Umweltbedingte Migration – Das Wasser steht uns bis zum HalsAuf der Sonntagsmatinee „Die Erde steht Kopf – Für eine neue Weltrisikogemeinschaft“, die wir zusammen mit den Kammerspielen München, der Allianz Kulturstiftung sowie der Süddeutschen Zeitung am 21.3.2010 durchführten, erklärten internationale Experten, wie sich der Klimawandel auf weltweite Migrationsströme auswirken wird. Schon heute gibt es nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) etwa 170 Millionen Migranten. „In den letzten Jahren hat dabei die umweltbedingte Migration sogar die konfliktbedingte Migration deutlich überstiegen, sie war in einzelnen Jahren dreimal so intensiv“, unterstrich Philippe Boncour (IOM) in Genf. Würden alle Migranten der Welt eine Nation bilden, wäre dies der sechstgrößte Staat der Erde. Und seine Bevölkerung würde schnell wachsen, weil der Klimawandel den Lebensunterhalt vieler Menschen gefährdet. Wetterbedingte Naturkatastrophen aber auch langfristige Umweltveränderungen wie Wassermangel oder Dürren nehmen deutlich zu. Dadurch werden künftig unzählige Menschen zur Migration gezwungen. Laut IPCC-Schätzungen werden beispielsweise um 2080 zwei bis sieben Millionen Küstenbewohner von Überflutung betroffen sein. Sind wir darauf vorbereitet? Philippe Boncour meint ja, die Institutionen stehen bereit, die Instrumente sind entwickelt, das beweist die IOM in ihrer Arbeit vor Ort rund um den Globus. Koko Warner von der United Nations University in Bonn hielt dagegen, dass noch wichtige Elemente fehlen, so gebe es noch keine klaren völkerrechtlichen Bestimmungen und Regeln. „Die UN mag langsam sein, aber sie bietet eine wichtige Plattform für globalen Dialog. Schritt für Schritt können so nachhaltige Lösungen entwickelt werden.“ Robin Bronen, eine Anwältin für Menschenrechte, die seit Jahren indigene Völker in Alaska, die Inuit, betreut, warnte mit einer starken Stimme. „Polareis und Permafrost in Alaska tauen rapide auf, die Winter sind seit Jahren viel zu warm!“ Inuit müssen ihre Heimat verlassen, weil Böden erodieren und Häuser einstürzen. „Die Menschen haben keine Zeit, auf eine Politik der kleinen Schritte zu warten. Sie müssen heute umsiedeln." Gleiches gilt für die Menschen vieler Pazifikinseln, hier steigt der Meeresspiegel. Die Bewohner der Malediven, von Tuvalu oder Kiribati müssen ebenfalls heute handeln, weil ihre Inseln im Meer versinken. Tausende siedeln nach Neuseeland und Australien um. Nicht einmal die Wissenschaft weiß heute genau, wie viele Menschen wegen Klima- und Umweltveränderungen wandern. Der Begriff „Umweltflüchtling“ steht im Raum, das wird aber von vielen Politikern kritisiert, da „Flüchtling“ ein juristischer Begriff im Sinne der Genfer Konvention von 1951 ist. Deshalb sind auch Begriffe wie „Umweltmigranten“, „umweltbedingte Migranten“ oder sogar Kunstworte wie „Klimigrant“ im Umlauf. Zudem findet Migration oft innerhalb von nationalstaatlichen Territorien statt, weiß Boncour. “Das macht es nicht gerade leichter, Regeln für Strategien zu entwickeln und international verbindliche Politik zu entwerfen.“ Regierungen müssen mehr politischen Willen zeigen, um Abkommen zu treffen. Damit das möglich ist, muss die Forschung noch viel Wissen zusammentragen. „Letztendlich geht es darum, den Menschen Sicherheit und ein würdiges Leben zu ermöglichen,“ fordert Robin Bronen. „Entwurzelte Menschen müssen sich in ihre neue Umgebung einpassen. Es geht also auch um wichtige Themen wie Heimatverlust, Tradition, soziokulturelle und politische Umwelt, Gesundheit und persönlichen Lebensstil.“ Wenn das Thema umweltbedingte Migration nicht besser erforscht wird und die Politik das Problem nicht stärker adressiert, können nur schwer nachhaltige Lösungen gefunden werden. Podiumsteilnehmer: Philippe Boncour, Politikexperte, Leiter Internationaler Dialog Migration, International Organization for Migration (IOM), Genf Robin Bronen, Expertin für indigene Völker und erzwungene Migration (Inuit), Anwältin für Menschenrechte, National Science Foundation, Fairbanks, Alaska Koko Warner, Expertin für Klimawandel und umweltbedingte Migration. Leiterin des Instituts für umweltbedingte Migration, Soziale Verwundbarkeit und Adaptation, United Nations University, Bonn Moderation: Andrian Kreye, Leiter des Ressorts Feuilleton, Süddeutsche Zeitung 25. März 2010 |