Arbeitswelt 4.0 – Von Robotern und Menschen

Dialogforum, 16. Mai 2018

Intelligente Maschinen unterstützen uns in immer mehr Bereichen, der Mensch wird teilweise durch Roboter ersetzt. Was macht das mit uns? Unser Selbstverständnis als Krone der Schöpfung gerät ins Wanken, vielleicht stehen die Grundprinzipen gesellschaftlichen Zusammenlebens auf dem Spiel. Was muss passieren, damit der Mensch möglichst stressfrei mit dem Tempo der vernetzten Industrie 4.0 Schritt halten kann?

Angefangen hat alles mit einfachen Automatisierungen etwa in der Automobilproduktion. Künftig werden Maschinen in immer mehr Bereichen unseres Lebens Einzug halten, weil Robotik und künstliche Intelligenz vor einem technologischen Quantensprung stehen. „Diese digitale Revolution wird unsere Gesellschaft nachhaltig transformieren, von der Industrie und dem Gesundheitswesen bis hin zum Privatsektor“, ist Prof. Sami Haddadin von der TU München überzeugt. 

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten
Anders als in der Frühzeit werden Roboter inzwischen als lernfähige Werkzeuge für Facharbeiter eingesetzt. „Während die einfachen Roboter aus den 1980er-Jahren vor allem Arbeitskräfte ersetzt haben, dienen und unterstützen die neuen Roboter den Menschen“, erklärte der Experte für Robotik. Voraussetzung sei, dass der Mensch im Mittelpunkt der Entwicklung stehe. Dann werden vernetzte, lernfähige und sichere Roboterassistenten als nützliche Werkzeuge unser Leben einfacher machen. Entscheidend, so der Wissenschaftler, sei dabei, die Menschen im Umgang mit diesen Werkzeugen optimal zu schulen. Den Einsatzmöglichkeiten sind dann kaum Grenzen gesetzt. „Denkbar ist der Kleinroboter als moderner Werkstatthelfer zuhause genauso wie als Küchenassistent – oder als Roboter, die im Bereich Zahnmedizin Qualitätssicherung betreiben und Fachärzte tatkräftig unterstützen.“ 


Robotik und Maschinenintelligenz können viele neue Möglichkeiten eröffnen, ist Prof. Haddadin (2.v.l.) überzeugt.

Wie bei jeder neuen Technik wird es auch bei der Robotik Gewinner und Verlierer geben. Allerdings gilt es ein grundsätzliches Problem zu bedenken, wie die Soziologin Prof. Kerstin Jürgens von der Universität Kassel verdeutlichte. Ihr zufolge irritieren die neuen Technologien das Selbstverständnis des Menschen und werfen die Frage auf, was uns von den Maschinen unterscheidet und wie wir unsere Position in der Welt künftig sehen. „Die Irritation besteht darin, dass wir uns bislang als etwas besonderes im Universum gefühlt haben. Nun befürchten wir, dass die Technik schlauer wird als wir selbst.“ 

Neue Rahmenbedingungen nötig
Mit Hilfe der künstlichen Intelligenz sind Roboter in der Lage, selbstständig zu lernen und aus Erfahrungen schlau zu werden. Maschinen übernehmen so kognitive Fähigkeiten, die bislang dem Menschen vorbehalten waren. Dieser technologische Fortschritt fordert die Gesellschaft in ihren Grundprinzipien des Zusammenlebens heraus. „Zwischen dem Tempo des digitalen Wandels und dem notwendigen Um- und Ausbau von Regeln und Rahmenbedingungen klafft eine Lücke“, stellte Jürgens fest. Es fehle an Regelungen, wie wir mit den neuen Entwicklungen umgehen. Zum Beispiel mit unseren Daten. „Es gibt Diskussionen, ob wir eine Reform des Bürgerlichen Gesetzbuches benötigen, die das Eigentum an den Daten anders definiert“, so die Expertin. Zudem müsse man überlegen, inwieweit die Veränderungen in der Arbeitswelt, die die digitale Transformation mit sich bringt, erwünscht seien. „Wenn wir den Menschen als sozialbedürftiges Wesen mit vielen Fähigkeiten begreifen, müssen wir sehen, dass die Technik ihn nicht in seinen Fähigkeiten und seiner Freiheit beschneidet, sondern ihn zum Entfalten hilft“, forderte sie.


Die permanente Aufnahme von Informationen mittels neuer Medien bedeute Stress für das menschliche Gehirn, erläutert Horst Kraemer.

Computer und Roboter als Stressfaktor
Wie leicht die zunehmende Digitalisierung des Alltags den Menschen überfordern kann, darauf machte Horst Kraemer aufmerksam, Pionier der Stressforschung und –prävention. „Es gibt Anlass zur Befürchtung, dass die gesundheitlichen Schäden bei  Menschen, die nicht damit klarkommen, dramatisch zunehmen“, erklärte er. Denn die Digitalisierung verändere unsere Wahrnehmungs- und Denkprozesse. Das Emotionszentrum in unserem Gehirn, das unser Wissenszentrum steuert, werde blockiert, wenn wir durch die Informationsflut unter Stress geraten. 

Hinzu kommt, dass im digitalen Alltag zunehmend lebenswichtige menschliche Begegnungen und Sinnesreize fehlen. Es bleibe kaum mehr Zeit für ehrliche Empathie. Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz gingen verloren. „Meine große Sorge ist, dass bei der digital aufwachsenden Generation mangels Training die soziale Interaktion auf der Strecke bleibt“, befürchtet Kraemer. Er erkennt bereits Anzeichen, dass die Menschen abstumpfen. „So lässt sich erklären, warum Rettungssanitäter in ihrer Arbeit behindert oder hilfsbedürftige Menschen oft gar nicht mehr beachtet werden.“ Außerdem werde das Zusammenspiel von Hormon-, Immun- und Nervensystem durch die ständigen digitalen Reize so gestört, dass die körpereigenen Regenerationsprozesse aussetzen. „Unser Stresssystem im Kopf steuert das Immunsystem, das über unsere Gesundheit entscheidet. Deshalb muss es schonend behandelt werden.“ 

Die Gefahr, dass mit dem zunehmenden Einsatz von Robotern eine Mehrklassengesellschaft entsteht, sieht Robotik-Experte Haddadin nicht. Im Gegenteil: „Bislang können sich nur die großen Konzerne die teure Automatisierungstechnik leisten, mit sinkenden Kosten können auch kleinere mittelständische Unternehmen Industrieroboter einsetzen.“ Voraussetzung sei, dass die Menschen entsprechend geschult würden. Als ein Vorbild nannte er Finnland, wo Mitte der 1990er-Jahre kostenlose Computer- und E-Mail-Kurse für über 60-Jährige angeboten wurden. „Aber auch in den berufsbildenden Schulen müssen wir die Anstrengungen vorantreiben, damit die nächste Generation lernt, wie man mit den Systemen umgeht. 

Grenzen der Robotik
Dass sich die Berufswelt ändern wird, daran ließ Jürgens keine Zweifel, ohne jedoch eine genaue Prognose zu wagen. „Relativ sicher können wir sagen, dass Berufe mit hohem Computeranteil anfällig für Rationalisierungen sein werden.“ Auf der anderen Seite seien Innovationen ein Segen, könnten sie doch dafür sorgen, dass beispielsweise Menschen mit entsprechenden digitalen Pflege- oder Haushaltshilfen länger zuhause bleiben können. „Auch wenn viele Tätigkeiten potenziell ersetzbar sind, sollten wir im Auge behalten, dass der Mensch über Qualitäten verfügt, die wir nicht ersetzen sollten“, gab sie zu bedenken. Ohne politische Regulierung werde es nicht gehen, glaubt die Professorin. „Wenn Roboter die menschliche Arbeitskraft ersetzen, muss sichergestellt sein, dass die Menschen genug verdienen. Dann wird sich auch die Angstdebatte um Robotik erledigen.“ Deshalb müsse man im Zug der Automatisierung über den Wert der Arbeit reden und Arbeitskräfte nach wie vor richtig entlohnen: „Robotik darf nicht zum Sparprogramm werden“.


Knapp 200 Besucher beteiligten sich an der angeregten Diskussion.

Die neue Technik kann aber auch dazu beitragen, Arbeitsplätze zu schaffen, wie Haddadin erläuterte. „In den vergangenen Jahren gab es Beispiele, dass produzierende Betriebe nach Deutschland aus Fernost zurückgekommen sind, weil hoch ausgebildete Facharbeiter mit den Roboterwerkzeugen eine wettbewerbsfähige Produktion ermöglichen.“ Kleine mittelständische Unternehmen seien so in der Lage, wieder konkurrenzfähig zu sein. Diese Kombination von Mensch und Maschine müsse weiter forciert werden, um Wertschöpfung und Industriezweige in Deutschland zu halten. Auch Haddadin plädiert dafür, den Wert der Roboterarbeit zu quantifizierten und zu verteilen. Effizienzsteigerungen, die durch die Technik möglich sind, sollten dazu genutzt werden, um etwa im Sozial- und Gesundheitswesen die Bezahlung von Krankenschwestern oder Pflegekräften zu verbessern. Außerdem stelle sich die Frage, wie wir unser Gesundheitssystem über den sozialen Einsatz von Robotern in eine nächste Stufe führen. 

Keine Maschine ist heute schon so feinfühlig, dass sie den menschlichen Tastsinn ersetzen könnte. Doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Forscher auch auf diesem Gebiet einen Durchbruch erzielen. Sicher ist, dass humanoide Helfer unseren Alltag erleichtern werden. Schreckensvisionen von Robotern, die die Macht über die Menschheit erlangen, sind bislang unbegründet. Um aber die Akzeptanz zu erhöhen, muss man Mechanismen finden, damit die wirtschaftlichen Vorteile der neuen Technologie einem möglichst großen Teil der Gesellschaft zugute kommen. 

Die Reihe "Digital. Innovativ. Fair? Mittendrin in der Zukunft" hat sehr deutlich aufgezeigt, wie komplex und vielschichtig Digitalisierungsprozesse sind. Sie sind eng verknüpft mit Globalisierung, Kommunikation, aber auch mit archaisch anmutenden Dingen wie Elektrokabeln und maroden Leitungen. Das reiche Potpourri an Variablen ermöglicht eine Vielzahl von positiven Entwicklungen, solange es eine geeignete Regulierung gibt. Wir als Gesellschaft müssen lernen, systemischer zu denken, um die Auswirkungen der neuen Techniken zu verstehen. Wir müssen uns für Veränderungen öffnen, sonst besteht die Gefahr, in der digitalen Welt auf der Überholspur abgehängt zu werden. Wir bedanken uns herzlich bei unseren Referenten und den Gästen – fürs Mitmachen, Lernen und Diskutieren. 

18.05.2018