedarf. Führung durch Vorbild ist auch ein wichtiger Beitrag in einem oft orientierungslosen Umfeld. |