Expertenrunde: Lorenz, Rosenkranz, Krahmer, Prof. Wichmann
Die Diskussion geht weiter

Dicke Luft in der Stadt – Macht der Feinstaub die Münchner krank?

2. Dialogforum der Reihe „Die Risiken der Münchner – Persönliche Wahrnehmung und Realität“ am 5. Oktober 2006 in der Bayerischen Staatsbibliothek

Mehr Aktualität konnten sich die Veranstalter (das GSF – Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit und die Münchener Rück Stiftung) für ihr zweites Dialogforum zu den Risiken der Münchner kaum wünschen. Noch am Vormittag hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Presseerklärung zu ihren neuen Richtlinien für Luftschadstoffe wie Feinstaub, Ozon und Schwefeldioxid veröffentlicht. Am Abend diskutierten rund 80 Bürgerinnen und Bürger mit Wissenschaftlern, Politikern und Umweltschützern das Thema „Dicke Luft in der Stadt – Macht der Feindstaub die Münchner krank?“.

Kleinste Staubpartikel sind besonders gefährlich

Feinstaub ist bis zu 10 μm (10 Mikrometer; PM10) groß. Eine Untergruppe – kleinste Partikel mit einem Durchmesser von unter 2,5 μm (PM2,5) – gilt als besonders gesundheitsschädigend. Nach Schätzungen der EU senkt PM2,5 die statistische Lebenserwartung in Europa um knapp neun Monate. Weltweit sterben rund zwei Millionen Menschen infolge der Luftverschmutzung deutlich früher, die Hälfte von ihnen in Entwicklungsländern.

An den neuen und erstmals für die ganze Welt gültigen Richtlinien der WHO zur Luftqualität müssen sich auch die neuen Vorschläge des EU-Parlaments messen lassen. Sie wurden im September 2006 veröffentlicht und bleiben deutlich hinter den Forderungen der WHO zurück. Zudem befürwortet die EU, die jährlich zulässigen Überschreitungen von derzeit 35 auf künftig 55 pro Jahr zu erhöhen. Während es in der EU bisher keine Grenzwerte für PM2,5 gibt, sollen in den USA noch im Oktober 2006 strengere Limits für PM2,5 gelten.

Kontroverse Statements zu Grenzwerten und Maßnamen

„Wegen der Gefährlichkeit von Feinstaub zählt jede Reduktion!“, unterstrich Prof. H.-Erich Wichmann, Direktor des GSF-Instituts für Epidemiologie. Er forderte strenge Grenzwerte für PM2,5 sowie Kurz- und Langzeitgrenzwerte für PM10. Die Kurzzeitgrenzwerte flexibel zu handhaben, wie das EU-Parlament vorschlägt, lehnte Wichmann ab. Sinnvolle Maßnahmen seien Dieselrußfilter, außerdem müsse man das Verkehrsaufkommen in dicht besiedelten Gebieten reduzieren.

Gerd Rosenkranz (Deutsche Umwelthilfe) warf dem EU-Parlament vor, mit den neuen Vorschlägen nicht den Feinstaub, sondern die Feinstaub-Grenzwerte bekämpfen zu wollen: „Wir haben das zentrale Problem nicht gelöst, solange allein in Deutschland dreimal mehr Menschen durch Feinstaub sterben als im Straßenverkehr.“ Auch Rosenkranz forderte nachdrücklich Dieselpartikelfilter, insbesondere für Altfahrzeuge, außerdem eine Citymaut.

Dem entgegnete Holger Krahmer, Mitglied des Europäischen Parlaments, dass Einzelschritte wenig brächten, vielmehr müsse man „eine soziale Balance aller Maßnahmen erzielen“ und dürfe „nicht länger das Spiel Industrie-gegen-Mensch-und-Umwelt spielen.“ Damit verteidigte er die neuen EU-Vorschläge und die Erhöhung der Kurzzeitgrenzwerte. Sie entsprächen der Realität in deutschen Städten und erhöhten somit Transparenz und Flexibilität.

Joachim Lorenz, Referent für Gesundheit und Umwelt der Stadt München, bezeichnete die neuen Vorschläge des EU-Parlaments als aktionistisch. „Wir kommen nicht ans Ziel, wenn wir Druck herausnehmen“, konstatierte er und äußerte ebenfalls den dringenden Wunsch, endlich auch in der EU Grenzwerte für PM2,5 einzuführen.

Feinstaub ist kein lokales Problem

Kontrovers wie die Meinungen der Experten waren auch die Stimmen aus dem Publikum. „Lebt München auf Kosten des Umlands, wenn es das Verkehrsaufkommen bekämpft?“ „Welchen Anteil hat der Ammoniak, der aus der Landwirtschaft stammt, am Feinstaub?“ Solche Fragen machten deutlich, dass die Feinstaubproblematik keinesfalls an den Grenzen Münchens endet. Die Diskussion um Luftschadstoffe wird sich weiter verschärfen, wenn ab 2010 zusätzlich für Stickoxide Grenzwerte gelten. Luftverschmutzung, darin waren sich alle Teilnehmer einig, ist ein akutes Umweltproblem, nicht nur in München.