Armut Global – Die Welt in der Armutsfalle?

Dialogforum am 24. Januar 2019

Bei ihrem Ziel, die absolute Armut zu bekämpfen, ist die Weltgemeinschaft in den vergangenen Jahrzehnten ein gutes Stück vorangekommen. Doch Armut bleibt ein weltweites Problem, und in vielen Ländern nimmt die ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen zu. Die Dialogforen, die 2019 unter dem Motto „Arme reiche Welt“ stehen, wollen die unterschiedlichen Facetten von Armut und deren Folgen beleuchten.

In ihrer Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verpflichteten sich die Vereinten Nationen 2015, die Armut in allen ihren Formen und Dimensionen zu beenden. Alle Menschen sollen einen grundlegenden Lebensstandard genießen. Für den Bundestagsabgeordneten von Bündnis90/Die Grünen, Uwe Kekeritz, ist das in erster Linie ein Verteilungsproblem: „Wenn wir es nicht schaffen die Ungleichverteilung zu reduzieren, brauchen wir nicht anfangen, Armut und Hunger zu bekämpfen. Denn wir werden es nicht schaffen“, ist der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung überzeugt.


Uwe Kekeritz (Bildmitte) fordert ein gerechteres Finanz- und Wirtschaftssystem weltweit.

Finanzsystem verstärkt Ungleichheit
Als extrem arm gelten Menschen, die weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben, was laut Kekeritz angesichts der hohen Inflation in vielen Ländern eine eher willkürliche Größe ist und ständig angepasst werden müsste. Nach dieser Definition leben heute knapp 740 Millionen Menschen global in Armut, was ein Erfolg gegenüber früher ist. Die Zahl ist aber immer noch viel zu hoch. Mit einem gerechteren Wirtschafts- und Finanzsystem will Kekeritz gegensteuern. Denn das bisherige System trage dazu bei, dass sich die Ungleichheit verstärke. Ein Indiz dafür seien die etwa 7,6 Billionen US-Dollar, die Reiche in Steueroasen gehortet haben, und die Milliarden US-Dollar, die aufgrund von Steuervermeidung aus Afrika abgezogen worden seien. 


Luisa Seeling, Süddeutsche Zeitung Außenpolitik, moderierte den Abend.

„Wir haben es mit einer strukturell organisierten Gier zu tun“, pflichtete der Theologe, Philosoph und Experte für Entwicklungspolitik Dr. Boniface Mabanza bei. Er sprach von einer skandalösen Akkumulation von Reichtum, die eine Minderheit auf Kosten der Mehrheit betreibe. „Die bestehende Handels-, Finanz-, Schulden- und Landwirtschaftspolitik vergrößert die Kluft zwischen arm und reich“, beklagte Mabanza. Berechnungen zufolge hat der afrikanische Kontinent zwischen 1980 und 2012 auf illegalem Weg Gelder in Höhe von 1,4 Billionen US-Dollar verloren, was mehr sei, als im gleichen Zeitraum an Direkthilfe und ausländische Investitionen geflossen ist. 60 Prozent der Gelder, die den Kontinent verlassen haben, würden dabei über die kreative Buchführung von internationalen Konzernen laufen. Seine Empfehlung: „Wir müssen uns die Systemfrage stellen und den Mut aufbringen, die Wirtschaftsordnung in Frage zu stellen, die die Armut verursacht, anstatt an Symptomen herumzudoktern.“ 

Numerische Bildung entscheidend
Es gibt aber auch Beispiele für positive Entwicklungen, wie in Botswana. „Das Land ist weltweit in den vergangenen Jahrzehnten so schnell gewachsen wie kein anderes“, weiß Jörg Baten, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Tübingen. Und das, obwohl Botswana ohne Häfen geographisch im Süden Afrikas weitgehend isoliert ist. Zudem habe es das Land geschafft, die Einnahmen aus der Diamantenförderung gerecht zu verteilen. „Der Konsens zwischen verschiedenen Interessensgruppen bei wirtschaftlichen Entscheidungen und die gute Bildung von Frauen haben dazu beigetragen, dass Botswana so erfolgreich war“, erläuterte Baten und hob die Bedeutung der numerischen Bildung bei Frauen hervor. Um der Armut zu entkommen, sei es wichtig, dass diese Schlüsselpersonen mit Zahlen umgehen könnten und sie diese Fähigkeit dann auch an ihre Kinder weitergeben. Ein entscheidendes Hemmnis beim Versuch, der Armut zu entkommen, sei Gewalt. „Es ist überraschend, wie die Zunahme von Ungleichheit innerhalb der Länder in den letzten zwei Jahrhunderten Bürgerkriege verursacht hat“, so Baten. 


Jörg Baten, Professor Uni Tübingen, sieht numerische Bildung als ein wichtiges Instrument zur Armutsbekämpfung.

„In fast allen Ländern der Welt gibt es eine reiche Bevölkerungsschicht“, ergänzte Mabanza. Im Kongo etwa habe in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der Millionäre erheblich zugenommen. „Es ist verblüffend, wie eng in der Hauptstadt Kinshasa Reichtum und Armut zusammenliegen.“ Eine kleine Zahl von Menschen habe davon profitiert, dass sich internationale Konzerne teils durch Schmiergeldzahlungen Konzessionen im Bergbausektor des Landes zu lachhaften Preisen gesichert haben, beklagte Mabanza. 

Europas Verantwortung
Will man die Armut bekämpfen, müsste man laut Kekeritz bei den Vereinten Nationen auf ein gerechteres Weltfinanzsystem hinwirken, wogegen sich jedoch die OECD, die Gemeinschaft vornehmlich reicher Industrieländer, sperre. Ein zweiter wichtiger Hebel zur Armutsbekämpfung wären faire Wirtschaftsverträge, die nicht dazu führen, dass lokale Strukturen zerstört werden. Hier ist auch die EU gefragt. Europa muss Verantwortung übernehmen, haben die ehemaligen Kolonialherren nach ihrem Abzug doch auch eine Menge Probleme hinterlassen. Nicht vergessen werden darf zudem die Verschuldung vieler Staaten. „Viele Entwicklungsländer stehen mit dem Rücken zur Wand. Seit der Finanzkrise hat sich das Problem noch verschärft“, erklärte Kekeritz. Die Folgen könne man etwa in Sri Lanka sehen, wo sich China im Gegenzug für Schuldenerlass die Nutzungsrechte des Hafens Hambanota im Süden des Inselstaats für die nächsten 99 Jahre gesichert hat. 


Boniface Mabanza beklagte, dass Nachrichten über Afrika in der westlichen Welt überwiegend negative Inhalte hätten.

Ein großes Problem der aktuellen Debatte über Armut und für die Bewegung aus der Armut heraus ist nach Ansicht von Baten die Fixierung auf Skandalgeschichten. Einzelne, oft tatsächlich schlimme Ereignisse würden als repräsentativ wahrgenommen, obwohl sie es nicht immer sind. „Ich würde mir wünschen, dass in den Medien mehr über das normale Leben in Afrika berichtet wird und nicht immer nur über Hunger oder Katastrophen“, ergänzte Mabanza. Dann könnten die Menschen hierzulande viel besser wahrnehmen, welches Potenzial in den Ländern Afrikas steckt. 

Das UN-Ziel, die absolute Armut bis 2030 zu überwinden, ist mit Sicherheit herausfordernd, auch wenn die Armut an vielen Orten der Welt in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen ist. Der Weg dorthin führt über eine Reduzierung der Ungleichheit, wie die Entwicklungsorganisation Oxfam in ihrem jährlichen Bericht deutlich macht. Zuversichtlich stimmt ein Blick nach Asien. Dort konnten hunderte  Millionen Menschen im Zuge des Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahrzehnte die Armut in Richtung Mittelstand verlassen. 

Das nächste Dialogforum findet am 21. Februar zum Thema „Poverty Traps – When risk keeps you poor and poverty keeps you at risk“ statt.

19 Januar 2019