Forschungs- und Maßnahmenagenda zur sozialen VulnerabilitätWarner (UNU-EHS) und Thomas Loster (Münchener Rück Stiftung)Die soziale Verwundbarkeit ist ein komplexes Forschungsgebiet. Risiken durch Naturkatastrophen variieren stark nach Region, kulturellen und sozioökonomischen Gegebenheiten sowie anderen Faktoren. Mit diesen komplexen Zusammenhängen befasst sich die Vulnerabilitätsforschung. Sie schafft eine wissenschaftliche Grundlage, um zu untersuchen und zu beurteilen, wie man die Verwundbarkeit der Gesellschaft gegenüber Naturkatastrophen senken kann, und entsprechende Maßnahmen zu empfehlen. Im Sommer 2006 beriefen das Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der UN-Universität (UNU-EHS) und die Münchener Rück Stiftung eine Expertenrunde ein, um den aktuellen Stand der Vulnerabilitätsforschung zu diskutieren und eine Forschungs- und Maßnahmenagenda aufzustellen. Als Ergebnis der Fachtagung wurde festgelegt, wo die Schwerpunkte der künftigen Arbeit auf diesem Gebiet liegen sollen. Zu diesem Zweck wurden eine Forschungsagenda, Empfehlungen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit sowie Überlegungen zur politischen Dimension von Projekten zur Senkung der sozialen Vulnerabilität formuliert. | Wissenschaft | | Einheitliches Verständnis von Vulnerabilität. Forschung benötigt klare Definitionen und solide theoretische Grundlagen und muss den räumlichen, zeitlichen und sozioökonomischen Kontext berücksichtigen. Derzeit gibt es noch beträchtliche Forschungslücken. | | Praktische Anwendbarkeit. Vulnerabilitätsforschung geschieht nicht im Elfenbeinturm. Sie nimmt Einfluss auf Politik und Praxis des Umgangs mit verwundbaren Bevölkerungsgruppen. Die Vulnerabilitätsforschung muss sich über die beschreibende Funktion hinaus verstärkt der Analyse zuwenden, um sinnvolle und praxisgerechte Anwendungsmöglichkeiten zu erschließen. | | Messung und Analyse der Vulnerabilität. Die Instrumente zur Messung der sozialen Verwundbarkeit müssen weiter verfeinert werden. Es werden solide qualitative und quantitative Verfahren benötigt, die als Grundlage für Entscheidungen und Maßnahmen zur Verringerung der sozialen Verwundbarkeit dienen können. |
| Sensibilisierung der Öffentlichkeit | | Komplexität. Soziale Vulnerabilität beruht auf dem Zusammenspiel einer Vielzahl verschiedener Systeme (Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft, Risiken). Um der Öffentlichkeit diese komplexen Sachverhalte näher zu bringen, müssen die Zusammenhänge verdeutlicht werden. | | Aufklärung. Die Öffentlichkeit muss über die Ursachen sozialer Vulnerabilität verständlich informiert und auf mögliche Lösungen aufmerksam gemacht werden. Praxisnahe Instrumente und Erkenntnisse können vulnerabilitätsminderndes Verhalten und kommunale Aktionen unterstützen. | | Medien. Die Medien schlagen eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und führen der Politik die Bedeutung des Problems vor Augen. Sie können entscheidend dazu beitragen, die Öffentlichkeit stärker für die Verteilung und die Ursachen der sozialen Verwundbarkeit zu sensibilisieren, indem sie über Betroffene berichten. |
| Politische Dimension | | Beteiligung. Die Bevölkerungsgruppen, deren soziale Vulnerabilität erforscht wird, müssen mit einbezogen werden. Um die Verwundbarkeit nachhaltig zu reduzieren, sind partizipative Forschung und Maßnahmen unerlässlich. Durch die Einbeziehung der wichtigsten Beteiligten kann die Wissenschaft lokale Prioritäten der Vulnerabilitätsminderung besser berücksichtigen. | | Empowerment – Hilfe zur Selbsthilfe. Die Fähigkeit zur Selbsthilfe muss unterstützt und die Nachhaltigkeit erhöht werden, indem man den Betroffenen die erforderlichen Mittel zur Verfügung stellt, um sich selbst zu helfen und eigene Wege zur Stärkung der Resilienz zu entwickeln. | | Partnerschaften. Auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene müssen Partnerschaften gebildet werden, die es den Beteiligten ermöglichen, ihre jeweiligen Stärken einzubringen, um die Vulnerabilität zu senken (international: Kapazität, Ressourcen, Vision; national: rechtlicher Rahmen, Lenkung der Ressourcen; lokal: Verständnis komplexer Sachverhalte, Kontakt zu Betroffenen). |
| Ownership | | Eigenverantwortung. Forschungs- und Öffentlichkeitsarbeit wie auch politische Maßnahmen zur Minderung der sozialen Vulnerabilität sind zum Scheitern verurteilt, wenn sie über die Köpfe der Betroffenen hinweg geschehen. Forschung und Politik können nur zum Ziel gelangen, wenn ihre Bemühungen zur Reduzierung der sozialen Verwundbarkeit von den betroffenen Menschen und Gemeinschaften vor Ort akzeptiert und mitgetragen werden. Die Lebensbedingungen lassen sich nur dann nachhaltig verbessern, wenn die unmittelbar Betroffenen – also die verwundbaren Menschen selbst – sich aktiv darum bemühen, ihre Vulnerabilität zu reduzieren, und auch über die erforderlichen Mittel verfügen, um zur Erhöhung der Resilienz ihrer Gemeinschaften beitragen zu können. |
Die erste Sommerakademie fand vom 23. bis 29. Juli 2006 auf Schloss Hohenkammer statt. Das Thema lautete „Wasser und Naturkatastrophen: Soziale Verwundbarkeit und Stärkung der Resilienz“. Programm, Vorträge und Tagungsbericht können Sie hier abrufen. |