Innovativ. Kreativ. Fair? Chancen und Risiken der Digitalisierung

Dialogforum spezial am 14. November 2018

Konzerne aus dem Silicon Valley beherrschen das Internet und bringen traditionelle Geschäftsmodelle ins Wanken. Wer in der digitalen Startup-Szene Erfolg haben will, muss auf Bereiche ausweichen, die noch nicht von den Internetgrößen besetzt sind. Das Dialogforum spezial mit dem Strascheg Center for Entrepreneurship an der Hochschule München ging aussichtsreichen Alternativen nach.

Wie sehr die Digitalisierung traditionelle Geschäftsmodelle angreift, zeigt das Beispiel von Verlagen wie der Süddeutschen Zeitung. „Google und Facebook produzieren selbst keine Inhalte, bringen aber fremde Inhalte und verdienen mit Werbung viel Geld“, beklagte Julia Bönisch, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung. Der Verlag musste deshalb sein Geschäftsmodell verändern, hat eine Bezahlschranke eingerichtet und setzt vermehrt auf exklusive Inhalte. Hinzu kommt, dass in der Online-Welt jeder Empfänger zugleich ein potenzieller Sender ist und sich die Kommunikationspfade dadurch vervielfacht haben. Weil die Zahl der digitalen Informationsangebote deutlich zugenommen habe, so Bönisch, werde es immer schwerer, das begrenzte Aufmerksamkeitsbudget der Nutzer zu beanspruchen.


Etwa 120 Teilnehmer diskutierten mit uns die Chancen und Risiken der Digitalisierung, insbesondere in Bezug auf Datensicherheit.

Emotionale Posts kommen besser an
Dass die Digitalisierung darüber hinaus auch negative gesellschaftliche Folgen hat, machte Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs Hamburg, deutlich. „Google oder Facebook verwenden Algorithmen mit Optimierungskriterien, die nicht dem Allgemeinwohl entsprechen.“ Damit die Nutzer möglichst lange auf den Social-Media-Plattformen verweilen, bekommen emotional intensivere Posts ein besseres Ranking. „So kommt es, dass bei Wahlen diejenigen Parteien die größte Aufmerksamkeit in den sozialen Medien erhalten, die mit Hassbotschaften arbeiten.“

Auf der anderen Seite schafft die Digitalisierung ganz neue Geschäftsmöglichkeiten. Das Münchener Startup Usercentrics beispielsweise unterstützt mit seiner Software Firmen dabei, die Bestimmungen der europäischen Datenschutzgrundverordnung DSGVO umzusetzen. „Viele Firmen dachten zunächst, dass die DSGVO für sie keine großen Veränderungen mit sich bringt“, erläuterte Managing Director Vinzent Ellissen. Doch inzwischen sei ihnen klar geworden, dass die Umsetzung der DSGVO ein aufwändiges Unterfangen ist, und immer mehr Firmen nehmen die Dienste von Usercentrics in Anspruch. 

Potenzial für deutsche Startups
„Die DSGVO hat zu einem Umdenken bei den Risikokapitalgebern geführt“, ergänzte Rieger. Es würden eher Startups gefördert, die sich um echte Probleme kümmern, als solche, die ihre Geschäftsidee auf das Tracking von personenbezogenen Daten stützen. Hier beherrschen die Konzerne im Silicon Valley das Geschehen. Große Chancen sieht der Sprecher des Chaos Computer Clubs in Bereichen, in denen es um Datenaggregation von Maschinen geht, bei Optimierungsprozessen oder in der Logistik. „Hier hat der Industriestandort Deutschland ein gigantisches Potenzial, und es gibt jede Menge Business Cases, die wirklich spannend sind“, zeigte er sich überzeugt. Und weil wir mit den Systemen, die wir heute aufbauen, über unseren künftigen Alltag entscheiden, stellt sich die Frage, wo wir den Menschen in dieser Welt sehen. „Sind wir nur noch wandelnde Geldbörsen, denen man möglichst viele bunte Bilder vor die Nase hält, oder lässt sich das Internet für sinnvollere Zwecke nutzen? Ich denke, da haben wir Alternativen“, meinte Rieger.

Zum Beispiel in der Sharing Economy. „Apps von Anbietern mobiler Dienste ermöglichen es mir, auch ohne eigenes Auto gut zurecht zu kommen“, bekannte Ellisson.  „Hier hat die Digitalisierung ein Geschäftsmodell ermöglicht, das die Welt besser machen kann.“ Überhaupt sollte man sich vermehrt fragen, ob ein geplantes Geschäftsmodell auch zum Wohle der Gesellschaft sei. 


Deutschland bietet auch für IT-Start-Ups eine Menge Potenzial. Man muss die richtigen Nischen finden, sind die Experten Rieger, Bönisch und Ellissen (v. l. n. r.) überzeugt.

Eine große Chance in der Digitalisierung bestehe darin, dass sie der Demokratisierung in vielen Bereichen Vorschub leiste. „Heute hat jeder über das Internet Zugang zu Wissen und die Inanspruchnahme von Finanzdienstleistungen fällt ebenfalls leichter.“ Auch kollaboratives Arbeiten über das Netz stelle eine erhebliche Verbesserung gegenüber Zeiten dar, als man noch einzelne Wort-Dokumente über Mail hin- und hergeschickt hat. 

Legaltech bietet große Chancen
Eine große Segnung der Digitalisierung sieht Rieger darin, dass die Kosten zur Gründung eines Startup, etwa für IT-Infrastruktur, dramatisch gesunken sind. „Das ist ein großer Treiber der Geschwindigkeitsentwicklung, weil man bestimmte Dinge ohne größeren Aufwand ausprobieren kann.“ „Eine der größten Chancen, die ich sehe, ist der Bereich Legaltech“, ergänzte Ellissen. Darunter fallen Startups, die die Anwaltsarbeit erleichtern und so dazu beitragen, dass jeder seine Rechte durchsetzen kann, ohne dass damit enorm hohe Kosten verbunden sind. 

Doch wie umgehen mit der Marktmacht und dem wachsenden Einfluss der großen Internetkonzerne? „Aufklärung hilft da wenig“, ist Rieger überzeugt. Denn die Social-Media-Plattformen seien so angelegt, dass sie bei psychologischen Basismechanismen wie der Bestätigung durch andere oder der Neugier ansetzen, damit die Nutzer möglichst viel Zeit darauf verbringen. „Der menschliche Geist ist ein stillstehendes Ziel für jemanden, der ihn manipulieren will“, gab er zu bedenken. Dagegen helfe nur, potenziell schädliche Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen. Und wenn man zu dem Ergebnis kommt, dass die Manipulationsmacht einzelner zu groß sei, müsse man überlegen, ob man die Unternehmen nicht zerschlage. 

Tech-Szene reagiert
Dass das Unbehagen gegenüber der Social-Media-Konzerne inzwischen groß ist, zeigt sich selbst im Silicon Valley. „Die meisten meiner Freunde dort schicken ihre Kinder in Schulen oder Kindergärten, wo eigene elektronische Geräte verboten sind“, berichtete Rieger. Die Kinder würden zwar weiter mit Tablets arbeiten, aber dort seien nur bestimmte Anwendungen gespeichert. „So bekommen die Kinder beigebracht, dass jedes Quäntchen Aufmerksamkeit wertvoll ist und dass diese Geräte dazu geschaffen sind, die Aufmerksamkeit abzusaugen.“ Deutschland habe aufgrund seiner kulturellen Unterschiede und dem höheren Stellenwert von Datenschutz beim Thema Aufmerksamkeitsmanagement gute Chancen, Businessmodelle zu entwickeln, ist Rieger überzeugt. 

So könnte sich allmählich die Erkenntnis durchsetzen, dass nicht jedes digitale Geschäftsmodell auch von der Gesellschaft akzeptiert werden muss. Im Bereich Umwelt ist das ja bereits unumstritten, die Transformation in die digitale Welt hat gerade erst begonnen. Letztlich bestimmen die Menschen selbst sowie die gesellschaftliche Akzeptanz und nicht das technologisch Machbare, wie erfolgreich Digitalisierung wird. 

19. November 2018