Allergologe Prof. Ring
Diskussion mit den Podiumsgästen

Allergien und Atemwegserkrankungen in Stadt und Land – Tendenz steigend

3. Dialogforum der Reihe „Die Risiken der Münchner – Persönliche Wahrnehmung und Realität“ am 26. Oktober 2006 in der Bayerischen Staatsbibliothek

In Deutschland leiden 24 bis 32 Millionen Menschen an Allergien. 3 000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen von Asthma. Auch unter den Teilnehmern am dritten Dialogforum gab es viele Betroffene, die interessiert den Impulsreferaten folgten und viele Fragen an die renommierten Allergologen hatten.

Eindeutiger Trend – vielschichtige Mechanismen

Prof. H.-Erich Wichmann, Direktor des GSF – Instituts für Epidemiologie, erläuterte anhand ausgewählter Studien, wie sich Asthma und Allergien ausbreiten. „Deutschlandweit kann beobachtet werden, dass Asthma, Allergien und assoziierte Erkrankungen stetig zunehmen“, so Wichmann. Die Ergebnisse zeigten jedoch starke regionale Schwankungen: „Allergien treten in ländlichen Regionen seltener auf als in der Stadt“, führte Wichmann aus. Ihre Häufigkeit steige mit zunehmender Größe der Gemeinde.

Die Ursachen dieses Phänomens seien noch nicht klar, so Wichmann weiter. Diskutiert werde, ob sich „ländliche, protektive Faktoren“ und „urbane Risikofaktoren“ überlagern. Eine Handlungsempfehlung könne jedoch angesichts der teilweise unsicheren Datenlage noch nicht direkt abgeleitet werden.

Hinzu komme, dass die in den neuen Bundesländern vergleichsweise niedrige Zahl allergischer Erkrankungen kontinuierlich wachse und bald das Niveau der alten Bundesländer erreichen werde. Das lasse sich neben anderen möglichen Ursachen mit der Anpassung an den westlichen Lebensstil erklären.

Systematische und individuelle Behandlung

„Allergische Erkrankungen gehören zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen der modernen Gesellschaft“, betonte Prof. Johannes Ring, Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein der Technischen Universität München. Er nahm die Zuhörer mit auf einen kurzen geschichtlichen Streifzug: 1906, vor 100 Jahren, führte der Wiener Kinderarzt Clemens von Pirquet den Begriff „Allergie“ in die medizinische Terminologie ein. Seitdem habe sich in der Diagnostik wie auch in der Therapie vieles weiterentwickelt. Ring: „Die Behandlung ist im Gesamtkonzept eines Allergie-Managements zu sehen.“ Der Patient müsse wirkungsvoll akut behandelt und langfristig zur Beschwerdefreiheit gebracht werden. Die Behandlung allergischer Erkrankungen bestehe nicht darin, ein Wundermittel oder Wunderdiäten zu verschreiben. Vielmehr sei eine individuell auf den Patienten abgestimmte Auswahl der Therapieoptionen anzuwenden.

Handlungs- und Forschungsbedarf

„Für die Wissenschaft besteht nun die Herausforderung, die Ursachen allergischer Erkrankungen noch besser zu verstehen, etwa anhand der Fragestellung, warum manche Menschen trotz gleicher Umweltbedingungen erkranken, manche jedoch nicht“, so Wichmann. „Und auch die Politik ist in die Pflicht zu nehmen“, unterstrich Ring. Das Auftreten neuer, potenter Allergene wie der Pollen der nach Europa eingeschleppten Ambrosia-Pflanze erfordere, dass man auf höchster Ebene rasch und unbürokratisch vorgehe.

Übereinstimmend äußerten die Experten ihre Besorgnis über die Zunahme allergischer Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten. In der Forschung seien noch viele Fragen offen, die nur mithilfe weiterer Studien beantwortet werden könnten.