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Mobilität von morgen - Emissionsfrei unterwegs mit Strom und Wasserstoff?

Dialogforum am 18. Februar 2020

Ohne Verkehrswende sind die Klimaziele von Paris nicht zu erreichen. Deshalb hat sich die Bundesregierung in ihrem Ende 2019 verabschiedeten Klimapaket ehrgeizige Ziele für die Elektromobilität gesetzt. Reichen die beschlossenen Maßnahmen aus? Und wie geht es nach 2030 weiter?

Rund ein Fünftel aller CO2-Emissionen in Deutschland stammen aus dem Verkehr, in den vergangenen 30 Jahren hat sich an der absoluten Höhe von jährlich etwa 160 Millionen Tonnen nichts geändert. Doch will man die Klimaschutzziele von Paris erreichen, muss der Verkehr einen wesentlichen Beitrag leisten. Die Bundesregierung will deshalb den verkehrsbedingten Ausstoß von CO2 bis 2030 auf 95 Millionen Tonnen pro Jahr senken. „Wir haben ein Gesamtpaket von 50 Maßnahmen beschlossen“, präzisierte Dr. Klaus Bonhoff, Abteilungsleiter Grundsatzangelegenheiten im Verkehrsministerium. Diese Maßnahmen beziehen sich nicht allein auf die Elektromobilität oder eine CO2-Steuer, sondern umfassen den öffentlichen Nahverkehr genauso wie die Schiene, das Fahrrad oder synthetische Kraftstoffe. „Es geht nicht nur um eine bestimmte Antriebsart oder Kraftstoffe, sondern um effizientere Mobilitätskonzepte. Denn die meisten Menschen sind kaum bereit, Abstriche am Komfort zu machen“, erläuterte er.
Klaus Bonhoff, Abteilungsleiter Grundsatzangelegenheiten, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur
Klaus Bonhoff, Abteilungsleiter Grundsatzangelegenheiten, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur

Mix aus allen Mobilitätsarten
Dass die Mobilitätswende mehr umfasst als eine Abkehr von fossilen Brennstoffen, davon ist auch Dr. Claus Doll, Mobilitätsexperte beim Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, überzeugt. „Mobilität ist ein elementarer Bestandteil unserer Kultur, da dürfen wir nicht nur an das Energiethema denken.“ Auf Stadt- und Gemeindeebene passiere gerade viel, um eine lebenswertere Umwelt zu schaffen, zum Beispiel durch Sharing-Systeme für Kraftfahrzeuge. „Wir dürfen nicht zu dogmatisch sein und dem Einzelnen diktieren, wie er sich bewegen darf. Wir brauchen bessere und weniger Fahrzeuge, es muss einen Mix geben aus allen Mobilitätsarten“, forderte er. Dazu gehöre auch, jenseits der E-Mobilität andere Optionen wie die regenerativen Kraftstoffe Wasserstoff oder Bioethanol einzubeziehen.

Ganz auf den technologischen Fortschritt, der sich häufig exponentiell entwickeln kann, vertraut Lex Hartmann. „Bei der E-Mobilität stehen wir an einem Kipp-Punkt“, ist der Geschäftsführer der ubitricity Gesellschaft für verteilte Energiesysteme überzeugt. Er führt gleich mehrere Gründe dafür an: E-Autos werden bald wirtschaftlicher sein als Benziner oder Diesel, der Kunde wird mehr Auswahl an Fahrzeugen haben, die Politik fördere die E-Mobilität nach Kräften, und es wachse eine neue Generation heran, für die das Auto als Statussymbol ausgedient hat. Eine große Herausforderung sieht Hartmann im Aufbau einer intelligenten und wirtschaftlichen Ladeinfrastruktur. „Wir brauchen pro E-Fahrzeug etwa 1,5 Steckdosen“, verdeutlichte er die Dimensionen. „Das ist eine Riesenaufgabe, aber Deutschland wird es schaffen.“

Lex Hartman, Geschäftsführer, ubitricity Gesellschaft für verteilte Energiesysteme mbH
Lex Hartman, Geschäftsführer, ubitricity Gesellschaft für verteilte Energiesysteme mbH

„Hausanschluss Mobilität“ als Schlüssel zum Erfolg
„Mit einem reinen Antriebswechsel ist wenig gewonnen, die Autos müssen auch kleiner und leichter werden“, gab Marion Jungbluth, Teamleiterin Mobilität und Reisen beim Verbraucherzentrale Bundesverband, zu bedenken. Am wichtigsten sei, dass man den Menschen Mobilität auch ohne eigenes Auto ermöglicht. Deshalb plädiert ihr Verband für einen gesetzlichen Anspruch auf einen „Hausanschluss Mobilität“. „So wie jeder Haushalt über Strom, Trinkwasser, Abwasser- und Abfallentsorgung verfügt, muss er auch an das Mobilitätssystem angeschlossen sein“, erklärte Jungbluth. Das heißt nicht, dass die nächste Bushaltestelle überall in weniger als einem Kilometer Entfernung liegen muss. Entscheidend ist, dass der Hausanschluss gut funktioniert, dass er gut erreichbar, bezahlbar und bedarfsgerecht ist. „Und zwar rund um die Uhr und auch am Wochenende.“

Einen Schlüssel dazu sieht sie in der Digitalisierung, indem man über Apps Mobility on Demand wie Mitfahrgemeinschaften oder Carsharing organisiert. Dann könnte die Qualität der Mobilitätsangebote die Ansprüche der Menschen auch auf dem Land befriedigen. Die Menschen nur mit Verboten zu belegen und sie dann allein zu lassen, das funktioniere nicht. „Man muss Alternativen aufbauen, dann kann man das Auto teurer machen, eine reine Verzichtsdiskussion ist tödlich“, warnte sie. „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, manchmal reicht es auch, einfach in andere Länder zu schauen und deren Erfahrungen zu berücksichtigen“, empfiehlt Hartmann. Eine Barriere auf dem Weg zur umweltfreundlicheren Mobilität sieht er im Perfektionismus in Deutschland. Statt alles von Anfang an perfekt machen zu wollen, sollten wir einfach loslegen wie es die Niederlande, Norwegen oder Dänemark vorgemacht haben, um der E-Mobilität zum Durchbruch zu verhelfen.

Claus Doll, Mobilitätsexperte, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, (links) und Marion Jungbluth, Teamleiterin Mobilität und Reisen, Verbraucherzentrale Bundesverband e.V., (2. v. l.) im Gespräch mit den anderen Referenten.
Claus Doll, Mobilitätsexperte, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, (links) und Marion Jungbluth, Teamleiterin Mobilität und Reisen, Verbraucherzentrale Bundesverband e.V., (2. v. l.) im Gespräch mit den anderen Referenten.

Brennstoffzelle als Alternative zur Batterie
Neben batteriebetriebenen Fahrzeugen und Biokraftstoffen bietet auch die Brennstoffzelle auf Basis von Wasserstoff eine Möglichkeit, die CO2-Emissionen zu verringern. „Die Gretchenfrage lautet, zu welchen Kosten ist grüner Wasserstoff künftig verfügbar“, machte Bonhoff deutlich. Man dürfe das Thema nicht auf die lange Bank schieben, sonst werde die Brennstoffzelle nicht kommen, was nicht im Sinne der Verbraucher wäre. „Aus Umfragen wissen wir, dass für viele das Wasserstoffkonzept überzeugender ist als der reine Batteriebetrieb“, machte er deutlich. Dem entgegnete Mobilitätsexperte Doll: „Die technologischen Herausforderungen beim Wasserstoff sind noch nicht ganz gelöst.“ Deshalb glaubt er, dass die Technologie erst 2030 oder 2035 die Marktreife erreicht haben wird.

Des Weiteren tritt Doll dafür ein, dem freien Spiel der Märkte mehr Raum zu geben. „Wenn man die Wirtschaft machen ließe, könnte man wie in den USA mit App-gesteuerten Sammeltaxidiensten wie Uber oder Lyft bessere Mobilitätsangebote organisieren.“ In Ergänzung zum öffentlichen Personennahverkehr könnte man damit auch ländliche Regionen günstig mit Mobilitätsdiensten versorgen. „Einen großen Bus den ganzen Tag fahren zu lassen, das ist nicht finanzierbar.“

Kristina Haverkamp, Geschäftsführerin der dena, moderierte das Dialogforum.
Kristina Haverkamp, Geschäftsführerin der dena, moderierte das Dialogforum.

Die Mobilitätswende ist also wesentlich komplexer  als lediglich die Antriebsart zu wechseln. Für einen tiefgreifenden Systemwandel in der Verkehrswirtschaft braucht es Leadership und Kooperation. Die große Frage lautet: Reichen die bisher beschlossenen Maßnahmen aus, um die CO2-Einsparungen auch zu realisieren? „Wir können es schaffen, es ist aber kein Selbstläufer“, meint Doll. Der Plan der Bundesregierung müsse daher ständig überprüft und nachjustiert werden. „Es besteht immer die Möglichkeit disruptiver Veränderungen bei den Technologien. Deshalb können wir in zehn Jahren in punkto Mobilität ganz anders unterwegs sein als wir es uns heute vorstellen“, hofft Jungbluth. „Wir schaffen es locker“, ist Hartmann sicher und verweist auf die rasante Entwicklung etwa bei den Kosten und der Effizienz von Solaranlagen, die sich vor einem Jahrzehnt niemand vorstellen konnte. „Billige Erneuerbare Energien sind der Game Changer im Verkehr“, meint Bonhoff und fügte hinzu: „Es ist machbar, aber wir müssen alle vor unserer eigenen Haustüre kehren.“


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Das Dialogforum „Mobilität von morgen“ am 18. Februar 2020 wurde von der Münchener Rück Stiftung gemeinsam mit der Deutschen Energie-Agentur (dena), Berlin, in München organisiert. Moderiert wurde die Veranstaltung von Kristina Haverkamp, Geschäftsführerin der dena. Die nächste Veranstaltung der Reihe findet in Berlin statt. Am 12. März treffen wir uns, um mit Ihnen über "Rettet das Klima - Innovationen gegen den Untergang" zu diskutieren.


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