Ein Jahr nach Katrina Wird New Orleans wie es einmal war? Laura Olson arbeitet als Beraterin für das Arlington County Office of Emergency Management in Virginia und ist Doctoral Fellow der School of Business der George Washington University in Washington, D.C. Vor einer Woche haben wir die Wissenschaftlerin, die kurz zuvor von einem Forschungsaufenthalt in New Orleans zurückgekehrt war, zu den Folgen von Hurrikan Katrina interviewt.Frau Olson, Sie haben die Auswirkungen von Hurrikan Katrina im Kontext der sozialen Verwundbarkeit untersucht. Was hat Sie bei dieser Katastrophe am meisten überrascht? Am schlimmsten war, dass so viele Menschen offensichtlich einfach ihrem Schicksal überlassen wurden, nachdem praktisch alle Katastrophenschutzmechanismen auf lokaler, bundesstaatlicher und nationaler Ebene versagten – und das, obwohl die USA seit dem 11. September Milliarden von Dollar für Katastrophenvorsorge und Katastrophenschutzübungen ausgeben. Bisher weitgehend unbekannt ist, dass zu wenig Mittel für langfristige Hilfsprogramme für die Hurrikanopfer vorgesehen sind. Ich befürchte, dass es auch nach Katrina wieder einmal die arme, überwiegend schwarze Bevölkerung sein wird, die von unserem Sozialsystem im Stich gelassen wird, also gerade die Menschen, die sich schon so lange mit einer ungerechten Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Woher rührte die soziale Verwundbarkeit bzw. ungleiche Gefährdung der Menschen, die besonders hart betroffen waren? Ethnischer Hintergrund und Armut sind hier ganz offensichtliche Faktoren. Aber auch die Stärke und das Ausmaß von Katrina spielten eine Rolle. Außerdem liegen große Teile von New Orleans unter Meeresniveau. Jahrzehntelange Eingriffe des Menschen in das Marschland haben dazu geführt, dass die Feuchtgebiete, die als Puffer dienten, immer kleiner wurden. Ein weiterer Faktor war die Mobilität: Die armen Stadtbewohner waren auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Diese kamen bei der Evakuierung aber kaum zum Einsatz. Sowohl die Stadt als auch der Bundesstaat haben bei der Aufgabe, die besonders verwundbaren Bürger vor einem Extremereignis zu schützen, versagt. Aber auch in der Zeit nach der Katastrophe gibt es Faktoren, die die Verwundbarkeit erhöhen. Aufgrund mangelnder Ausbildung und fehlender Qualifikationen finden die Überlebenden derzeit kaum eine Arbeit, von der sie leben könnten. Ein weiterer Faktor ist der fehlende Krankenversicherungsschutz. Er verwehrt den Menschen den Zugang zu notwendiger medizinischer Behandlung. Wird man das nächste Mal besser vorbereitet sein? Ich spiele hier ungern die Rolle der Kassandra, aber wir sind schon wieder dabei, die gleichen technischen Lösungen einzusetzen, die sich in New Orleans bereits drei Mal als unwirksam erwiesen haben, z. B. eine Erhöhung der Dämme. Wir müssen uns fragen, ob es keine Alternative gibt. Die Entscheidung, die besonderes gefährdeten Teile der Stadt nicht wieder zu besiedeln, ist sinnvoll. Insgesamt bin ich aber eher pessimistisch, was künftige Katastrophen in dieser Region angeht, denn die extremen Wetterereignisse nehmen zu. Worauf kommt es bei der Katastrophenvorsorge in New Orleans vor allem an? Man muss sich mit Armut, Rassenproblemen und dem Klassensystem auseinandersetzen. Das ist kein einfacher Weg und sicher kein besonders populärer. Vermutlich ist er angesichts des derzeitigen Klimas in den USA politisch auch gar nicht durchsetzbar. Aber nur so kann man eine echte Lösung erreichen und den Lebensstandard der verwundbaren Bevölkerungsschichten anheben. Sie hätten dann viel bessere Chancen, mit dem nächsten Hurrikan fertig zu werden. Wird New Orleans jemals wieder das, was es einmal war? Nein. Veränderungen sind real. Den Ursprungszustand kann man nie exakt wiederherstellen. Ich hoffe sogar, dass New Orleans nicht mehr das sein wird, was es vor dem Hurrikan war. Ich wünsche mir, dass wir niemals zu der ethnischen Benachteiligung, der Armut und den starren Klassenstrukturen zurückkehren, die so viele Menschen derart verwundbar gemacht haben. Ich hoffe, dass wir zumindest einen Teil der Afro-Amerikaner nach New Orleans zurückholen können, um ihnen dort die Voraussetzungen zu bieten, die unserer nationalen Grundüberzeugung entsprechen: Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle. Laura Olson arbeitet als Beraterin für das Arlington County Office of Emergency Management in Virginia und ist Doctoral Fellow der School of Business der George Washington University in Washington, D.C. An der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg erwarb sie einen Magister in Politikwissenschaft und deutscher Literatur. Laura Olson ist derzeit als Doktorandin der Verwaltungswissenschaften an der George Washington University tätig. Ihre Forschungsarbeit konzentriert sich auf soziale Verwundbarkeit und die Widerstandsfähigkeit sozialer Gemeinschaften in New Orleans. Vor einer Woche haben wir die Wissenschaftlerin, die kurz zuvor von einem Forschungsaufenthalt in New Orleans zurückgekehrt war, zu den Folgen von Hurrikan Katrina interviewt. Lesen Sie das Interview mit Byron Lopez-Real (Wer war betroffen?) > mehr |