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Mikroplastik – klein, überall und schädlich?

Dialogforum am 11. Februar 2021

Mikroplastik ist überall: in Gewässern, in der Luft und im Boden. Wie gefährlich ist das für die Ökosysteme, für Mensch und Tier, und wie lässt sich die Plastikflut eindämmen? Antworten darauf gaben die Experten auf dem zweiten Dialogforum 2021 der Reihe „Kleine Dinge, große Wirkung“.

Mehr als 60 Millionen Tonnen Plastik verbrauchen alleine die Europäer jedes Jahr, berichtet die Europäische Umweltagentur EEA. Wird es nicht recycelt oder fachgerecht entsorgt, findet es sich über kurz oder lang als Mikroplastik in den Böden, in der Luft und in Gewässern wieder. „Mikroplastik ist überall und die Quellen sind vielfältig“ umreißt Nadja Ziebarth vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) das Problem. Dazu gehören etwa der Reifenabrieb, Textilien, Kunstrasen auf Sport- und Spielplätzen, Straßenmarkierungen oder Kosmetika.

Will man Mikroplastik vermeiden, muss man umfassend dagegen vorgehen. „Wir brauchen einen gesellschaftlichen Aufbruch, es reicht nicht, hier und da ein wenig zu schrauben“, ist Ziebarth überzeugt. Das sei eine politische Frage, an den Konsumenten werde es nicht scheitern. „Laut einer repräsentativen Umfrage sprechen sich 84 Prozent der Verbraucher für mehr Verbote und Regulierungen beim Thema Mikroplastik aus.“ 

Wir brauchen einen gesellschaftlichen Aufbruch, es reicht nicht, hier und da ein wenig zu schrauben.
Nadja Ziebarth
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)

Begleiter für die Ewigkeit

Dass wir immer noch zu wenig über Mikroplastik wissen, machte Dr. Lars Gutow vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung deutlich. „Wir wissen nicht einmal, wieviel Mikroplastik tatsächlich in den Meeren ist.“ Denn zehn Mikrometer (Millionstel Meter) sei derzeit die Grenze, bis zu der man die Partikel aufspüren könne. Doch je kleiner die Partikel, desto mehr davon fänden sich im Wasser. „Welche Schäden Mikroplastik in Lebewesen anrichtet, ist nicht bekannt.“ Zu vielfältig seien die Kunststoffe und ihre Bestandteile, als dass man mit Sicherheit eine Aussage darüber treffen könnte.

„Nicht alle Kunststoffe sind gleich bedenklich. Es hängt davon ab, welche Art von Additiven wie Weichmacher, UV-Stabilisatoren oder Flammschutzmitteln sie enthalten“, erläuterte der Meeresbiologe. Deshalb könne man nicht von einer bestimmten Wirkung von Mikroplastik sprechen. „Das heißt aber nicht, dass es keine Effekte gibt, nur weil wir sie nicht sehen“, räumte Gutow ein. Deshalb müsse man nach dem Vorsorgeprinzip handeln und den Eintrag verringern. „Mikroplastik wird uns bis in die Ewigkeit begleiten, und die Menge steigt nicht linear, sondern exponentiell“, machte Gutow klar.

Auf technologische Lösungen setzt Dr. Sebastian Porkert, Geschäftsführer und Gründer von ECOFARIO. Das Start-up hat eine Anlage gebaut, die Mikroplastik aus dem Abwasser entfernt. „Im Durchschnitt gelangen 7000 Partikel pro Kubikmeter Wasser nach der Reinigung aus den Kläranlagen in die Umwelt. Jetzt kann man sich ausrechnen, was zusammenkommt, wenn allein in München etwa 14 Kubikmeter Abwasser pro Sekunde anfallen“, erklärte der Ingenieur. Er sieht die Politik in der Bringschuld, die mit einer konsequenten Gesetzgebung das Problem entschärfen könnte. 

Ich finde es gefährlich, sich auf technologische Lösungen zu verlassen, weil man sich dann keine Gedanken mehr darüber macht, wie man den Eintrag von Plastik in die Umwelt vermeidet.
Lars Gutow
Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung Bremerhaven​

Millionen Tonnen bereits in den Ozeanen

Selbst wenn es gelingt, Mikroplastik aus dem Abwasser zu entfernen, ist das Problem damit nicht gelöst. „Mittlerweile befinden sich geschätzt 150 bis 200 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in den Ozeanen. Die bekommen wir nicht mehr heraus, so dass das Material durch die UV-Strahlung spröde wird und nach und nach zu Mikroplastik zerfällt“, verdeutlichte Gutow. Versuche, diese Partikel aus dem Wasser herauszufiltern, seien nicht ratsam. „Wenn man das im großen Stil betreibt, ist der Schaden größer als der Nutzen, weil wir damit in einen sensiblen Lebensraum eingreifen und dort zwangsläufig auch Biomasse herausziehen“, warnte er und fügte hinzu: „Ich finde es gefährlich, sich auf technologische Lösungen zu verlassen, weil man sich dann keine Gedanken mehr darüber macht, wie man den Eintrag von Plastik in die Umwelt vermeidet.“ 

Auch bioabbaubare Kunststoffe bieten keinen Ausweg, wie BUND-Expertin Ziebarth verdeutlichte. „Bioabbaubar bedeutet, dass es Bakterien gibt, die den Kunststoff auflösen, wofür allerdings eine bestimmte Temperatur und Feuchtigkeit nötig sind“, erläuterte sie. Insofern sei es ein irreführendes Wort, das man  leicht missverstehen könne.  Der bioaubbaubare Kaffeebecher gehört trotzdem einfach nicht in die nächste Hecke. Auch Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen wie Maisstärke oder Zucker bieten keinen Ausweg. „Ob Sie Polyethylen (PE) aus Erdöl oder Zucker herstellen, macht beim Abbau des Kunststoffs für die Umwelt keinen Unterschied“, verdeutlichte ECOFARIO-Gründer Porkert. 

Die Politik muss gegen eine starke Lobby seitens der Chemie- und Ölindustrie ankämpfen.
Sebastian Porkert
Geschäftsführer und Gründer von ECOFARIO

Einweg-Plastik-Richtlinie der EU

Warum also führen wir nicht analog zum Dosenpfand ein Pfand auf Kunststoffe ein? „Die Frage kann ich leider auch nicht beantworten“, räumte Ziebarth ein. Möglich und hilfreich wäre es jedenfalls, um die Plastikflut einzudämmen. „Die Politik muss gegen eine starke Lobby seitens der Chemie- und Ölindustrie ankämpfen“, gab Porkert zu bedenken. Immerhin hat die EU mit ihrer 2019 verabschiedeten Einweg-Plastik-Richtlinie die rechtlichen Grundlagen für einen nachhaltigeren Umgang mit Kunststoffen geschaffen. So sind unter anderem ein Vermarktungsverbot für bestimmte Einweg-Kunststoffprodukte und Mindestmengen für den Einsatz von recyceltem Kunststoff bei Plastikflaschen vorgesehen. Außerdem ermöglicht die Richtlinie, bestimmte Branchen stärker an den Kosten für die Beseitigung der Vermüllung zu beteiligen.

Letztlich aber ist jeder Einzelne gefragt, wenn es darum geht, Plastikabfall zu vermeiden. „Das gelingt dort gut, wo der Konsument nah dran ist, zum Beispiel bei Kosmetika oder Zahnpasta, die Mikroplastik enthalten“, weiß Ziebarth. Außerdem sollte man das Problem der Kunststoffe nicht isoliert betrachten. „Sie sind nur ein Faktor, der Ökosysteme unter Stress setzt und sie schwächen kann“, meint Gutow. Deshalb darf man die Gefahren von Mikroplastik nicht verharmlosen, auch wenn wir noch nicht  alle Details über die Folgen wissen.

Das nächste Dialogforum findet am 16. März zum Thema „Feinstaub – das unsichtbare Gift“ statt.  

 

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18. Februar 2021

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