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Sicher arbeiten im Klimawandel – wie schützen wir Gesundheit und Wirtschaft?
Dialogforum in Kooperation mit Munich Science Communication Lab und KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit
15. September 2026 I 18:00 Uhr I München
Der Klimawandel stellt die Arbeitswelt vor gesundheitliche, organisatorische und ökonomische Herausforderungen. Längere Hitzeperioden, wie sie im Sommer 2026 auftraten, wirken sich auf die Produktivität, das Wohlbefinden und die Sicherheit der Beschäftigten aus. Wie Unternehmen und Institutionen sich an die neuen Gegebenheiten anpassen müssen, erörterten die Expert:innen des Dialogforums anlässlich der Ausstellung "Planetary Health – Am Puls von Mensch und Planet" des Deutschen Museums.
Der Hitzesommer 2026 war in vielerlei Hinsicht extrem und hinterließ auch in der Arbeitswelt tiefe Spuren. Er strapazierte Körper und Kreislauf der Menschen, beeinträchtigte die Konzentrationsfähigkeit und erhöhte die Unfallgefahr. Bereits ab etwa 25 Grad treten laut einer Studie der Wirtschaftsforscher:innen der Prognos AG Leistungseinbußen von etwa zwei Prozent auf. Mit jedem zusätzlichen Grad sinkt die Produktivität weiter, es werden mehr Fehler gemacht, und die Zahl der Arbeitsunfälle steigt.
Bei über 35 Grad liegt die tägliche Belastung für Unternehmen bei fast einer Milliarde Euro
Hitze macht krank
„Statistische Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der Krankmeldungen nach einem einzelnen Hitzetag, also einem Tag mit Temperaturen von mehr als 30 Grad, um 3,5 Prozent ansteigt“, erläuterte Lukas Sander, Seniorprojektleiter im Bereich Klimafolgen und -anpassung bei Prognos. „Erleben wir eine Hitzewelle von sieben und mehr Tagen, wie in diesem Jahr, dann nimmt der Anteil der Krankmeldungen sogar um bis zu elf Prozent zu.“ Besonders stark betroffen sind Menschen, die überwiegend im Freien arbeiten, beispielsweise in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder in der Logistikbranche. Doch auch in Büros, in der Pflege oder im Krankenhaus kommen die Angestellten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.
Ein einziger Hitzetag koste die Unternehmen in Deutschland, vor allem aufgrund der rückläufigen Produktivität, etwa 430 Millionen Euro, so Sander weiter. Zudem komme es zu 76.500 zusätzlichen Fehltagen. „Wenn ich daran denke, dass wir deutschlandweit diesen Sommer zwischen 22 und 25 Hitzetage hatten, kommen schnell 1,5 Millionen Fehltage zusammen.“ In einigen Regionen Deutschlands wurden sogar mehr als 50 Hitzetage gezählt und mit 41,8 Grad eine neue Spitzentemperatur erreicht. Je höher die Temperatur, desto höher sind die Kosten. „Bei über 35 Grad liegt die tägliche Belastung für Unternehmen bei fast einer Milliarde Euro“, machte Sander deutlich. Der seit Jahrzehnten zu beobachtende Trend heißerer Sommer mit längeren Hitzeperioden wird sich in Zukunft weiter fortsetzen. „Deshalb müssen wir überlegen, wie wir uns an diese Entwicklung anpassen können“, forderte er.
Renate Bleich, Geschäftsführerin der Münchener Rück Stiftung, begrüßte das Publikum des Abends
Mitbestimmung für mehr Arbeitsschutz
„Diese Hitzekosten können wir uns schlicht nicht leisten“, stimmte Marietta Eder, stellvertretende Vorsitzende des DGB Bayern, zu. Ein Umdenken sei nötig. Beim Neubau des DGB-Hauses in München habe man etwa besonders auf effiziente Kühlmöglichkeiten geachtet. Über die Mitbestimmung könne man im Arbeitssicherheitsausschuss von Unternehmen auf entsprechende Maßnahmen hinwirken. Zudem müsse man über die betrieblichen Erfordernisse hinausdenken, da Beschäftigte in den unteren bis mittleren Einkommensgruppen in ihren eigenen vier Wänden häufig stärker von Hitze betroffen sind und sich daher nicht richtig erholen können. Eine Verlegung der Arbeitszeit in die Abendstunden, um den heißesten Stunden des Tages zu entgehen, lehnte sie ab. Ein fester Feierabend sei wichtig, damit Eltern, pflegende Angehörige oder ehrenamtlich Tätige ihre Aufgaben erfüllen können.
„Die starren Arbeitszeitregelungen, die wir an dieser Stelle haben, sind hinderlich”, hielt Klaus Pelster dagegen. Er verantwortet das Gesundheitsmanagement bei Siemens Deutschland. Schließlich lasse sich Hitze nur schwer planen. Um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz zu gewährleisten, hat Siemens ein entsprechendes Regelwerk geschaffen. „Angesichts der vielfältigen Arbeitsplätze gibt es nicht den einen Hitzeschutzplan“, gab er zu bedenken. Jeder Standort, ob in Bangalore oder München, sei unterschiedlich. Es mache zudem einen großen Unterschied, ob man im Büro oder in einer Halle für die ICE-Fertigung arbeite. Letztlich gelte hier wie im Arbeitsschutz generell: Zunächst sollten bauliche, technische oder organisatorische Veränderungen angestoßen werden, um die Menschen aus dem Hitzebereich herauszuziehen. Reiche das nicht, müsse man sie mit entsprechender Schutzkleidung ausstatten.
Diese Hitzekosten können wir uns schlicht nicht leisten
Plädoyer für einen Kulturwandel
Auch der Staat ist angesichts der Klimaveränderung nicht untätig geblieben. So hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) eigene Hitzeschutzpläne entwickelt. Dabei handelt es sich um Leitfäden, die verschiedenen Institutionen als Orientierung dienen, um Gesundheitsrisiken zu minimieren. Doch wie lassen sich die Leitlinien flächendeckend umsetzen? Peer-Oliver Villwock, Leiter der Unterabteilung Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit im Ministerium, ist der Meinung, dass dafür ein Kulturwandel stattfinden muss. „Wenn das Einsehen fehlt, dass Hitze kein Einmalereignis ist und Auswirkungen auf die betriebliche Realität hat, wird sich nicht wirklich etwas verändern. Wir brauchen Unternehmen, die bereit sind, diese Pläne auszuprobieren, um zu sehen, wie es in der Praxis funktioniert“, sagt Villwock.
Prognos-Experte Sander empfiehlt Unternehmen, die Kosten von Schutzmaßnahmen den Kosten durch hitzebedingte Ausfälle gegenüberzustellen. „Da kann jeder für seinen Betrieb durchrechnen, was er an verlorener Produktivität einspart.“ Pelster regte an, über die gesetzlichen Vorgaben hinauszugehen und die Kosten ähnlich wie bei der Fortbildung als Investition in die Zukunft zu sehen, statt unmittelbar auf den Ertrag der Investition zu achten.
Wir brauchen Unternehmen, die bereit sind, diese Pläne auszuprobieren, um zu sehen, wie es in der Praxis funktioniert
Klimaschutz als Wirtschaftsmotor
Eder vom DGB sieht das ähnlich. Sie betrachtet Hitzeschutzmaßnahmen auch als möglichen Wirtschaftsmotor. Entscheidend sei es, nicht nur die Symptome – etwa mit Klimaanlagen – zu bekämpfen, sondern den Klimaschutz nicht aus den Augen zu verlieren. Ein allgemeines, gesetzlich verankertes Klima-Kurzarbeitergeld für das Bauhauptgewerbe im Sommer wäre ebenfalls hilfreich, um Beschäftigte auf dem Bau bei extremen Wetterlagen zu schützen.
Villwock vom BMAS wiederum verwies auf Defizite bei der Kontrolle, ob die Schutzvorgaben aus dem Arbeitsstättengesetz tatsächlich eingehalten werden. Dies sei Aufgabe der Länder, die aber angesichts vielfältiger Herausforderungen teilweise andere Prioritäten setzten. Er beurteilt Forderungen, wonach sich der Mensch an die neuen Arbeitsbedingungen anpassen müsse, kritisch. „Das ist ein völlig falscher Ansatz, die Arbeit muss sich anpassen.“ Andernfalls laufe man Gefahr, dass die Menschen krank werden und wir sie verlieren, was wir uns angesichts des Arbeitskräftemangels nicht leisten könnten. Gerade kleinere Unternehmen benötigten Unterstützung, um Anpassungsmaßnahmen in ihrer strategischen Planung zu verankern. Das funktioniere nur, wenn man sich bereits im Herbst Gedanken über den nächsten Sommer mache. Von anderen Ländern, etwa in Südeuropa, könne man lernen, wie man am besten mit der Hitze umgeht.
Angesichts der vielfältigen Arbeitsplätze gibt es nicht den einen Hitzeschutzplan
Lebens- und Arbeitsqualität langfristig sichern
Klimaschutz und Anpassung müssen zusammen gedacht werden, wenn die Arbeitswelt auf die Anforderungen des Klimawandels reagieren soll. Wichtig ist, dass die Politik den passenden Rahmen setzt. Andererseits müssen die Unternehmen ihr Bewusstsein für den Arbeitsschutz stärken, um die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels am Arbeitsplatz zu minimieren und die Lebens- und Arbeitsqualität langfristig zu sichern. Sonst laufen wir Gefahr, dass die Gesundheitskosten aus dem Ruder laufen und eine rückläufige volkswirtschaftliche Produktivität den Standort Deutschland gefährdet.
Video des Dialogforums
Podiumsgäste
Impulsvortrag:
Lukas Sander
Senior Projektleiter, Themenleitung Klimafolgen und – anpassung, Prognos AG, Berlin
Podiumsdiskussion:
Marietta Eder
Stellvertretende Vorsitzende des DGB Bayern
Klaus Pelster
Leiter des Gesundheitsmanagements bei Siemens Deutschland
Lukas Sander
Senior Projektleiter, Themenleitung Klimafolgen und – anpassung, Prognos AG, Berlin
Peer-Oliver Villwock
Leiter der Unterabteilung „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“, Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Moderation:
Dr. med. Matthias Albrecht
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Geschäftsführer KLUG
