Dritte Sommerakademie: Umweltbedingte Migration – harte Fakten für eine bessere PolitikEnde Juli 2008 fand auf Schloss Hohenkammer nahe München die dritte Sommerakademie statt. 25 Jungwissenschaftler aus 16 Nationen untersuchten, inwieweit Umweltveränderungen und der Klimawandel die Menschen zur Migration zwingen. Beispiele aus Alaska und den kleinen Inselstaaten im Pazifik zeigen, wie brisant das Thema schon heute ist.„Die Klimaänderung zwingt uns schneller als gedacht, Lösungen für das Problem der umweltbedingten Migration zu finden“, erklärte Professor Anthony Oliver-Smith zur Eröffnung der Sommerakademie. Die komplexen Zusammenhänge seien bei weitem noch nicht ausreichend untersucht. Um diese Lücke zu schließen, waren 25 Jungwissenschaftler aus 16 Ländern nach Hohenkammer gereist. Ihr Ziel: Die wichtigsten Forschungsfelder für Migration zu identifizieren und einen Arbeitsplan für die Wissenschaft festzulegen. Robin Bronen, eine Teilnehmerin aus Alaska und Expertin für soziale Verwundbarkeit, brachte die Problematik auf den Punkt: „In meinem Land müssen heute schon zahlreiche Gemeinden umsiedeln, weil der Permafrostboden auftaut und starke Erosion die Küsten- und Lebensräume zerstört. Die Regierung ist darauf aber nicht gut genug vorbereitet.“ Weitere Beispiele aus Ländern in Asien und von den kleinen Inselstaaten im Pazifik lassen klar erkennen, dass umweltbedingte Migration nicht nur ein Zukunftsthema ist. Push- und Pull-FaktorenIn den Medien und in der Fachliteratur gehen die Angaben zum Ausmaß der Migration weit auseinander. Experten schätzen, dass bis Mitte des Jahrhunderts rund 200 Millionen Menschen aus Umweltgründen ihre Heimat verlassen müssen. Fachleute der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Genf, und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) debattierten mit den Teilnehmern der Sommerakademie über Push- und Pull-Faktoren. Dabei wurde klar, dass Umwelt- bzw. Klimaeinflüsse zunehmend eine Rolle spielen, aber längst nicht für alle Migrationsbewegungen verantwortlich sind. „Zahlreiche Aspekte bestimmen die Verwundbarkeit und die Widerstandskraft der Aus- und Einwanderer“, erklärte der Chefwissenschaftler der IOM, Frank Laczko. Es sei schwer, eine eindeutige Motivation für Migration herauszufiltern. „Wirtschaftliche und politische Aspekte spielen im weltweiten Maßstab eindeutig die Hauptrolle, aber Menschen müssen auch wegziehen, wenn Hitzwellen und Dürren die Ernte fortwährend zerstören und so die Lebensgrundlage bzw. die Einkunftsquellen entziehen.“ Harte Fakten für eine bessere PolitikDie Ergebnisse der Fachgespräche bildeten die Grundlage der „Hohenkammer Challenge“, einer Forschungsagenda, die die Akademieteilnehmer in ihrer künftigen wissenschaftlichen und politischen Arbeit einsetzen sollen. Die Agenda wird bereits im Oktober 2008 stehen und auf einer großen internationalen Fachtagung „EFMSV“ (Environment, Forced Migration and Social Vulnerability) in Bonn vorgestellt. „Es ist wichtig, dass die Sommerakademie die Potenziale der Jungwissenschaftler fördert, am Ende müssen aber auch Ergebnisse greifbar sein“, forderte Thomas Loster, der Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung, die als Gastgeberin fungierte. Die Kernaussagen der Agenda lauten: - Die Wissenschaft muss der Politik mehr Fakten und harte Zahlen liefern. - Forschung muss nicht nur systematischer, sondern auch stärker im Verbund und institutionsübergreifend erfolgen. Denn die komplexen Zusammenhänge in den Spannungsfeldern Politik, Umwelt, Ernährung, Armut, Kultur und Lebensqualität werden bei weitem noch nicht ausreichend verstanden. - Eine einheitliche Erfassung der Migrationsparameter und die Verwendung adäquater Interviewtechniken ist genauso wichtig wie die sorgfältige Berücksichtigung der sozialen Verwundbarkeit in unterschiedlichen Kulturen. Professor Oliver-Smith unterstrich die Bedeutung der Forschung für vorausschauende Planung und fügte hinzu: „Letztendlich werden wir auch viel von praktischen Beispielen lernen. Erfolgreiche Umsiedlungen sind die besten Lehrmeister.“ Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg, wie das Beispiel der Pazifikinseln belegt: Der Meeresspiegelanstieg in Tuvalu und Kiribati zwingt die Insulaner heute schon, nach Australien oder Neuseeland auszuwandern. Die Umsiedlung zeigt neben den politischen Herausforderungen auch wie schwer es ist, entwurzelte Menschen in ein neues Umfeld einzugliedern. Am Ende der Studienwoche fasste Professor Janos Bogardi, Vizedirektor der UN-Universität (UNU) in Europa, zusammen: „Bis dato fand die Migrationsforschung überwiegend in einem eher philosophischen Kontext statt. Sie bestand aus einer Mischung von Annahmen, Schätzungen, Befürchtungen und Hypothesen. Wir brauchen einen raschen Wechsel hin zu rigoroser empirischer Forschung, die sowohl die Medien, als auch Gesellschaft und Politik erreicht. Nur so können Lösungen für die Menschen gefunden werden, denen heute schon umweltbedingte Migration droht.“ 12 August 2008 |