Dr. Cecilia Tortajada und Prof. Dr. Janos Bogardi

Dialogforum „Wasser in Megacitys“ der Münchener Rück Stiftung am 10. Mai 2005

Urbanisierung schafft Probleme

Weltweit existieren heute 20 Megacitys, also Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Bevölkerungsexplosion, Wassermangel, Müllberge, Verkehr und Naturkatastrophen stellen die Stadtverwaltungen vor enorme Herausforderungen. Am Beispiel Mexiko-Stadt wurde beim ersten Dialogforum Wasser der Münchener Rück Stiftung das Problem der Wasserver- und -entsorgung diskutiert.

Rund 120 Teilnehmer kamen am 10. Mai 2005 in die Münchener Rück, um dem ersten der insgesamt fünf Dialogabenden beizuwohnen, welche die Münchener Rück Stiftung ins Leben gerufen hat. Die Veranstaltungsreihe begleitete die Ausstellung „Mythos und Naturgewalt Wasser“ der Hypo-Kulturstiftung, die vom 3. Juni bis zum 21. August in der Kunsthalle zu sehen war. Bei der Auftaktveranstaltung referierten zwei renommierte Experten zum Thema „Wasser in Megacitys“: Dr. Cecilia Tortajada, Vize-Präsidentin des Third World Centre for Water Management in Mexiko-Stadt, und Prof. Janos Bogardi, Direktor der UN-Universität Bonn. Bogardi erläuterte die globalen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Wasserversorgung in den Metropolen der Welt, Tortajada schilderte die Problematik am Beispiel Mexiko-Stadt.

Bis zum Jahr 2015 soll sich der Anteil der Menschen halbieren, die keinen Zugang zu Trinkwasser und sanitären Anlagen haben – so lautet die Zielsetzung der Vereinten Nationen. Vor dem Hintergrund des weltweiten Bevölkerungswachstums bedeutet dies Bogardi zufolge, dass jeden Tag weiteren 342 000 Menschen sanitäre Anlagen zur Verfügung gestellt werden müssen. Ein Vergleich verdeutlicht die Dimension: Eine Stadt wie München müsste demnach alle vier Tage eine neue Kläranlage in Betrieb nehmen.

Die Dringlichkeit des Problems unterstrich Bogardi mit drastischen Zahlen. „Jedes Jahr sterben fünfmal so viele Kinder wegen mangelnder Wasserqualität wie Menschen bei der Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004“, mahnte der Direktor der UN-Universität. Ausgerechnet die armen Bevölkerungsschichten, die nicht an das Wassernetz angeschlossen sind, müssten besonders hohe Preise bei fliegenden Händlern zahlen. In manchen Ländern kostet das Wasser bei diesen bis zu 100 Mal mehr als Wasser aus der Leitung.

In Mexiko-Stadt, mit über 20 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Metropole der Erde, tritt die Problematik offen zutage. Allein die privaten Haushalte benötigen vierzig Mal so viel Wasser wie München. „Wasser gibt es zwar genug. Um die Versorgung zu gewährleisten, muss es jedoch zum Teil über eine Entfernung von bis zu 150 Kilometer transportiert werden und eine Höhendifferenz von mehr als 1 000 Meter überwinden, was sehr energieaufwändig ist“, erläuterte Cecilia Tortajada in ihrem Vortrag. Bei der Verteilung gingen 30 bis 40 Prozent des Wassers verloren – damit könnten vier Millionen Menschen versorgt werden. Daneben machte Tortajada auf ein weiteres Problem aufmerksam: Durch das stetige Abpumpen von Grundwasser sinkt die Stadt unaufhaltsam – an manchen Stellen um bis zu 40 Zentimeter pro Jahr. Schwierigkeiten bereiten zudem die unzureichende Wasserqualität sowie die Überschwemmungen der Kanalisation bei Starkregen. „Nur sechs Prozent des Abwassers werden geklärt“, so Tortajada weiter. Die Überlastung der Kanalisation erschwere die Instandhaltung, da hierfür Teile des Abwassernetzes stillgelegt werden müssten.

Mit der zunehmenden Urbanisierung, die nach Ansicht von Bogardi ein unaufhaltsamer Trend ist, wurden die Ballungsräume auch anfälliger gegenüber Naturkatastrophen. Während um 1800 durchschnittlich 200 000 Einwohner in einer Großstadt lebten, hat sich diese Zahl bis 2000 auf 6,2 Millionen erhöht. Da die meisten Megastädte an Küsten liegen, sind sie von Überschwemmungen bedroht. Lange Zeit waren die Menschen vernünftig genug, Abstand zu den stark gefährdeten Gebieten zu halten. Mit der Bevölkerungsexplosion und der zunehmenden Verstädterung sei diese Vorsicht aber gewichen, kritisierte Bogardi. Gerade die armen Bevölkerungsgruppen würden in die gefährdeten Randgebiete gedrängt.

In einer abschließenden Würdigung waren sich die Referenten einig, dass Megacitys nicht nur große Gefahren bergen, sondern auch enorme Chancen bieten, da Städte über eine bessere Infrastruktur verfügen als ländliche Gebiete. Um diese Chancen auch langfristig wahrnehmen zu können, seien eine gesicherte Wasserversorgung und damit einhergehend eine vernünftige Stadtentwicklungsstrategie nötig. Dabei müssten alle Optionen in Betracht gezogen werden, vor allem Partnerschaften von Stadtverwaltungen mit privaten Unternehmen.