Expertenrunde: Dr. Lorenz, Prof. Peters, Dr. Illinger, Dr. Käppner, Dr. Bernhard (Foto: Ulla Baumgart)
Informationsaustausch (Foto: Ulla Baumgart)

Vom Schadstoff des Monats und selbsternannten Experten – Die Rolle von Politik und Medien in der Risikodebatte

5. Dialogforum der Reihe „Die Risiken der Münchner – Persönliche Wahrnehmung und Realität“ am 28. November 2006 im Münchener-Rück-Forum

Nicht die Risiken selbst, sondern der Umgang mit ihnen stand im Mittelpunkt des fünften und letzten Dialogforums 2006. Da der Mensch ein irrationales Wesen ist, wie Moderator Patrick Illinger, Leiter der Wissenschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung, ausführte, ist dieser Umgang nicht immer unmittelbar nachvollziehbar. So kommt es, dass Risiken, die uns am meisten ängstigen, nicht unbedingt die gefährlichsten sind.

Darüber hinaus besteht ein Dissens in der Risikowahrnehmung zwischen Experten und Medien, aber auch die Diskussion unter den Experten prägen Unsicherheiten und Kontroversen. Die uneinheitliche Bewertung eines Risikos beeinflusst jedoch das Risikomanagement der verantwortlichen Institutionen und verfälscht die Risikowahrnehmung in der Öffentlichkeit. So berichteten die Podiumsgäste über Fälle, bei denen die Wissenschaft offenbar nicht den richtigen Ton fand und die Medien risikobehaftete Themen schließlich auf eine Art und Weise behandelten, die so gar nicht beabsichtigt war. „Bei manchen Schlagzeilen müssen wir schon den Kopf schütteln“, stellte Joachim Lorenz, Leiter des Referats für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München, fest.

Medienresonanz kein Indiz für tatsächliches Risiko

„Kommunikation misslingt, weil die Berichte in den Medien, die individuelle Risikoeinschätzung und die wissenschaftlichen Erkenntnisse auseinanderklaffen“, weiß Dr. Otmar Bernhard vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz aus Erfahrung. Daher müssten sich alle Beteiligten bemühen, möglichst realitätsnah und seriös zu handeln, appellierte der Staatssekretär.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass irrelevante Risiken in den Medien häufig stärker diskutiert werden, als es eigentlich notwendig wäre. „Von der Höhe der Medienresonanz kann nicht auf das Risiko geschlossen werden“, folgerte Prof. Dr. Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich. „Sind Kinder von bestimmten Risiken betroffen, ist die Empörung in der Regel besonders groß.“ Doch auch sonst  verläuft der Kontakt mit den Medien für die Wissenschaft nicht unproblematisch, da oft widersprüchliche Meinungen nebeneinander stehen. Peters forderte einen Wissenschaftsjournalismus, der erklärt und hinterfragt. Zudem dürfe man Wissenschaft nicht allein als Quelle des Wissens betrachten, sondern als Erkenntnisprozess. Nur dann lässt sich der Öffentlichkeit vermitteln, dass unterschiedliche Meinungen zwischen Experten bestehen.

In der Risikodebatte nicht zu vernachlässigen ist, wie die Medienschaffenden die Risikowahrnehmung beeinflussen. Beim Thema Feinstaub in München habe das drohende Fahrverbot für Oldtimer zeitweise größere Emotionen hervorgerufen als die eigentlichen Gesundheitsgefahren, erklärte Dr. Joachim Käppner, Leiter der Lokalredaktion der Süddeutschen Zeitung. „Unter diesen Voraussetzungen ist es schwer, die Gesundheitsgefahren in den Vordergrund zu rücken.“ Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass im Konkurrenzkampf mit anderen Medien mögliche Gefährdungen unnötig aufgebauscht werden.

Wie könnte Risikokommunikation besser funktionieren?

Neben präziser Information bieten die Medien eine Arena für den öffentlichen Diskurs. Die Teilnehmer auf dem Podium waren sich einig, dass Politik, Medien und Wissenschaft in dieser Arena ihren Beitrag liefern müssen, um die Öffentlichkeit in der Risikodebatte auf den richtigen Weg zu führen. Für die Wissenschaft heißt das, mit den Medien in puncto Wortwahl und Inhalten verständlich zu kommunizieren. Politiker sind gut beraten, Risikosituationen nicht für parteipolitische Zwecke zu missbrauchen und Risiken seriös einzuschätzen. Die Idee des Publikums, einen „Rat der Wissenschaftsweisen“ einzurichten, der Fakten präsentiert und es den Bürgern erleichtert, die Risiken einzuschätzen, könnte dabei helfen.

Zum Abschluss der Veranstaltung dankte Thomas Loster, Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung, den Teilnehmern für die engagierte und kompetente Diskussion und dem Veranstaltungspartner GSF – Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit für die gute Zusammenarbeit. „Die Dialogforen werden auch 2007 fortgeführt“, so sein Ausblick für das kommende Jahr.