Expertenrunde: Dr. Guggemos, Dr. Graf, Prof. Kerscher
Diskussion mit den Podiumsgästen

Im Falle eines Falles – Wie gut ist München auf eine Epidemie vorbereitet?

4. Dialogforum der Reihe „Die Risiken der Münchner – Persönliche Wahrnehmung und Realität“ am 9. November 2006 in der Bayerischen Staatsbibliothek

„Das Undenkbare denken“ – so hätte das vierte Dialogforum des GSF-Forschungszentrums und der Münchener Rück Stiftung auch heißen können. Denn schließlich ging es nicht um lokal begrenzte Epidemien, sondern um den Pandemiefall schlechthin, also den weltweiten Ausbruch einer Krankheit. Die zentrale Frage lautete: Was tun, damit sich ein Szenario wie 1918 nicht wiederholt? Damals hatte die Spanische Grippe Millionen von Menschenleben gefordert.

Das Pandemierisiko ist hoch

„Die nächste Pandemie wird kommen, die Frage ist nur, wann“, betonte Prof. Günther Kerscher vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. „Jedes Land sollte vorbereitet sein.“

Bei der Entwicklung eines Szenarios für Bayern sei man auf der Grundlage historischer Daten von der „wahrscheinlichsten Annahme“ ausgegangen. Als internationale Richtlinie diene der „WHO Global Influenza Preparedness Plan“.

Kann das Vogelgrippevirus eine Pandemie auslösen?

Dr. Petra Graf vom Referat für Gesundheit und Umwelt der Stadt München sorgte für begriffliche Klärung: „Die Vogelgrippe ist eine Tierkrankheit und das Vogelgrippevirus (H5N1) kann in seiner jetzigen molekularen Struktur keine Pandemie auslösen.“ H5N1 sei jedoch der wahrscheinlichste Kandidat für ein Pandemievirus. Wenn sich sein Erbgut verändert, könnte es auch für den Menschen ansteckend werden.

Erst im August hat Bayern das Konzept „Surveillance, Impfung und Versorgung mit antiviralen Arzneimitteln“ verabschiedet. „Jeder kann aber auch selbst etwas tun, um sein Ansteckungsrisiko zu minimieren“, hob Graf hervor. Dazu zählten vor allem einfache, aber wirksame Hygienemaßnahmen: Hände häufig waschen, Händeschütteln vermeiden oder Massenansammlungen aus dem Weg gehen.

Die Versorgung der Patienten

„Wir können keine Patentlösungen anbieten“, unterstrich Dr. Wolfgang Guggemos (Oberarzt der Abteilung für Infektiologie und Tropenmedizin am Klinikum Schwabing). „Wir sind durch unsere langjährigen Erfahrungen im Umgang mit Infektionspatienten jedoch gut auf die Herausforderung vorbereitet.“

In der ersten Phase müsse man auf antivirale Medikamente zurückgreifen, ein Impfserum gebe es frühestens nach drei Monaten. Impfstoffe der zweiten Generation – diese befänden sich momentan in der Entwicklung – versprächen ein breiteres Wirkspektrum.

„Wichtig sei es, mit den Ressourcen der Kliniken verantwortungsvoll umzugehen und nur die Patienten einzuweisen, die nicht ambulant behandelt werden können“, so sein Appell an die niedergelassenen Ärzte.

Die Rolle von Politik und Medien

Aus dem Plenum kamen engagierte und teils kontroverse Kommentare zu den Statements der Experten, besonders zur Rolle von Politik und Medien. Ein Vorgriff auf das Thema des letzten Dialogforums der Reihe am 28. November 2006: Vom Schadstoff des Monats und selbsternannten Experten – Die Rolle von Politik und Medien in der Risikodebatte.