Dr. Mayer, Deutsche Bank, sieht im Wachstum eine Chance für die Bekämpfung globaler Armut.
"Wohlbefinden und das Streben nach Wachstum gehören zusammen", Prof. Sunde, LMU München,

Ökonomien im Wandel – braucht Wirtschaft Wachstum?

Dialogforum am 17. April 2012

Spekulationsblasen, knappe Rohstoffe und die Folgen des Klimawandels - die Argumente der Wachstumskritiker finden immer mehr Gehör. Aber ist eine Welt ohne Wachstum überhaupt vorstellbar? Dieser Frage gingen die Diskutanten am vierten Abend der Dialogforen 2012 nach.

Als Experten für den Themenabend „Macht und Einfluss: Wer bestimmt die Geschicke der Welt?“hatte die Münchener Rück Stiftung Dr. Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Prof. Uwe Sunde von der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie den IT-Unternehmer Harald Rossol eingeladen.
 
Bereits 1972 veröffentlichte der Club of Rome eine Analyse über die Grenzen des Wachstums. Darin kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die Ressourcen der Erde innerhalb weniger Jahrzehnte erschöpft seien, falls kein Umdenken stattfindet. Die düsteren Prognosen traten zwar nicht ein, doch spätestens seit der Finanzkrise macht sich Unbehagen über das ständige Höher, Schneller und Weiter der Weltwirtschaft breit. Thomas Mayer gibt jedoch zu bedenken: „In unseren reichen Gesellschaften können wir uns vielleicht darüber unterhalten, ob wir mehr oder weniger wollen, das ist ein Luxusproblem. Global benötigen wir Wachstum, denn es gibt noch sehr viele arme Menschen, die sich nur so besser stellen können.“ Angetrieben von bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien werden die Schwellenländer bald die Industrieländer bei der aggregierten Wertschöpfung überholen. In vielen entwickelten Ländern hingegen herrscht Stagnation, weil sie sich nur langsam von den Folgen der Finanzkrise erholen.
 
Der Mensch als treibender Faktor
Für Uwe Sunde lässt sich das Streben nach Wachstum ohnehin nicht bremsen: „Der Mensch ist nie zufrieden. Jeder Einzelne sucht Möglichkeiten, sein Wohlbefinden zu verbessern.“ Das Bruttoinlandsprodukt  – die Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft – ist dabei eine Näherungsgröße für den Wohlstand, weil es die Konsummöglichkeiten widerspiegelt. Der Zugang zu Rohstoffen ist laut Sunde ein wichtiger Faktor, der das Wachstum begünstigt. Daneben sind die Akkumulation von Kapital und Wissen, die Globalisierung sowie die Bevölkerungsentwicklung von großer Bedeutung. „Mit dem Wachstum nimmt aber auch die Ungleichheit zu“, räumt der Professor ein. Das sei aus politökonomischer Sicht relevant, weil dadurch das Verlangen nach Umverteilung steigt. „Würde man Wachstum abschaffen, ich sage nicht, dass man das könnte, hätte das drastische Folgen.“ Denn stagniert ein Land, während ein anderes um jährlich 2 Prozent zulegt, hat das zweite Land nach 200 Jahren eine 50-mal höhere Wirtschaftsleistung. Grenzen des Wachstums sieht Sunde nicht, denn selbst wenn die Bevölkerung nicht mehr zunimmt und auch die Globalisierung abgeschlossen ist, bleiben immer noch Innovationen, die die Wirtschaft anschieben. Allerdings sind die damit zu erzielenden Zuwächse weitaus geringer.
 
Eine gänzlich andere Sichtweise als die beiden Ökonomen vertritt Harald Rossol. Bereits jetzt stoße die entwickelte Welt an ihre Grenzen, was sich beispielsweise in der Klimaschutzdiskussion zeige. Als Ausweg schlägt er vor, das qualitative Wachstum in den Vordergrund zu stellen, wie er es mit seiner IT-Beratungsfirma erecon bereits praktiziert. „Ich betrachte die erreichte Größe des Unternehmens als optimal. Deshalb will ich über Qualitätsmerkmale wachsen und nicht einfach nur mehr IT-Produkte verkaufen“, erklärte er. Nach diesem Vorbild sollten auch die Industrieländer Abstand davon nehmen, mehr Wohlstand durch immer mehr Produktion erreichen zu wollen. „Es geht nicht darum, auf Wohlstand zu verzichten, wir müssen mit den bestehenden Ressourcen effizienter umgehen“, fordert er. Der quantitative Wachstumsbegriff der klassischen Ökonomie führe in die Irre. „Wenn wir in der entwickelten Welt in den nächsten 20 bis 30 Jahren Erfolg haben wollen, müssen wir ganz schnell von den reinen wachstumsgetriebenen Wohlstandsindikatoren wegkommen zu qualitativen Merkmalen wie Wissen, Bildung oder Effizienz.“
 
Mit Wissen  gegen Ressourcenengpässe
Der Deutsche Bank-Volkswirt Mayer ist davon überzeugt, dass die Menschheit über einen ausreichend großen Erfindergeist verfügt, um mit der Ressourcenknappheit umzugehen. „Endlichkeiten können durch Wissen überwunden werden, und Wissen ist eine Ressource, die wir in unseren menschlichen Dimensionen als unendlich betrachten können.“ Auch Sunde geht davon aus, dass die Menschheit immer einen Weg findet, um sich an Veränderungen anzupassen. „Die Frage ist nur, ob die Anreize, die sie hat, immer richtig sind“, schränkt er ein. Denn das setzt voraus, dass sich die Preise, die eine wichtige Steuerungsfunktion erfüllen, auf vollkommenen Märkten bilden und dass die Erwartungen über die Endlichkeit der Ressourcen rational sind. Zudem müssten indirekte Kosten wie etwa die Umweltbelastung mit eingerechnet werden. Bei falschen Anreizen laufen wir Gefahr, die Ressourcen zu stark zu nutzen und nicht rechtzeitig Folgetechnologien zu entwickeln. Liegt ein derartiges Marktversagen vor, müsse der Staat durch Regulierung eingreifen.
 
Doch lässt sich Wachstum überhaupt steuern, um Ressourcen zu schonen oder Spekulationsblasen zu verhindern? „Man darf nicht einer Kontrollillusion unterliegen und glauben, man könnte die menschliche Natur regulieren“, wiegelt Mayer ab. Spekulationszyklen gebe es seit babylonischen Zeiten und daran werde sich auch künftig nichts ändern. Man könne bestenfalls Techniken entwickeln, um die Folgewirkungen zu mindern. Eine Instanz, die die Geschicke unserer Welt und unseren Wirtschaftsverlauf bestimmt, sieht der Ökonom nicht. „Es ist ein Dahingestolpere von uns allen, wir bestimmen das selbst im Lauf der Zeit“. Fehlentscheidungen, die uns in schwierige Situationen bringen, werden dabei nicht ausbleiben. „Wir werden nie wissen was kommt“, räumt Sunde ein. Aber der Mensch wird Lösungen finden, um sich aus einer schwierigen Lage wieder zu befreien.
 
Das nächste Dialogforum findet am 15. Mai 2012 zum Thema „Neue Lebensstile – Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung?“ statt.