Begrüßung durch den Geschäftsführer, Herrn Loster
Die hochkarätigen Experten standen Rede und Antwort

Auftaktveranstaltung "Die Risiken der Münchner - Persönliche Wahrnehmung und Realität"

Risiken für Menschen zu erkennen und einzuordnen, ihnen vorzubeugen und Empfehlungen zu deren Bewältigung abzuleiten –  das sind Aufgaben, die die Münchener Rück Stiftung und das GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit gleichermaßen beschäftigen. Zum Abschluss der Ausstellung „Chance : Risiko“, die die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft vom 1. Juli bis zum 1. November 2005 im Haus der Kunst präsentiert hat, haben daher die Münchener Rück Stiftung und das GSF am 31. Oktober 2005 Vertreter aus Umwelt- und Gesundheitsbehörden von Stadt, Land und Kommune, aus Politik und Wirtschaft zu einer Podiumsdiskussion mit hochkarätigen Wissenschaftlern eingeladen. Im Mittelpunkt standen die kleinen und großen, die echten und vermeintlichen Risiken, denen die Münchener Bevölkerung, stellvertretend für die Bewohner anderer Großstädte, ausgesetzt ist.

Zwar ist es das vorrangige Ziel der Münchener Rück Stiftung, wie Geschäftsführer Thomas Loster in seinem Grußwort hervorhob, besonders den Menschen in Entwicklungsländern dabei zu helfen, Risiken besser einzuschätzen und zu beherrschen. Mit der Veranstaltung wolle man aber auch im nahen Stiftungsumfeld eine Sensibilisierung für Gefahren erreichen und zeigen, dass sich die Stiftung als gemeinnützige Einrichtung in München auch um Anliegen der Bürger kümmert. Im Jahr 2006 sei zudem eine Vertiefung des Themas „Die Risiken der Münchner“ im Rahmen der Dialogforen der Stiftung geplant.

In seiner Einführung wies der Moderator der Veranstaltung, Prof. Dr. Ortwin Renn vom Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart, auf das Spannungsfeld hin, das in der Bevölkerung zwischen Risikowahrnehmung und wissenschaftlichen Erkenntnissen herrsche. Die Podiumsdiskussion wolle daher Antworten geben, welche Risiken wichtig und welche vernachlässigbar seien.

Verkehr in München – Risikofaktor Feinstaub & Co

München gehört zu den deutschen Städten mit der höchsten Verkehrsbelastung. Vor allem feine und ultrafeine Partikel in den Abgasen gefährden dabei die Gesundheit. Nachdem schon im Frühjahr 2005 die für das ganze Jahr geltenden EU-Grenzwerte überschritten wurden – per 1. November sogar an insgesamt 89 statt der erlaubten 35 Tage – setzte in Medien und Öffentlichkeit eine lebhafte Diskussion über die Gefahren des Feinstaubs ein. Prof. Dr. Dr. H.-Erich Wichmann, Direktor des Instituts für Epidemiologie am GSF, nannte als wesentliche Gesundheitsgefährdungen Atemwegsbeschwerden und Herz-Kreislauf-Störungen. Neben dem Feinstaub birgt der Straßenverkehr aber weitere große Gefahren, wobei das Risiko durch Verkehrsunfälle geschädigt zu werden am größten ist. Auch die negativen Folgen von Verkehrslärm und gasförmigen Schadstoffen wie Ozon gehen in der Feinstaubdiskussion unter.

Wichmann zitierte eine Studie der EU, wonach die Lebenserwartung durch Feinstäube um durchschnittlich neun Monate reduziert wird. Das sei zwar nicht unerheblich, Raucher müssten immerhin mit neun verlorenen Lebensjahren rechnen. Angesichts der gesicherten Erkenntnisse über die Gefahren sei es wichtig, gerade den lungengängigen Feinstaub mit einer Partikelgröße von weniger als 2,5 Mikrometern gesondert zu erfassen, was bisher aber nicht geschieht. Es sei keine Lösung dem Problem seine Schärfe zu nehmen, indem die Messungen einfach an weniger kritische Verkehrspunkte verlagert werden. Wichmann plädierte dafür, dass jeder selbst seinen Beitrag zu weniger Emissionen leistet, etwa durch den Einbau von Rußfiltern.

Mobilfunk in Stadt und Umland – krank durch Strahlung?

Die rasante Verbreitung von Handys – knapp 80 Prozent der Deutschen über 14 Jahren besitzen ein Mobiltelefon – hat den Gesundheitsrisiken von hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung eine stärkere Aufmerksamkeit beschert. Rüdiger Matthes vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erklärte, dass in Umfragen des BfS etwa jeder Dritte entsprechende Sorgen geäußert hat. Allerdings bestehe eine Kluft zwischen Wahrnehmung der Risiken und deren wissenschaftlicher Relevanz. Obwohl die Exposition durch das Handy wesentlich höher ist, werden die Sendemasten allgemein als bedrohlicher empfunden. Das liege wohl an dem bekannten Phänomen, dass externe Gefahren höher gewichtet werden als Risiken, die dem unmittelbaren Einflussbereich unterliegen.

Als gesundheitlich beeinträchtigt beschreiben sich etwa neun Prozent, wobei nur ein geringer Teil konkrete Beschwerden nennen kann. An erster Stelle stehen Kopfschmerzen und Schlafprobleme, in den Medien werden darüber hinaus auch mögliche Einflüsse auf Krebserkrankungen, das Blutbild und die sogenannte Blut-Hirn-Schranke diskutiert. Wissenschaftlich unbestritten ist laut Matthes, dass eine Vielzahl gesundheitlicher Risiken, darunter Störungen der embryonalen Entwicklung, der männlichen Fertilität und Trübungen der Augenlinsen, bei hoher Intensität der Strahlung auftreten können. Daher wurden Grenzwerte mit einer hohen Sicherheitsmarge erlassen. Unterhalb dieser Schwelle gebe es lediglich Hinweise, aber keine belastbaren wissenschaftlichen Belege für schädliche Einflüsse. Auch wenn die bestehenden Regelungen im Bereich Mobilfunk nach Ansicht zahlreicher nationaler und internationaler Gremien den Schutz der Bevölkerung gewährleisten, sprach sich Matthes für weitere Forschungen aus, um die Unsicherheiten bei der Bewertung zu verringern. Durch eine Beschränkung der Handynutzung oder durch Freisprechanlagen könne jeder recht einfach sein individuelles Risiko reduzieren. Die gefürchteten Sendemasten würden die Anwohner typischerweise nur einem Hundertstel oder Tausendstel der zulässigen Belastung aussetzen.

Münchner Kinder – ihre wahren Risiken

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“, begann Prof. Dr. Dr. Peter Höppe, Leiter des Bereichs GeoRisikoForschung der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, das dritte Referat des Abends. Daher sei es wichtig, über die speziellen Risiken Bescheid zu wissen, denen Kinder ausgesetzt sind. Die Behandlung von Umweltrisiken in den Medien und deren subjektive Wahrnehmung innerhalb der Bevölkerung würden aber auch bei dieser Thematik oft nicht die realen Gefahren widerspiegeln. Am meisten überschätzt werden die Risiken der Strahlung durch Atomkraft oder durch Mobilfunksender sowie durch verunreinigte Nahrung –  also solche Gefahren, die der Einzelne nur schwer selbst beeinflussen kann. Zu gering geachtet werden dagegen die Risiken, die Eltern zum Teil selbst in der Hand haben, wie Bewegungsmangel, Lärm und Unfälle bei Spiel und Sport, bis hin zu Allergenen. Das größte Risiko für Leib und Leben der Kinder gehe immer noch von Verkehrsunfällen aus. Höppe rechnet aber damit, dass das Problem Fettleibigkeit in Deutschland bald bei weitem alle anderen Umweltrisiken in den Schatten stellen wird.

Grippe im Anmarsch – Epidemie in München?

Erstaunt über die Karriere des Themas Vogelgrippe in den Medien zeigte sich Dr. Günther Kerscher, Leiter der Abteilung Gesundheit im Bayerischen Umweltministerium. Denn die Vogelgrippe stelle in Deutschland derzeit allenfalls ein Risiko für Geflügelzüchter dar, nicht aber für die breite Bevölkerung. „Es gibt keinen Grund zur Hysterie“, beruhigte Kerscher. Das Virus existiere schon seit mehreren Jahren im asiatischen Raum, seit 2003 seien aber nur 118 Erkrankungen mit 61 Todesfällen bestätigt. Dagegen ist die regelmäßig wiederkehrende saisonale Grippe eine unterschätzte Krankheit, an der allein in Deutschland jährlich zwei bis drei Millionen Menschen erkranken und die 2004/05 rund 15000 Todesopfer gefordert hat. Das sind gut doppelt soviele Personen, wie durch Verkehrsunfälle sterben. Kerschers Rat: „Nehmen Sie an den Grippeschutzimpfungen teil.“

Die Gefahr einer Pandemie durch die Vogelgrippe sei zwar nicht von der Hand zu weisen, da der Erreger H5N1 ein gefährlicher Virussubtyp sei, gegen den die Menschheit noch keine Antikörper gebildet hat. Zeitpunkt und Ausmaß einer möglichen Pandemie könne aber niemand seriös voraussagen. Obwohl die Übertragung von Mensch zu Mensch noch nicht gegeben ist, plädierte Kerscher für Vorsorgemaßnahmen, besonders für die Entwicklung eines Impfstoffs. Die Vorbereitungen für eine rasche Herstellung eines Impfstoffs werden in Deutschland derzeit getroffen. Produziert werden kann das Serum aber erst dann, wenn ein Pandemievirus identifiziert ist.

Single in München – allein und krank?

Das Single-Dasein ist die dominierende Lebensform in Großstädten. „Es stellt aber für sich allein gesehen keinen Risikofaktor dar“, erläuterte Dr. Hannelore Löwel, Leiterin der Arbeitsgruppe Epidemiologie chronischer Krankheiten am GSF. Alarmierend sei allenfalls die sehr geringe Teilnahme von Singles an Vorsorgeuntersuchungen. Vom Single-Leben betroffen sind vor allem junge Männer und ältere Frauen. Eine Langzeitstudie in der Stadt Augsburg legt nahe, dass sich allein lebende Frauen und Männer in ihrem Gesundheitsverhalten und in ihrem Risikoprofil unterscheiden.

Demnach treten bei Männern ungünstige Faktoren unter Singles nicht so oft auf, sie leiden weniger häufig unter Bluthochdruck und massiven Fettstoffwechselstörungen als ihre verheirateten Geschlechtsgenossen. Das Hauptproblem der jüngeren Single-Männer ist das Rauchen, bei den allein lebenden Frauen sind besonders ältere von Bluthochdruck und Übergewicht aufgrund mangelnder Bewegung betroffen. Unterschiede im Alkoholkonsum hat Frau Löwel dagegen nicht ausgemacht. Ihr Fazit: Die gesundheitlichen Folgen des Alleinlebens erfordern eine alters- und geschlechtsspezifische Betrachtung, um die wesentlichen Faktoren der Krankheitsentstehung zu erkennen.

Am Ende der Podiumsdiskussion waren sich die Teilnehmer einig, dass eine zu starke Risikofixierung selbst zum Risiko werden und Krankheiten auslösen kann. Zudem stehen große Ängste einem rationalen Handeln im Weg. Eine wesentliche Rolle bei Risiken, die nicht unmittelbar erkennbar oder die neu sind, kommt dem Vertrauen in die Informationsquelle zu. Fehlt das Vertrauen, gewinnt der Wunsch nach völligem Risikoausschluss die Oberhand. Werden die Informationen als glaubwürdig eingeschätzt, können die Menschen eine individuelle Risikoabwägung vornehmen und erlangen so die Risikomündigkeit. „Ein Leben ohne Risiko gibt es nicht und es wäre auch sicher nicht sehr attraktiv“, schloss  Prof. Renn und räumte ein: „Die Wissenschaft hält auch nicht für alle Fragen Antworten parat, und das muss sie sich eingestehen.“

Das Thema „Die Risiken der Münchner“ wird die Münchener Rück Stiftung im Jahr 2006 im Rahmen der Dialogforen aufgreifen und in aller Tiefe diskutieren. Weitere Informationen finden Sie demnächst hier auf der Webseite.