Dialogue forum special
© Munich Re Foundation

Von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft – Reduce, Reuse & Recycle

Dialogforum spezial mit M:UniverCity, dem Innovationsnetzwerk der Hochschule München, am 24. November 2021

Der Earth Overshoot Day fiel dieses Jahr auf den 29. Juli, so früh wie noch nie. Da hatte die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres wieder regenerieren könnte. Dass wir den Raubbau beenden und innerhalb der natürlichen Grenzen unserer Erde leben müssen, ist eigentlich allen bewusst. Welche Chancen die Kreislaufwirtschaft eröffnet und welche Hindernisse sich dabei auftun, diskutierten die Teilnehmer auf dem Dialogforum spezial. 
Wir konsumieren und wirtschaften als gäbe es kein Morgen. Die Menschheit verbraucht so viele Ressourcen, als würde sie auf 1,7 Erden leben. Immer stärker findet in Politik und Gesellschaft ein Umdenken dahingehend statt, dass wir unser Wirtschaftssystem hin zu einer Kreislaufwirtschaft umstellen müssen. Allerdings: „Kreislaufwirtschaft allein reicht nicht, denn unser Wirtschaftssystem insgesamt ist nicht zukunftsfähig. Wir brauchen ein völlig neues System und müssen lernen, neu zu denken", ist Olga Witt, Bloggerin und Autorin des Buches „Ein Leben ohne Müll“, überzeugt. 
Olga Witt, Tante Olga
© Jennifer Kiowski / Olga Witt
Kreislaufwirtschaft allein reicht nicht, denn unser Wirtschaftssystem insgesamt ist nicht zukunftsfähig. Wir brauchen ein völlig neues System und müssen lernen, neu zu denken.
Olga Witt
Bloggerin und Autorin

Mehrweg statt Einweg

Wie neues Denken aussehen kann, zeigte Corinna Caspari von Relevo in einem kurzen Pitch zum Veranstaltungsstart. Das Startup aus München bietet eine smarte Mehrweglösung für Geschirr. Über eine App können registrierte Nutzer in Partner-Restaurants ihr Essen in Mehrweggeschirr mitnehmen und auch bei anderen Partner-Restaurants zurückgeben. „Das ist etwas ganz anderes als aus Styropor oder Pappbechern zu essen oder zu trinken, und die Rückgabequote ist mit 99,5 Prozent besser als bei Pfandsystemen“, freute sich Caspari. Die ökologischen Mehrweg-Sets seien mehr als 1.000 Mal verwendbar.

Die Bloggerin Witt, die auch einen „Unverpackt-Laden“ in Köln betreibt, weiß aus Erfahrung, dass es den Verbrauchern nicht leicht gemacht wird, Müll zu vermeiden. Etwa bei Lebensmitteln, die allzu häufig in Plastik verschweißt verkauft werden. „Damit sich etwas ändert, müssen Einwegverpackungen teurer werden“, forderte sie. Und man müsse bereits beim Zuliefersystem die Strukturen verändern.

Interdisziplinäres Denken

Um ein neues Denken in den Köpfen der Verbraucher zu verankern, müssen auch die Hochschulen umdenken, erläuterte Prof. Dr. Georg Zollner, Nachhaltigkeitsbeauftragter an der Hochschule München:„Studierende müssen uns Professoren fordern und die Lehre des linearen Wirtschaftssystems in Frage stellen, rückwärts denken, interdisziplinär denken, damit die Betriebswirtschaft zum Teil der Lösung wird." Nachhaltiges Wirtschaften sei bislang in der Betriebswirtschaftslehre nicht verankert, kritisierte er. „Die Wirtschaft kennt nur eine Sprache, deswegen müsse man der Umwelt einen Preis geben.“ 
Prof. Dr. Georg Zollner
© Hochschule München / Prof. Georg Zollner
Studierende müssen uns Professoren fordern und die Lehre des linearen Wirtschaftssystems in Frage stellen, rückwärts denken, interdisziplinär denken, damit die Betriebswirtschaft zum Teil der Lösung wird.
Prof. Dr. Georg Zollner
Nachhaltigkeitsbeauftragter für Kreislaufwirtschaft, Hochschule München
Genau hier setzt das Startup Common an, das sich ebenfalls in einem Pitch vorstellte. Es hat sich zum Ziel gesetzt, umweltfreundliches Verhalten in eingesparten Kilogramm CO2 zu messen und mit sogenannten Green Coins zu belohnen. Arbeitgeber können so ihren Mitarbeitern eine völlig neue Art von Sozialleistung anbieten, etwa wenn sie mit dem Rad statt mit dem Auto in die Firma kommen. Die Green Coins können dann bei Partnerunternehmen für umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen ausgeben werden. „Wir machen aus CO2-Emissionen eine Währung und bieten so ein Anreizsystem, sich umweltbewusst zu verhalten“, erläuterte Vorstandschef Enée Bussac.

Mieten statt kaufen

Einen anderen Weg geht das Unternehmen Grover. Nutzer können Unterhaltungselektronik wie Smartphones, Laptops oder Spielekonsolen für eine bestimmte Zeit im Abomodell mieten. „Nach der Rückgabe werden die Produkte gereinigt und falls nötig repariert und stehen dann den nächsten Kunden zur Verfügung“, so Sophie Zielcke, Head of Sustainability bei Grover. Das ermöglicht es, aus jedem Produkt den maximalen Nutzen zu ziehen und Elektroschrott zu reduzieren. Sie bemängelte allerdings, dass Elektronikprodukte mitunter ein geplantes Ablaufdatum hätten und Reparaturen nur schwer möglich seien. 

„Ökodesign ist der Schlüsselbegriff, um den absoluten Ressourcenverbrauch zu verringern“, zeigte sich Janine Korduan vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) überzeugt. Denn selbst eine konsequente Recyclingwirtschaft sei nicht in der Lage, alle Probleme zu lösen. „Bei Glas und Metallen haben wir gute Verwertungsstrukturen, aber viele Kunststoffe sind Verbundmaterialien.“ Die könne man nicht wiederverwerten, so dass sie entweder verbrannt werden oder als minderwertigere Produkte in der Bauindustrie landen. 

Janine Korduan, BUND
© Janine Korduan, BUND
Kreislaufwirtschaft hat ihre Grenzen, wir müssen auch eine absolute Reduktion von Ressourcenverbrauch erzielen. Hierfür braucht es verbindliche Ressourcenschutzziele und Mehrweg-Quoten sowie ein gemeinsames Vorgehen in Europa.
Janine Korduan
BUND
Referentin Kreislaufwirtschaft

Ungünstig sei zudem der hohe Energieverbrauch, der beim Recyceln von Altglas anfalle. Besser wären verbindliche Mehrwegquoten, die dann auch tatsächlich eingehalten würden. Und man dürfe nicht vergessen, was unser Ressourcenverbrauch in den Rohstoffländern des globalen Südens anrichte. „Im Bergbau herrschen oft miserable Arbeitsbedingungen und es kommt zu Menschenrechtsverletzungen. Das könnten wir vermeiden, wenn wir weniger Ressourcen verbrauchen.“

Dass Unternehmen sogenannte externe Effekte wie Umweltfolgekosten bislang nicht berücksichtigen, sieht Zollner kritisch. Damit die Betriebswirtschaft zum Teil der Lösung werde, sollte man mehr interdisziplinären Unterricht für Studierenden aus unterschiedlichen Fakultäten anbieten. Dadurch könne man den Blick über den Tellerrand hinaus schärfen. „Sozialwissenschaftler stellen andere Fragen als BWLer, da entsteht schnell etwas Neues“, ist er überzeugt. 

Druck von außen nötig

„Wir brauchen eine Kooperation entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um langfristig Erfolge zu erzielen“, ergänzte Zielcke. Ohne Druck von außen etwa von Seiten der EU werde es jedoch nicht gehen. Nötig seien veränderte Rahmenbedingungen, die es Firmen leichter machen, sich weiterzuentwickeln. Und sie forderte mehr Transparenz für die Verbraucher, wie viel CO2 oder Rohstoffe man mit einem bewussteren Verhalten einsparen könne, um einen Anreiz für mehr nachhaltigen Konsum zu bieten. Zollner ergänzte, dass insgesamt die Theorie der linearen Wertschöpfungskette überdacht werden müsse: besser wäre es, von Anfang an in einem Kreislauf, auch in den theoretischen Wirtschaftsmodellen, zu denken.
Sophie Zielcke, Grover
© Grover / Sophie Zielcke
Unternehmen müssen einen wichtigen Beitrag leisten, ohne uns wird Kreislaufwirtschaft nicht gehen. Dazu muss die gesamte Wertschöpfungskette zusammenarbeiten und die Langlebigkeit von Produkten massiv verbessert werden.
Sophie Zielcke
Grover
Head of Sustainability

„Viele Lösungen kennen wir schon“, meinte Witt. Zum Beispiel statt der bequemen Küchenrolle einfach einen Lappen zu benutzen. Früher sei man zudem mit viel weniger Dingen ausgekommen „und wir waren auch zufrieden“, ergänzte sie. „Viele Lösungen liegen auf Tisch, aber das Problem ist die Umsetzung“, befand BUND-Expertin Korduan. Da sei jeder Einzelne von uns gefragt. Zudem verwies sie auf die starke Lobby von Unternehmen und Wirtschaft, die Veränderungen verhinderten.

„Ich wünsche mir von der neuen Regierung, dass sie die nötigen Entscheidungen trifft“, forderte Zollner. Denn dass wir die nächsten 50 Jahre nicht so weiter wie bisher leben könnten, sei noch nicht in der Gesellschaft angekommen. Oder, wie es Korduan formulierte: „Deutschland darf nicht mehr Europameister bei Verpackungsmüll sein, sondern sollte sich den Titel eines Einsparmeisters zum Ziel setzen.“ Diese Vorbildfunktion könnte auf andere Länder ausstrahlen. Wenn Deutschland es schafft, sich als erfolgreiche Industrienation an die Spitze einer weltweiten Bewegung für eine faire, ressourcenbewusste Wirtschaft zu setzen, wäre viel gewonnen.

29. November 2021

 

Agenda

Prof. Dr. Thomas Stumpp, Vizepräsident, Hochschule München

Dr. Nicola Sennewald, Geschäftsleiterin, Innovationsnetzwerk M:UniverCity, Hochschule München

Renate Bleich, Geschäftsführerin, Münchener Rück Stiftung

Drei Start Ups stellen ihre Ideen vor, wie Kunststoff effizienter verwendet, recycelt oder ganz vermieden werden kann (3 Minuten pro Pitch)

Start Ups

URGROW, Pascal Wolf
Urgrow bietet nachhaltiges Urban Gardening auf der Fensterbank an.

TCS,  Enée Bussac
TCS ist ein Vorschlag für eine 100% ökologische MwSt., die auf den Inhaltsstoffen, Zutaten und Bestandteilen von Produkten und Lebensmitteln basiert und über fest zugeordnete staatliche digitale Währungen bei der Zahlung erhoben wird, so dass der Steuersatz individualisiert und transparent berechnet wird. Dadurch werden Produkte mit einem hohen ökologischen Fußabdruck teuer und es kann eine Menge Informationen aus dem Konsum gesammelt werden.

RELEVO, Matthias Potthast
Relevo bietet ein Mehrwegsystem für Essen und Getränke zum Mitnehmen an.

 

 

Fragen und Feedback zu den Pitches aus dem Publikum

Mit namhaften Vertretern aus Wissenschaft, Industrie, Umweltverbänden sowie den Medien wollen wir gemeinsam das Thema analysieren. Am Ende der Podiumsdiskussion können die Zuhörer*innen ihre Fragen stellen.

Janine Korduan, Referentin Kreislaufwirtschaft, BUND, Berlin
Olga Witt, Bloggerin und Autorin „Zero Waste“
Sophie Zielcke, Head of Sustainability, Grover, Berlin
Prof. Dr. Georg Zollner, Nachhaltigkeitsbeauftragter für Kreislaufwirtschaft, Hochschule München