Sozial gerecht durch die Transformation – Verbraucher im Mittelpunkt der Energiewende
Dialogforum in Kooperation mit der Initiative Klimaneutrales Deutschland (IKND)
17. März 2026 | 18:00 Uhr | München
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Beim Klimaschutz hinken der Gebäude- und der Verkehrssektor in Deutschland hinterher. Sie sind für einen erheblichen Anteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich, kommen bei den CO₂-Einsparungen aber kaum voran. Da beide Sektoren das tägliche Leben der Menschen maßgeblich prägen, muss die Transformation fair, tragbar und nachhaltig gestaltet werden. Nur so lässt sich eine breite gesellschaftliche Akzeptanz für die erforderlichen Veränderungen erreichen.
Die Bereiche Verkehr und Gebäude bleiben Sorgenkinder der Energiewende in Deutschland. Laut Umweltbundesamt sind die CO₂-Emissionen in beiden Sektoren 2025 sogar gestiegen. Dies ist einerseits auf den schleppenden Umstieg auf Elektroautos und andererseits auf das weiterhin verbreitete Heizen mit Gas und Öl zurückzuführen. Das hat Folgen für den Klimaschutz: Obwohl gesetzlich verankert, klafft bei den CO₂-Einsparungen bis zum Jahr 2045 eine wachsende Lücke. „Wir entfernen uns von den Zielen, die wir erreichen wollen“, beklagte Carolin Friedemann, Gründerin und Geschäftsführerin der Initiative Klimaneutrales Deutschland (IKND), in ihrem Impulsvortrag. Sie fragte in diesem Zusammenhang: „Bis wohin geht die Freiheit im Heizungskeller, bis wohin die Freiheit hinter dem Lenkrad?“
Beim Nachrichten lesen kann man manchmal den Eindruck gewinnen, dass sich keiner mehr für Klimaschutz interessiert. Dennoch zeigen die Zahlen, dass dem nicht so ist
Carolin Friedemann
Initiative Klimaneutrales Deutschland
Zustimmung für Energiewende hoch
Trotz der Querelen und politischen Volten um das Heizungsgesetz – oder korrekt: Gebäudeenergiegesetz, um die Förderung von PV-Anlagen und Elektroautos steht der Großteil der Bevölkerung hinter der Energiewende. „Die Zustimmung verharrte in den letzten Jahren auf relativ hohem Niveau bei über 80 Prozent“, so Friedemann. Mit rund 60 Prozent sei die Handlungsbereitschaft zwar geringer, aber ebenfalls auf einem stabilen Niveau. „Obwohl ich manchmal das Gefühl habe, dass sich keiner mehr für Klimaschutz interessiert, zeigen die Zahlen, dass dem nicht so ist.“
Laut Friedemann sind die hohen Anschaffungskosten, etwa für Wärmepumpen oder Elektroautos, der größte Hinderungsgrund für klimafreundlicheres Handeln. „Es ist eine Frage des Geldes, weniger der Technologie.“ Bei PV-Anlagen kommt das fehlende Wissen darüber hinzu, wie günstig sie inzwischen sind. Dennoch bleibt das grundsätzliche Problem bestehen: „Solange fossile Energieträger billiger sind als erneuerbare, muss man sich fragen: Rechnet sich das?“ Eine Erhöhung der Steuer auf CO₂-Emissionen könnte die Rechnung weiter zugunsten der erneuerbaren Energien positiv beeinflussen.
Das Verschieben von Klimazielen nimmt den Haushalten und der Industrie die Planungssicherheit.
Karen Pittel
ifo Zentrum für Energie, Klima und Ressourcen
Klimaschutz nicht umsonst zu haben
Prof. Dr. Karen Pittel, Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, sieht den verschobenen Start des europäischen Emissionshandels für Gebäude und Verkehr (ETS 2) um ein Jahr auf den 1. Januar 2028 kritisch. Damit bleibe der CO₂-Preis für Gebäude und Verkehr unter dem ursprünglich angedachten Niveau. „Das Verschieben von Klimazielen nimmt den Haushalten und der Industrie die Planungssicherheit. Es entsteht das Gefühl, wir hätten ja noch eine Menge Zeit“, befürchtet sie. In ein paar Jahren befänden wir uns dann in der gleichen Situation wie heute. Um die Infrastruktur klimaresilient zu machen, stünden verschiedene Hebel wie das Sondervermögen zur Verfügung. Das Problem dabei ist, dass die Kosten kurzfristig anfallen, die Gewinne aber erst langfristig. „Das macht es schwierig, in der Praxis umzusetzen, was in der Theorie gut klingt. Mich graust, wenn ich höre, Klimaschutz müsse Spaß machen. Er wird auch etwas kosten, das müssen wir in Kauf nehmen“, ist die ifo-Expertin überzeugt.
Ökologische Lenkungssteuern wie die CO₂-Abgabe belasten ärmere Haushalte überproportional , daher müssen sie mit einer finanziellen Kompensation einhergehen.
Astrid Schaffert
Zukunft KlimaSozial
Soziale Komponente mit vier Säulen
Um den Klimaschutz sozial zu gestalten, schlägt Astrid Schaffert vom Institut Zukunft KlimaSozial vier Säulen vor. Denn nicht alle Menschen haben die gleichen Möglichkeiten, ihre CO₂-Kosten zu senken, beispielsweise als Mieter:in oder Bewohner:in auf dem Land. Dort ist man stärker auf das Auto angewiesen, ohne sich gleich ein teures E-Auto leisten zu können. „Als erste Säule benötigen wir eine gut ausgebaute Infrastruktur im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) oder auch bei der Fernwärme, damit sich jeder möglichst klimaneutral verhalten kann“, so Schaffert. Zweitens seien sozial gestaffelte Förderprogramme nötig, damit auch weniger begüterte Haushalte die klimafreundliche Sanierung von Häusern angehen könnten. Drittens brauche es das Ordnungsrecht mit Ge- und Verboten, an die sich alle halten müssen. „Und wir brauchen sinnvolle ökologische Lenkungssteuern wie die CO₂-Abgabe“, führte sie aus. Da diese regressiv sei und ärmere Haushalte überproportional belaste, müsse sie mit einer finanziellen Kompensation einhergehen.
Was das neue Gebäudemodernisierungsgesetz der Bundesregierung für die Verbraucher:innen bedeutet, vermag Schaffert derzeit nicht zu beurteilen, da relevante Teile erst im August beschlossen werden sollen. So sei beispielsweise unklar, welche konkreten Quoten für Biogas vorgesehen sind und wie Mieter:innen vor zu hohen Belastungen geschützt werden können.
Wir brauchen mehr Sicherheit für Verbraucher:innen, was Investitionen, Pfade und die politische Marschrichtung angeht.
Sigrid Goldbrunner
Verbraucherzentrale Bayern e.V.
Umdenken durch steigende Öl- und Gaspreise
„Wir brauchen mehr Sicherheit für Verbraucher:innen, was Investitionen, Pfade und die politische Marschrichtung angeht“, ergänzte Sigrid Goldbrunner, Referatsleiterin Energie, Umwelt, Nachhaltigkeit bei der Verbraucherzentrale Bayern. Die Menschen, die zur Beratung kämen, interessierten sich sowohl für technische Aspekte von Wärmepumpen als auch für Fragen zu Förderungen oder Abrechnungsproblemen bei PV-Anlagen. „Ganz zentral ist die Frage: Lohnt sich das für mich?“, machte Goldbrunner deutlich. Zwar sei die Freiheit im Heizungskeller nun wiederhergestellt. Wer sich jedoch jetzt für eine fossile Heizung entscheide, gehe unbekannte Risiken über die künftigen Betriebskosten ein, warnte sie. Der Krieg in Iran mit den dadurch sprunghaft gestiegenen Öl- und Gaspreisen gebe offenbar Anlass zum Umdenken. „In den vergangenen Wochen haben wir einen starken Anstieg der Nachfrage nach PV-Lösungen und für einen Heizungstausch erlebt“, berichtete sie. Die geplante Abschaffung der Einspeisevergütung bei Solaranlagen habe bislang zu keinen nennenswerten Reaktionen der Verbraucher geführt.
Wir konnten rund 140 Besucher:innen bei dem Dialogforum begrüßen.
Die Absicht der Regierung, Netzkapazitäten und Einspeisung besser in Einklang zu bringen, begrüßte Wirtschaftsexpertin Pittel. Um einen Netzausbau werde man aber nicht herumkommen, was vielen Menschen noch gar nicht bewusst sei. „Das dürfte in Zukunft hohe Kosten für die Verbraucher bedeuten“, meinte sie. „Ich würde mir an solchen Stellen einen Sozialcheck wünschen, weil Mieter ihre Kosten hier gar nicht richtig steuern können“, forderte Schaffert. Die soziale Schieflage der Klimapolitik der Vergangenheit beruhe auch darauf, dass die Steuerung über die Verbrauchspreise erfolgt sei, wodurch einkommensschwache Haushalte besonders belastet würden. „Viele Kosten für Atomkraft und Kohlestrom wurden früher auch aus dem Staatshaushalt gedeckt“, gab sie zu bedenken.
Pauschalzahlungen für einkommensschwache Haushalte
Beim Klima- und Transformationsfonds (KTF) der Bundesregierung, der die energetische Gebäudesanierung, die Dekarbonisierung der Industrie sowie den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben soll, beklagt Pittel zahlreiche Mitnahmeeffekte. „Hier könnte man an einem Ende massiv Gelder sparen und am anderen Ende verteilen“, zeigte sie sich überzeugt. Zudem habe die letzte Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gezeigt, dass die Datengrundlagen für einen sozial gerechten Ausgleich häufig fehlten. „Ich bin kein Freund davon, die hohen Preise durch Eingriffe zu senken“, sagte sie. Man müsse stattdessen die Voraussetzungen schaffen, um einkommensschwache Haushalte über Pauschalzahlungen zu entlasten.
Fragen aus dem Publikum werden auf dem Podium diskutiert.
Verbraucher:innen besser über Optionen aufklären
Auch Schaffert steht dem KTF kritisch gegenüber. „Nur ein geringer Anteil der Zahlungen hat eine soziale Komponente.“ Zudem gebe es nicht das eine Modell, um die energetische Wende sozialverträglich zu gestalten. Vielmehr sollte sich die Politik an den vier genannten Säulen orientieren. Die Verbraucher:innen sollten besser über ihre Optionen aufgeklärt werden, ergänzte Goldbrunner, damit sie beispielsweise nicht im teuren Grundversorgungstarif bei Strom blieben oder auf den Einkommensbonus beim Heizungswechsel verzichteten. Für Mieter:innen wiederum wäre es laut Schaffert sinnvoll, wenn Mietsteigerungen an Effizienzverbesserungen bei Gebäuden gekoppelt wären oder wenn eine höhere Förderung im Gegenzug zu moderat steigenden Mieten in Aussicht gestellt würde.
Die Diskussion und der Dialog mit unseren Gästen ist Kern der Dialogforen.
Das Gute an der Klimapolitik ist, dass alle Elemente vorhanden sind: von der Technik über die Konzepte bis hin zu sozial gestaffelten Förderprogrammen. Nun ist die Politik gefragt, die richtigen Weichen zu stellen. Die Podiumsteilnehmerinnen haben konkrete Vorstellungen: „Wäre ich Wirtschaftsministerin, würde ich mich für einen CO₂-Preis mit Rückverteilung pro Kopf und Versteuerung einsetzen“, erklärte ifo-Expertin Pittel. Schaffert fügte hinzu: „Als Sozialministerin würde ich allen, die steuerfinanzierte Sozialleistungen erhalten, noch ein Neun-Euro-Ticket für den ÖPNV dazugeben.“ „Wäre ich Verbraucherschutzministerin, würde ich Investitionen in Klimaanpassung vorantreiben, damit sich möglichst viele Haushalte vor den Auswirkungen der Klimaerwärmung schützen können“, setzte Goldbrunner den Schlusspunkt. Damit leitete sie perfekt auf unsere nächste Veranstaltung aus der Reihe über:Unser nächstes Dialogforum findet am 21. Mai zum Thema „Kommunen klimafit machen – wie Anpassung unsere Gesundheit schützt“ statt.