Gulnahar (mitte) ist in Singpur geboren und erzählt den Akademieteilnehmern aus  ihrem Leben. Schulden, die sie für die Ausbildung ihres Sohnes aufgenommen hat,  zwingen sie immer mehr in die Armut.
Kohlikur Rhaman zeigt ein Video der Überschwemmungen von 2014.  Immer wieder stürzt Land in den Fluss.  270 Familien mussten umsiedeln.
Die Häuser und der Stall in Singpur standen vor zehn Jahren noch 150 Meter weit vom Fluss enfernt, bereits in einem Jahr werden sie ein Opfer der Fluten sein.

"Der Fluss und die Schulkosten fressen mein Land"

Das Leben in Singpur in Bangladesch war gut, bis der Fluss zu nahe kam. Jetzt verliert das beschauliche Dorf im Zentrum von Bangladesch jedes Jahr dutzende Häuser, weil der Fluss zu viel Land verschlingt. Viele Familien müssen zusehen, wie sich ihre Zukunft im Wasser auflöst.

Gulnahar ist stolz. Mehr als zwanzig Frauen und Kinder drängen sich in ihrer kleinen Hütte, als sie von Teilnehmern der Resilience Academy interviewt wird. Gulnahar ist in Singpur geboren und hat einst Land von ihrem Vater geerbt. Sie besitzt ein kleines Haus, einen Garten und hat einen Sohn – Mahmud, ihr ganzer Stolz. Wenn Mahmud einmal ein besseres Leben haben soll, muss er in die Schule gehen. Im Ort gibt es ausreichend Grundschulen, 8 von 10 Kindern gehen zum Unterricht. Aber Schulen, gerade die weiterführenden, sind teuer. Gulnahar benötigt Geld dafür, was sie nicht hat.

Im anderen Teil des Dorfes gibt es zwar eine Spargemeinschaft. Frauen verwalten das Geld, das für Notfälle gedacht ist. Aber Gulnahar kann sich die monatlichen Beiträge von 100 bis 300 Taka (ein bis drei Euro) nicht leisten. Sie ist zu arm. Daher musste sie sich an einen Kreditgeber wenden. „Ich bin zum Geldverleiher und habe die Zinsen immer pünktlich zurückgezahlt!“ betont sie. Dafür musste sie jedoch ihr Land verkaufen, Stück für Stück. „Früher habe ich stolze 4.000 Quadratmeter besessen, heute sind es nur noch 80 Quadratmeter, gerade einmal genug, um zu überleben“. Der Ghorautra-Fluss frisst sich immer tiefer in unser Dorf, er zerstört die Lebensgrundlagen. Das verbliebene Land wird immer kostbarer. „Ich will, dass mein Sohn ein besseres Leben hat als ich“ sagt Gulnahar, „bei mir frisst seine Bildung für die Zukunft mein Land heute auf“. Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit – mit ungewissem Ausgang.

Umweltveränderungen zerstören Singpur

„Der Ghorautra-Fluss ist in der Tat ein großes Problem“, weiß Kohlikur Rahman, der Sprecher des Bürgermeisters in Singpur. Allein 2015 hat er 270 Familien zum Umsiedeln gezwungen.“ Das Dorf hat rund 15.000 Einwohner, Schulen und Trinkwasser. Es gibt keinen Strom, aber zum Glück Solar-Panele. Der Fluss macht dem Bürgermeister die größten Sorgen. Wir sitzen in seiner Hütte, die rund 100 Meter vom Flussufer entfernt ist. „Der Flusspegel steigt kontinuierlich an, jedes Jahr fällt mehr Land der Erosion zum Opfer. In fünf Jahren wird das Haus, in dem wir jetzt sitzen, nicht mehr da sein“, sagt Kohlikur. Die  Menschen bauen verzweifelt Bambuswälle, aber diese sind teuer und halten nicht einmal ein Jahr.

Immer mehr Männer drängen interessiert in den kleinen, stickigen Raum. Alle sind hier geboren. Wir fragen nach den Ursachen für den immer wilder werdenden Fluss. „Allah schickt uns immer mehr Wasser“, murmeln einige. Kohlikur zeigt uns ein langes Video auf seinem Mobiltelefon. Es zeigt, wie Land ins Wasser bricht. „Das sind die Fluten vom letzten Jahr“, sagt er. In den letzten fünfzehn Jahren hat sich die Flussdynamik deutlich geändert. Die Niederschläge kommen oft früher, auf jeden Fall sind sie unregelmäßiger und stärker. „Das passt zu den beobachteten Auswirkungen der Klimaveränderungen“ murmeln die Akademieteilnehmer. Während der Diskussionen drängen sich fast 100 Männer, Frauen und Kinder um sie. Es hat sich herumgesprochen, dass Fremde im Dorf sind. Am Ende der Gespräche fragen die jungen Forscher die Menge „Was ist euer größter Wunsch?“. Wie aus der Pistole geschossen rufen die Menschen von Singpur: „Wir sind glücklich hier, wir wollen im Dorf bleiben!“

Die Exkursion nach Singpur war ein Teil der Agenda der 2015 Resilience Academy. Die Teilnehmer konnten direkt vor Ort sehen, wie Umweltrisiken das Leben der Menschen beeinflusst und wie sich die Menschen in Bangladesch an Umweltveränderungen anpassen.

TL, 23. September 2015

 

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