Vernetzt, innovativ - Wie arme Länder profitieren

Dialogforum am 22. Februar 2018

Die Digitalisierung des Alltags ist ein globales Phänomen, das auch vor Entwicklungsländern nicht haltmacht. Über 80 Prozent der Menschen dort haben Zugang zu einem Mobiltelefon und verwenden es etwa für Mobile Banking, Mobile Insurance oder E-Learning. Doch wer profitiert tatsächlich von der zunehmenden Verbreitung der Informations- und Kommunikationstechnologie?

Unbestritten ist, dass eine Reihe digitaler Angebote segensreich für die Menschen in Entwicklungsländern ist. Wetter-Apps ermöglichen punktgenaue Wettervorhersagen und erleichtern den Landwirten ihre Arbeit. Mit Hilfe der Zahlungs-App M-Pesa können die Menschen Zahlungen und Überweisungen vornehmen, selbst wenn sie kein Bankkonto haben. Und in Bildung und Gesundheit lassen sich breitere Bevölkerungsschichten erreichen, indem infrastrukturell abgeschnittene Regionen virtuell besser angebunden werden. Der Nachrichtendienst WhatsApp wird viel geschäftlich genutzt und damit zum Marktplatz.

Tech-Startups schaffen Arbeitsplätze
Bernhard Kowatsch, Leiter des Innovation Accelerator des World Food Programme in München, gibt sich entsprechend optimistisch: „Digitale Arbeit schafft Beschäftigungsmöglichkeiten für Millionen Menschen.“ In Kenia hätten je nach Erhebung zwischen 26 und 46 Prozent der Bevölkerung Anschluss an das Internet. Es entstehen Startups wie Andela, die von Facebook oder Google unterstützt werden. Andela bildet Menschen in Afrika zu Programmierern aus und vermittelt sie günstig an US-Tech-Firmen. Viel verspricht sich Kowatsch auch von der Blockchain, einem System, das zunehmend für Bezahlungen genutzt wird. Das Besondere daran ist,  die Kontrolle nicht durch eine Institution wie etwa eine Bank ausgeübt wird, sondern durch Informationen. Kowatsch glaubt, dass die Blockchain-Technologie bis zum Jahr 2025 digitale Identitäten und Bankkonten weltweit verfügbar machen werde. Bereits heute wird sie testweise genutzt, etwa um Bargeldtransfers an Flüchtlinge sicherer und transparenter zu machen – und damit Einkäufe zu erleichtern. „Statt über ein Bankkonto laufen die Transaktionen direkt zwischen den Flüchtlingen und den Händlern ab, das spart 98 Prozent der herkömmlichen Gebühren“, erläuterte Kowatsch die Vorteile in einem Projekt, das der Innovation Accelerator durchführt. 


Moderator Illinger und die Referenten Wenzelmann, Kowatsch und Zwitter (von links) sahen Licht und Schatten bei der Digitalisierung in Entwicklungsländern.

Nicht alle Personen in Entwicklungsländern profitieren gleichermaßen von dem technologischen Fortschritt. „Es sind häufig privilegierte Menschen, die mit Hilfe der Digitalisierung Karriere machen“, gab Victoria Wenzelmann, Mitgründerin und Vorstand der Konferenz Global Innovation Gathering (GIG), zu bedenken. Der Fokus der GIG, die Hub-Manager, Hacker und Unternehmer aus der ganzen Welt zusammenbringt, liegt auf technologischen Innovationen für Asien, Lateinamerika und Afrika. Technologie alleine, so Wenzelmann, sei aber nicht in der Lage, soziale und politische Probleme zu lösen, auch wenn es einzelne Erfolge wie die Internetplattform Ushahidi gibt. Sie wurde 2007 von Bloggern und Programmierern nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen in Kenia entwickelt, um Gewalttaten per Crowdmapping zu melden und zu verorten. Heute kommt die Software bei Katastrophen aller Art zum Einsatz, um sich etwa einen Überblick über das Ausmaß von Schäden und der benötigten Hilfsmittel zu verschaffen. „Technologie kann wesentlich zur Demokratisierung beitragen, die Impulse müssen aber von den Menschen kommen,“ sagte die Expertin. 

Gefahr einer Wildwest-Mentalität
Auf die Schattenseiten der Digitalisierung für die Entwicklungsländer wies Andrej Zwitter hin, Professor für internationale Beziehungen an der Reichsuniversität Groningen. Zwar könne man nur digital das globale Bildungsungleichgewicht bekämpfen. „Doch digitale Innovation in der Entwicklungshilfe bedeutet Experimentieren mit den Hilflosesten der Gesellschaft.“ Ein großes Problem sei die mangelnde Regulierung digitaler Geschäftsmodelle durch die Behörden. „Das fördert zwar das Entstehen von Innovationen, führt aber leicht zu einer Wildwest-Mentalität.“ Trotz guter Intentionen seien sich zudem viele Akteure nicht bewusst, welche Probleme sie mit ihrem Handeln auslösen, erklärte Zwitter. Das ist beileibe kein neues Phänomen. So war beispielsweise in den 1990er-Jahren die humanitäre Hilfen nicht ausreichend professionalisiert, wodurch Konflikte teilweise verlängert wurden, indem Lebensmittel an Konfliktparteien geliefert wurden. 

Ein Beispiel dafür, wie sich digitale Hilfsangebote ins Gegenteil verkehren können, zeigte sich 2010 während einer Flut- und Hungerkrise in Pakistan. Damals kam eine Software ähnlich wie Ushahidi zum Einsatz, um Hilfsangebote besser koordinieren zu können. „Doch leider war es auch den Taliban dadurch möglich, Angriffe auf die Hilfsorganisationen zu planen, da sie genau wussten, wo diese gerade tätig waren“, bemängelte Zwitter. Auch gutgemeinte Initiativen wie Techfugees, ein soziales Unternehmen, das die internationale Antwort der Tech-Community auf die prekäre Lage von Flüchtlingen koordiniert, seien nicht immer zielführend. „Bei einem Treffen von Techfugees stellte sich heraus, dass kein einziger Teilnehmer je einen Flüchtling gesehen hatte. Die Akteure glaubten aber ganz genau zu wissen, welche Apps man entwickeln müsse.“ Als weiteres Problem identifizierte Zwitter das Machtpotenzial von Firmen wie Facebook, Amazon oder Google. Das schaffe unglaubliche Abhängigkeiten und eine ungleiche Machtverteilung. 

Westliche Konzerne rollen den Markt auf
Auch die Monopolisierung von Diensten wie M-Pesa durch den Anbieter Vodafone müsse man kritisch sehen, ergänzte Wenzelmann. Selbst wenn lokale Firmen ein vergleichbares Produkt entwickeln würden, wäre es wahrscheinlich, dass die Menschen vor Ort auf das Bewährte zurückgreifen. „Das machen sich die globalen Konzerne zunutze. Sie sehen Afrika als Markt und nicht als Partner und rollen dort auf vielen Märkten ihre digitalen Produkte aus.“ Hier müsse die Zivilgesellschaft Lösungen finden, wolle man sich nicht den Konzernen ausliefern, resümierte Wenzelmann. „Die Menschen müssen früh eingebunden werden!“


Wir konnten fast 200 interessierte Zuhörer begrüßen, die sich rege in die Diskussion einbrachten.

„Technologie ist weder positiv noch negativ, es kommt darauf an, wie man sie einsetzt“, wand Kowatsch ein. Zum Beispiel in der Landwirtschaft: Manche Tätigkeiten werden durch Automatisierung überflüssig. Sie bietet Kleinbauern in den Entwicklungsländern aber auch die Möglichkeit, ohne Traktoren kostengünstig Drohnen für den Pflanzenschutz einzusetzen. Viele technologische Neuerungen würden ohnehin stattfinden, und zwar schneller, als man es während der Industrialisierung gesehen habe. Deshalb müsse man Antworten auf die Entwicklungen finden, sei es in der Forschung, in der Zivilgesellschaft, aber auch in den Regierungen und den Unternehmen. „In Togo bauen die Menschen mit Elektroschrott aus Industrieländern Farmbots, das sind Kleinroboter, die beispielsweise Erntetätigkeiten unterstützen“, ergänzte Wenzelmann. Durch die Arbeitserleichterung hätten dann Kinder mehr Zeit für die Schule. Allerdings: „Hunger ist ein politisches und wirtschaftliches Problem, das Technologie auf Ebene der Kleinbauern nicht lösen wird“, schränkte Wenzelmann ein. 

Die Digitalisierung ist in vielen Bereichen ein hilfreiches Instrument. Sie alleine wird die Menschen aber weder satt machen, noch ihnen Chancen auf eine nachhaltige Entwicklung eröffnen. Und weil Digitalisierung alle Lebensbereiche verändert, darf man sie weder thematisch noch räumlich isoliert betrachten. Bei der Gestaltung der Digitalisierung müssen Politik, Verwaltung, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft gleichermaßen einbezogen werden. Bisher zeichnet sich ab, dass in den armen Ländern vor allem diejenigen von der Digitalisierung profitieren, die über einen höheren Bildungsgrad und eine bessere Vernetzung verfügen. Ein großer Teil der Bevölkerung bleibt somit weiterhin ausgeschlossen. Das sollte als zusätzlicher Anreiz verstanden werden, vermehrt in die Bildungspolitik zu investieren. 

Das nächste Dialogforum findet am 20. März 2018 zum Thema „ Black out – Wie stabil sind unsere Systeme?“ statt.

27 Januar 2018