Globalisierung und Digitalisierung - Die Welt auf der Überholspur?

Dialogforum am 23. Januar 2018

Die digitale Revolution verändert unseren Alltag. Roboter mit künstlicher Intelligenz erledigen die Arbeit, Algorithmen analysieren unser Verhalten und steuern uns. Wie sieht die Welt von morgen aus, welche Chancen und Risiken ergeben sich? Die Dialogforenreihe 2018 „Digital. Innovativ. Fair? - Mittendrin in der Zukunft“ sucht Antworten auf diese Fragen.

Dank Digitalisierung leben wir in einer Blütezeit von Kommunikation und Kultur, ist Jannis Brühl, Leiter der Abteilung „Digital“ bei der Süddeutschen Zeitung überzeugt. Allerdings führe die ungeheure Masse an Daten und Informationen rasch zur Überforderung, mit der man umzugehen lernen müsse. „Das heißt nicht, dass jeder programmieren können muss“, stellte Brühl klar. Vielmehr geht es darum, sich die richtigen Kompetenzen zur Bewältigung des digitalen Alltags anzueignen. Auch, um sich nicht vollständig der Macht weniger Internetkonzerne auszuliefern. Sie herrschen über riesige Datenpools und verfügen über Techniken, um Kapital aus diesen Informationen zu schlagen. „Um die Machtkonzentration zu verringern, muss der Staat eingreifen und die großen Konzerne regulieren, darf dabei aber nicht Angst und Panik schüren“, forderte Brühl.


Die Arbeitswelt wird sich gravierend verändern, genaue Prognosen sind jedoch schwierig, stellte Katharina Anna Zweig fest.

Auch Algorithmen diskriminieren
Dass die Angst nicht unbegründet ist, erläuterte die Informatikprofessorin Katharina Anna Zweig. Denn Algorithmen, die unsere digitale Welt organisieren, sind nicht nur nützliche Instrumente, um etwa aus einer Fülle von Daten krebserregende Biomoleküle zu identifizieren. „In den USA werden Algorithmen bereits dafür eingesetzt, um die Wahrscheinlichkeit dafür zu ermitteln, dass ein Straftäter rückfällig wird“, gab Zweig zu bedenken. Das Problem dabei: Die Algorithmen sind längst nicht so objektiv, wie man glauben möchte, sondern fällen teilweise rassistische Urteile. „Wenn man Diskriminierung reinsteckt, kommt Diskriminierung raus“, brachte sie es auf Punkt. Die Algorithmen übernehmen also Vorurteile, wenn sie mit entsprechenden Daten gefüttert werden, und zementieren damit eine unfaire Welt.

„Die Digitalisierung führt zu einer Diktatur der Algorithmen“, warnte gar der Physiker, Philosoph und Wissenschaftsjournalist Prof. Harald Lesch. Entscheidungen werden nicht mehr von Personen aufgrund ihrer Erfahrungen getroffen, sondern von Maschinen, ohne dass wir genau wissen, auf welcher Basis sie zu einem Ergebnis kommen. Die oft von Politik und Industrie geäußerten Forderungen zu mehr Digitalisierung sieht Lesch kritisch: „Unsere Kenntnisse darüber, was sich in  Signalverarbeitungssystemen in Lichtgeschwindigkeit abspielt, was mit den Daten passiert und wo sie hingehen, sind zu gering, um die Risiken richtig bewerten zu können.“ Problematisch sei zudem, dass sich die Menschen einer Technologie ausliefern, die uns behandelt wie Kriminelle. „Profile und elektronische Fußfesseln gab es früher nur für Schwerverbrecher, heute haben wir alle elektronische Handfesseln. Es ist eine totalitäre Technologie, die in den falschen Händen liegt“, sorgt sich Lesch.

Digitaler Lebensraum braucht Regulierung
Die nächste Stufe bei der Digitalisierung ist die Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Die Algorithmen passen sich dann durch ständige Auswertung der Datenströme immer besser an die Bedürfnisse an und lernen hinzu. Die entscheidende Frage ist, welche Interessen dann im Vordergrund stehen. Die der Konsumenten, der Internetkonzerne oder der Gesellschaft? Weil die zugrundeliegende Technologie nicht mehr durchgehend transparent ist, hält Lesch Gesetze für nötig, um den digitalen Lebensraum zu regulieren.

„Von echter künstlicher Intelligenz sind wir noch weit entfernt“, glaubt Zweig. Sie ist optimistisch, dass sich die Herausforderungen bewältigen lassen. Bedenken bei neuen Technologien habe es immer schon gegeben. Mit einem Algorithmus-TÜV könne man problematischen Entwicklungen entgegenwirken. Allerdings werde es immer auch Situationen geben, in denen wir uns wehren müssen, etwa als Arbeitnehmer oder als Konsument. „Auch Terroristen sollten wir nicht per Algorithmus suchen, das geht schief.“

„Wir haben Instrumente, um die Digitalisierung in die richtige Bahn zu lenken“, stimmte Brühl zu. Das Problem sei nicht, dass die Algorithmen allmächtig sind, sondern dass es sich um Black Boxes handelt. Speziell in Deutschland und Europa, wo Ängste im Zusammenhang mit der Digitalisierung verbreiteter sind als etwa in den USA oder Asien, gebe es Datenschutzgesetze, die schon heute strenge Anforderungen an die Unternehmen stellen. „Und wir haben das Kartellrecht, wo man sich die Frage stellen kann, warum WhatsApp und Instagram auch zu Facebook gehören sollten.“

Mehr hochqualifizierte Jobs
Dass die Digitalisierung Auswirkungen auf die Arbeitswelt hat und haben wird, ist unbestritten. Einige Jobs werden wegfallen, andere kommen neu hinzu. Letztere werden oft eine wesentlich höhere Qualifikation erfordern. Auch wenn Prognosen über das Ausmaß der Veränderungen schwierig sind, wird die Gesellschaft eine Antwort finden müssen, wie man das Weniger an Arbeit organisiert. „Es ist schwer vorherzusagen, wie viele Menschen man für hochwertige Jobs ausbilden kann, da scheint es mir eine intellektuelle Grenze zu geben“, vermutet Zweig. Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass digitale Systeme wie beispielsweise Brillen für Augmented Reality die Menschen bei ihrer Arbeit unterstützen können, auch wenn sie nicht optimal qualifiziert sind. Und es werde immer Jobs geben, etwa im sozialen Bereich, wo Menschen mit ihresgleichen agieren wollen, und nicht mit Computern.

Vom autonomen Fahren verspricht sich die Expertin für die Analyse komplexer Netzwerke große Vorteile: „In den Städten werden Fußgänger und Radfahrer mehr Macht bekommen, weil die autonomen Fahrzeuge vorsichtiger fahren.“ Für die nähere digitale Zukunft prognostiziert sie, dass Sprachsteuerung allmählich die Steuerung über die Tastatur ersetzen wird und im Rahmen des Internet of Things Geräte des Alltags sich miteinander vernetzen werden.

Einen Weg zurück aus der Digitalisierung gibt es nicht. Fragen, wem die Daten gehören und wer was damit anstellen darf, lassen sich nur über internationale Abkommen lösen. Hier die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen, dürfte allerdings äußerst schwierig werden. Bislang jedenfalls rennt die Politik den Entwicklungen hinterher, anstatt sie zu gestalten. „Die USA haben eine Tradition darin, Kartelle zu zerschlagen. Es muss einen Grund geben, warum sie dem Treiben im Silicon Valley tatenlos zusehen“, mutmaßt Lesch. Doch je länger wenige Internetkonzerne die digitale Welt dominieren, desto schwieriger wird es, sie wirkungsvoll in die Schranken zu weisen.

Das nächste Dialogforum findet am 22. Februar 2018 zum Thema „Vernetzt, innovativ – Wie arme Länder profitieren“ statt. Hier wird es darum gehen, wie durch innovative Technologien und Digitalisierung Entwicklung beschleunigt werden kann, um Lebensumstände zu verbessern.

26. Januar 2018