Jürgen Trittin diskutiert mit unserem Moderator Dr. Illinger über Lösungen in der Energiewirtschaft.
Dr. Flassbeck und Prof. Wengenroth sehen unterschiedliche Möglichkeiten, Ressourcen zu schonen.

Rohstoffe und Energie – wird die Erde neu aufgeteilt?

Dialogforum am 16. Februar 2012

Wer kontrolliert den Zugang zu Rohstoffen? Wie lassen sich Abhängigkeiten verringern und welchen Einfluss haben die Finanzmärkte auf die Preisbildung? Darüber diskutierten Dr. Heiner Flassbeck, Chefvolkswirt und Leiter der Abteilung für Globalisierung und Entwicklung der UNCTAD, Jürgen Trittin, Vorsitzender der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, sowie Prof. Ulrich Wengenroth, Ordinarius für Geschichte der Technik an der TU München am zweiten Abend der Dialogforen 2012 „Macht und Einfluss: Wer bestimmt die Geschicke der Welt?“

Nicht nur die deutsche Industrie fürchtet, dass ihr bald wichtige Rohstoffe ausgehen könnten. Weltweit ist ein Wettlauf in Gang, um sich Ressourcen wie Öl, Metalle oder Nahrungsmittel zu sichern. Um welche Dimensionen es dabei geht, machte Jürgen Trittin klar: „Jährlich werden 60 Milliarden Tonnen nicht energetischer und nicht biotischer Rohstoffe verbraucht. Das sind 50 Prozent mehr als vor 30 Jahren.“ Diese Entwicklung könne auf Dauer nicht gut gehen, weil viele Rohstoffe endlich sind. Deshalb fordert er: „Wir brauchen eine andere Rohstoff- und Innovationsstrategie, die uns unabhängiger macht.“ 
 
Recycling als Minen der Zukunft
Der Weg dahin führt über mehr Rohstoffeffizienz, über Recycling und Substitution. Derzeit findet Recycling aber kaum statt, weil es zu wenig Rücklauf gibt. Deshalb muss der grüne Gedanke der Kreislaufwirtschaft eine Renaissance erleben. „Eine Tonne Elektroschrott enthält 30-mal mehr Gold als eine Tonne Golderz“, gab der frühere Umweltminister zu bedenken. Vermeintliche Müllhalden als Minen der Zukunft zu nutzen ist nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, es bringt auch handfeste ökonomische Vorteile.
   
Doch nicht alle Rohstoffe lassen sich über Recycling gewinnen. Trittin und Heiner Flassbeck sind sich einig, dass eine isolierte nationale Rohstoffstrategie wie das Abkommen von Deutschland mit dem autoritären Regime in Kasachstan nicht sinnvoll ist. Globale oder zumindest europäische Lösungen sind nötig. „Es ist eine Illusion, wenn man glaubt, durch bilaterale Vereinbarungen die Versorgung oder einen besonders guten Preis sichern zu können“, warnte Flassbeck. 
 
Finanzmärkte diktieren Rohstoffpreise
Ohnehin werden die Rohstoffpreise nach einer Studie der UNCTAD zunehmend von den Finanzmärkten diktiert. Denn die Spekulation auf steigende oder fallende Preise hat ein viel größeres Gewicht als der Handel mit Rohstoffen selbst. Und weil die Preisbildung auf dem physischen Markt aufgrund der Vielzahl von Anbietern und Nachfragern kompliziert ist, orientiert man sich einfach an den Preisen, die die Finanzmärkte vorgeben. „Wer glaubt, dass der Ölpreis etwas mit Angebot und Nachfrage zu tun hat, der irrt“, erklärte der Chefvolkswirt der UNCTAD. 
 
Diese Entwicklung hat jedoch fatale Folgen: Die abgekoppelten Rohstoffpreise können ihre Steuerungsfunktion nicht mehr richtig erfüllen. Sie liefern falsche Signale, weil die Spekulanten sie verzerren. Die Industrieländer wollen sich allerdings nicht mit dieser Problematik befassen, und auch die meisten Ökonomen sind zögerlich, weil dadurch das Funktionieren der Marktwirtschaft und damit ein Weltbild in Frage gestellt wird. Doch Flassbeck lässt nicht locker: „Wie kann es sein, dass wir über die Verhinderung des Klimawandels reden, über die Ablösung von fossilen Energieträgern, und dabei nicht fragen, wer eigentlich über die maßgebliche Determinante des Energieverbrauchs, den Preis, entscheidet?“, kritisierte er. Man habe immer noch nicht verstanden, welche unglaublichen Verzerrungen die Finanzmärkte in die realen Märkte hineintragen, nicht nur bei Rohstoffen, sondern auch bei Währungen. „Aber das will bei den großen Gipfeln von G7, G8 oder G20 niemand hören, das schieben die Politiker rigoros weg, weil es zusätzliche Komplexität in die Verhandlungen trägt“, ärgerte sich der Ökonom.
 
Materialintensiven Konsum eindämmen
Auch für Prof. Wengenroth erfüllen Rohstoffpreise eine wichtige Funktion: „Nichts beflügelt die Phantasie eines Ingenieurs mehr als Kostendruck und Materialknappheit.“ Er setzt zur Lösung des Rohstoffproblems auf die Kreativität der Menschen. Außerdem hängt das Wirtschaftswachstum gar nicht so sehr am Ressourceneinsatz, sondern an effizienter Produktion. Während das Ziel „aus weniger wird mehr“ in Produktionsprozessen gut greift, ist der private Verbrauch weiter sehr materialintensiv. Und weil der Konsum stetig zunimmt, wurden die Ressourceneinsparungen bei den Herstellungsprozessen völlig aufgezehrt. Dieses Streben nach immer mehr liegt daran, dass das Individuum in unserer atomisierten Gesellschaft nach Anerkennung giert.
 
Ein ressourcenschonendes Konsumverhalten ist nicht leicht zu erreichen. „In Sack und Asche zu gehen, werde ich Ihnen nicht empfehlen“, erklärte Wengenroth. Konsumverzicht funktioniert nur in der Theorie bei einem Menschentyp, der noch nicht geschaffen ist. Man muss aber gar nicht so pessimistisch sein, wenn man sich das Verhalten junger Menschen ansieht: „Jugendstudien zeigen, dass das Smartphone in der Altersgruppe bis 25 Jahre einen höheren Status hat als das eigene Auto. Das spart erheblich Rohstoffe und ist ökologisch zu begrüßen“, resümiert der Professor. Auch in der Tendenz, vom Land zurück in die Stadt zu ziehen und auf weniger Wohnraum und ohne Auto zu leben, erkennt Wengenroth eine ökologische Option, die Ressourcen schont. Angst vor den Rohstoffländern hält er dagegen für unbegründet: „Historisch wissen wir, dass die Länder gefährlich waren, die Rohstoffe suchten, und nicht die, die sie hatten.“
   
Kooperation statt Konfrontation
Große Defizite herrschen allerdings im Umgang miteinander. Nachfrager und Anbieter müssen stärker kooperieren, wenn sie das Rohstoffproblem lösen wollen. „Ein Musterbeispiel, wie man es nicht machen sollte ist der Umgang mit Ecuador“, stellte Trittin klar. Er hält die Ausgleichsforderungen des Landes für berechtigt, wenn im Gegenzug die Ölvorkommen unter dem Regenwald des Yasuní-Nationalparks nicht erschlossen werden. Doch die Industrieländer weisen derartige Forderungen ab.
 
Auch Flassbeck hält den Industriestaaten Versagen vor, wenn es darum geht, für die Rohstoffproblematik einen globalen Rahmen zu finden. „Es wird eine irrsinnige Konfrontation betrieben, auch von Seiten der EU“, schimpfte er. Die Entwicklungsländer würden als Buhmann hingestellt. Würde man dagegen anfangen, über Kooperationsmodelle nachzudenken, käme man auf vielen Gebieten weiter, ist sich Flassbeck sicher. Zusammen mit den Rohstoffländern muss man dafür sorgen, dass mehr Ressourcen im Boden und für künftige Generationen erhalten bleiben. Wenn man diesen Prozess über einen längeren Zeitraum streckt, könnten sich alle anpassen. Damit das Rohstoffproblem an Brisanz verliert, so viel wurde klar an diesem Abend, ist ein langfristiger Rahmen nötig, den wir heute bereits abstecken müssen.
 
Das nächste Dialogforum findet am 1. März 2012 zum Thema „Facebook, Twitter & Co – die Kraft der (neuen) Medien“ statt.