Dialogforen
© Munich Re Foundation

Feinstaub – das unsichtbare Gift

Dialogforum am 16 März 2021

Millionen Todesfälle sind jedes Jahr weltweit auf Feinstaub zurückzuführen. Und das Problem verschärft sich noch, weil die Konzentration von kleinen und kleinsten Partikeln in der Atmosphäre steigt. Wer sind die größten Emittenten, und wie lässt sich die Belastung reduzieren? Diese und weitere Fragen diskutierten unsere Referentinnen und Referenten auf dem dritten Dialogforum 2021 der Reihe „Kleine Dinge, große Wirkung.“ 

Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Luftverschmutzung als das größte Risiko für unsere Gesundheit ein. Etwa sieben Millionen Menschen sterben demnach jedes Jahr an den Folgen dieser Belastung, vor allem in China und Indien. Doch weil wir alle atmen müssen und Feinstaub keine Grenzen kennt, kann sich niemand der steigenden Konzentration an Schadpartikeln aus Verbrennungsprozessen, Reifenabrieb, Industrie und Landwirtschaft entziehen. Laut WHO sind neun von zehn Menschen hohen Mengen an Schadstoffen ausgesetzt. Erschwerend kommt hinzu: „Bei Luftschadstoffen gibt es keine Grenze zwischen schädlich und unschädlich. Auch schon kleinste Mengen können die Gesundheit gefährden“, warnte Dr. Bettina Hoffmann, bundespolitische Sprecherin für Umweltpolitik und Umweltgesundheit der Grünen.

Kultur der Schadstoffvermeidung nötig

Deshalb sei es wichtig, dass die von der WHO festgelegten Grenzwerte auch eingehalten werden, was längst nicht überall der Fall sei. Um das in der EU verbriefte Recht auf saubere Luft umzusetzen, benötige man eine Kultur der Schadstoffvermeidung. Andernfalls würde Deutschland das selbstgesteckte Ziel verfehlen, den Schadstoffausstoß bis 2030 gegenüber 2005 um 45 Prozent zu senken. „Wir sollten mutig vorangehen und keine Angst vor zu ambitionierten Zielen haben, die sich letztlich als Treiber für Innovation und technischen Fortschritt erweisen können“, meinte Hoffmann.

Strengere Grenzwerte hierzulande forderte auch Dr. Alexandra Schneider, Leiterin der Arbeitsgruppe „Environmental Risks“ am Institut für Epidemiologie des Helmholtz Zentrum München, und monierte: „Ein Grenzwert für ultrafeine Partikel, die kleiner als 100 Nanometer (ein Milliardstel Meter) sind, steht noch aus. Sie sind toxischer als die größeren Partikel.“ Wobei es natürlich darauf ankommt, woher der Feinstaub stammt und wie er chemisch zusammengesetzt ist. „Partikel aus Saharasand, die bei uns vorkommen, entfalten eine ganz andere Wirkung als Ruß aus dem Auspuff“, verdeutlichte die Expertin. Ultrafeine Nanopartikel sind besonders gefährlich, weil sie direkt von der Lunge in den Blutkreislauf und in die Zellen wandern und sogar die Blut-Hirn-Schranke passieren können. 

Schneider
© Alexandra Schneider
Ein Grenzwert für ultrafeine Partikel, die kleiner als 100 Nanometer (ein Milliardstel Meter) sind, steht noch aus. Sie sind toxischer als die größeren Partikel.
Alexandra Schneider
Arbeitsgruppe „Environmental Risks“ am Institut für Epidemiologie des Helmholtz Zentrum München, Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

Triple-Win-Situation schaffen

Dabei sind wir nicht machtlos. Mit lokalen Maßnahmen lassen sich nämlich die Luftqualität und damit die Gesundheit rasch verbessern. Das haben laut Schneider der Corona-Lockdown oder die Maßnahmen bei den Olympischen Spielen in Peking gezeigt. Die Umweltexpertin plädiert für einen Lebensstil, der auf weniger motorisierten Transport zugunsten von mehr körperlicher Bewegung setzt. „Dann hätten wir eine Win-Win-Win-Situation: weniger Treibhausgase, bessere Luft und positive Effekte bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ 

Analog zur angestrebten CO2-Neutralität spricht sich Peter Sänger, Geschäftsführer des Berliner Startup Green City Solutions, für eine Feinstaubneutralität aus. Sein Vorschlag: „Feinstaubemissionen müssen einen Preis bekommen, damit man erkennt, wie hoch der wirtschaftliche Schaden durch vorzeitige Todesfälle oder mehr Erkrankungen ist.“ Auch bei Corona spiele die Luftqualität eine Rolle, weil Menschen mit Vorerkrankungen wie Asthma oder Herz-Kreislauf-Leiden stärker gefährdet seien, schwere Symptome zu entwickeln. „Kontinuierlich schlechte Luft einzuatmen hat seine Folgen. Ein Jahr in London zu leben ist etwa so schädlich, wie 300 Zigaretten zu rauchen“, verdeutlichte er.

Sänger
© Peter Sänger
Feinstaubemissionen müssen einen Preis bekommen, damit man erkennt, wie hoch der wirtschaftliche Schaden durch vorzeitige Todesfälle oder mehr Erkrankungen ist.
Peter Sänger
Green City Solutions

City Tree filtert Schadstoffe

Green City Solutions beschäftigt sich mit der Frage, wie Innovationen und Technologien dazu beitragen können, den Feinstaub in der bodennahen Luft in Städten zu verringern. Dazu hat die Firma ein System entwickelt, das mit Hilfe von Mooskulturen die Luft filtert – den City Tree. Es ist nach Unternehmensangaben der erste Bio-Tech-Filter, der die Luftqualität nachweislich verbessert, indem er natürliche Moosfilter mit smarter IoT-Technologie (Internet of Things) kombiniert. Das System ist nachhaltig, weil Moos in der Lage ist, den Feinstaub in Biomasse zu verstoffwechseln. Langfristig könne man sich sogar eine Art Vertical Farming vorstellen, bei der die City-Tree-Technologie im Fassadenbau eingesetzt wird. Allerdings müsse man dann viele Regularien einhalten, die beim einfachen City Tree außer Acht bleiben könnten, gab Sänger zu bedenken.

Dass die Politik das Feinstaubproblem noch nicht richtig angeht, ist der Grünen-Abgeordneten Hoffmann bewusst: „Wir führen im Bundestag immer wieder eine schräge Debatte, ob die Grenzwerte einerseits niedrig genug sind, um die Menschen zu schützen, und andererseits genug Spielräume für Ausnahmen lassen.“ Sie plädiert für strenge Grenzwerte nach dem Vorsorgeprinzip, die überall eingehalten werden müssen.

Ein Grund für das eher zaghafte Vorgehen der Politik könnte darin liegen, dass der Zusammenhang von Luftverschmutzung und Todesfällen der Öffentlichkeit nicht richtig bewusst ist. So werden häufig Lungenkrebs oder Herzerkrankungen als Todesursache genannt, auch wenn sie möglicherweise auf Mikropartikel zurückzuführen sind. Und weil Luftverschmutzung ein komplexes Thema mit vielen Ursachen ist, gibt es keine einfachen Lösungen. Denn mit jedem Emittenten, ob im Transportwesen, der Industrie oder der Landwirtschaft, muss man jeweils aushandeln, wieviel er zu einer besseren Luftqualität beitragen kann. „Wir können mehr und die Bevölkerung will auch mehr“, ist Hoffmann sicher. 

Hoffmann
© Bettina Hoffmann
Wir führen im Bundestag immer wieder eine schräge Debatte, ob die Grenzwerte einerseits niedrig genug sind, um die Menschen zu schützen, und andererseits genug Spielräume für Ausnahmen lassen.
Bettina Hoffmann
Bündnis 90/Die Grünen

Klare Forderungen an die Politik

Manch eine Feinstaubquelle haben die Menschen dabei gar nicht auf dem Schirm, seien es die Rauchgase von privaten Holzöfen, das Abbrennen von Räucherstäbchen oder das Anzünden von Kerzen. In der Landwirtschaft entstehen zudem laut Hoffmann große Mengen sekundären Feinstaubs, etwa beim Düngen der Felder. Das Umweltbundesamt schätze den Anteil dieser Emissionen am Gesamtaufkommen auf etwa 20 Prozent, das Max-Planck-Institut für Chemie sogar auf bis zu 45 Prozent.

Umweltpolitikerin Hoffmann fordert, die Politik solle den Hebel vorrangig in der Landwirtschaft ansetzen, weil das Einsparpotenzial dort besonders groß ist. Helmholtz-Expertin Schneider hat dagegen vor allem den motorisierten Verkehr im Visier, weil das neben weniger Schadstoffen auch mehr Lebensqualität in den Städten bedeutet. Auf fiskalische Anreize statt Verbote setzt GreenCitySolutions-Geschäftsführer Sänger: „Dadurch können wir Verkehrsteilnehmer und Industrie dazu bewegen, auf Alternativen umzusteigen.“ Und natürlich hat es jeder von uns selbst jeden Tag in der Hand, seinen individuellen Schadstoff-Fußabdruck möglichst klein zu halten.

Das nächste Dialogforum findet am 15. April 2021 zum Thema „CO2 – Wertstoff oder Klimakiller?“ statt.     

 

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18. März 2021

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