Prof. Imhof, Universität Zürich, vermisst die journalistische Einordnungsfunktion bei den neuen Medien.
Im Dialog mit dem Publikum wird die Rolle der Medien hinterfragt.

Facebook, Twitter & Co – die Kraft der (neuen) Medien

Dialogforum am 01. März 2012

Social Media gewinnen an Einfluss. Sie machen das Internet zu einer Plattform, die eigenständig Themen setzt und Entwicklungen anschiebt. Dabei geht es nicht mehr nur um die Übertragung von Informationen. Wie groß ist der Einfluss von Webkampagnen, Tweets und Blogs tatsächlich? Müssen die traditionellen Medien befürchten, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden?

Mit diesen Fragen befassten sich am dritten Abend der Dialogforen 2012 „Macht und Einfluss: Wer bestimmt die Geschicke der Welt?“ die ZDF-Redakteurin Sonja Schünemann, der SZ-Redakteur Dr. Bernd Graff sowie der Soziologe Prof. Kurt Imhof von der Universität Zürich.
 
In der Demokratie erfüllen die Medien einen wichtigen Auftrag: Sie schauen den Mächtigen auf die Finger, decken Missstände auf und werden deshalb zu Recht als vierte Gewalt im Staat bezeichnet. Mit dem Internet hat jedoch die Bedeutung der klassischen Medien scheinbar abgenommen. Print, Rundfunk und Fernsehen verlieren gegenüber neuen Kommunikationsformen wie Tweets (digitale Kurzmeldungen, auch von Privatpersonen), Blogs (Online-Foren) oder Internet-Videos an Boden. „Für Journalisten sieht die Welt heute anders aus“, analysierte Bernd Graff die Lage seines Berufsstands. Bestimmten früher die klassischen Medien, welche Nachrichten es in die Öffentlichkeit schafften, kommen die Informationen heute über das Internet automatisch zum Menschen. „Das müsste den Journalismus viel stärker zum Umdenken bewegen, als es derzeit noch der Fall ist“, beklagte der Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung. So sollte man sich beispielsweise mit exklusiven Nachrichten oder durch die journalistische  Einordnung von Ereignissen abheben.
 
Revolutionen im Internet organisieren
Die Kraft der neuen Medien zeigte sich Anfang 2011, als sich die Umbruchstimmung in der arabischen Welt auch auf Plattformen wie Facebook oder Twitter Bahn brach. Die Ansicht, wonach Social Media der Demokratisierung Vorschub leistet, hält Kurt Imhof aber für einen Mythos: „Ich behaupte, das können wir vergessen.“ Die neuen Medien sind vor allem Ich-zentrierte Schnittstellen, die meist privat genutzt werden. Bei Umbrüchen, Revolutionen oder Aufständen könne man die Dienste zwar im Vorfeld gut für Agitationszwecke nutzen und auch die Meinungsbildung sei in diesen Netzwerken im eingeschränkten Rahmen möglich. Es ist jedoch schwierig, die breite Masse dort für bestimmte Themen zu sensibilisieren und die für die Demokratie wichtige themenzentrierte Öffentlichkeit herzustellen. Dazu fehlt die Einordnungsfunktion des klassischen Journalismus. „Es gibt keine Klick-Demokratie, sie lässt sich nicht über Like-Buttons organisieren“.
 
Hinzu kommt, dass es noch nie in der Geschichte ein so zentriertes Massenmedium wie Social Media gegeben hat. „Man hätte die Vietnam-Demonstationen 1968 in Kalifornien mit Sicherheit nicht über Facebook organisieren können, mit Hilfe der Notstandsgesetzgebung wäre der Dienst sofort gesäubert worden“, glaubt der Publizistikwissenschaftler. Deshalb sei Social Media auch ein denkbar schlechtes Medium, wenn man revolutionäre Absichten verfolge. „Wenn sich die Lage wirklich zuspitzt, ist es ein höchst fragiles Medium“, gibt Imhof zu bedenken. Das Internet oder die Antennenmasten für die mobile Datenübertragung können von Machthabern leicht abgeschaltet werden. „In einer solchen Situation erweisen sich Flugblätter,  die Druckmaschine oder der klassische Kopierer als wesentlich zuverlässiger.“
 
Die Netzgemeinde ist nicht homogen
Dass es nicht „die eine“ Netzgemeinde gibt, die stets die gleichen Interessen verfolgt, machte Sonja Schünemann klar. „In Deutschland nutzen 35 Prozent der Menschen mit Internetanschluss regelmäßig private Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Google+. Es ist utopisch, davon auszugehen, dass diese 35 Prozent alle die gleiche Meinung vertreten.“ Was die Menschen im Internet eint, sei weniger der gemeinsame kulturelle Kontext, als das Gefühl, diesen Kontext und die Inhalte frei definieren zu können. Zu sagen was man will und wann man es will und das allen Menschen zugänglich zu machen, hält die beim ZDF für neue Medien zuständige Redakteurin für das wesentliche Element.
 
Wer nur laut schreit, ohne dass etwas dahinter steckt, wird auch im Internet schnell enttarnt. Wenn man dagegen gut vernetzt ist und die neuen Plattformen zu bespielen weiß, kann man kostengünstig und effizient Botschaften verbreiten. Wie bei einem Schneeballsystem oder Kettenbriefen lassen sich schnell sehr viele Personen erreichen. Bei den Umstürzen in Ägypten oder Tunesien haben Facebook und Mails den Menschen Mut gemacht, unglaublich motiviert und den Protesten einen Schub verliehen, auch wenn nur jeder 20. Ägypter Internetzugang hatte. Jenseits des psychologischen Aspekts wird der Einfluss aber überschätzt, so die Fachfrau. „Facebook war bei den Umstürzen in der arabischen Welt ein treibendes Element, es war aber auf keinem Fall eine Facebook-Revolution“, meint Schünemann.
 
Geschäftsmodell der klassischen Medien bedroht
Imhof machte deutlich, dass in den neuen Medien nicht nur Chancen, sondern auch Gefahren lauern. Weil die Nachrichtenseiten im Internet meist von den gleichen Agenturen gespeist werden, kommt es zu einer Gleichförmigkeit von Meinungspositionen. Politisch-publizistische Konflikte finden seltener statt, die Menschen müssen sich mit weniger unterschiedlichen Perspektiven auseinandersetzen. „Diese Konvergenz hat zugenommen und ist bedenklich“, beklagt der Professor.
 
Hinzu kommt, dass mehr und mehr Werbung ins Internet abwandert. In dem Maße, wie das Geschäftsmodell der traditionellen Medien dadurch bedroht wird, steigt ihre Bereitschaft, stärker auf weiche Themen wie Lifestyle oder Society-Berichte zu setzen. Zudem wird der Skandalisierung und dem politischen Populismus in der Berichterstattung Vorschub geleistet, weil sich nur so noch genügend Publikum erreichen lässt. „Diese Gleichschaltungsform ist unserer Demokratie abträglich“, warnt Imhof. Eine demokratische Gesellschaft, die etwas auf sich halte, müsse dafür sorgen, dass der professionelle Journalismus überlebt.
 
Wohin die Reise gehen wird und wie sich neue sowie traditionelle Medien künftig positionieren werden, ist unsicher. Denn man darf nicht vergessen, dass das Internet als Kommunikationsmittel für die Massen nicht einmal zwei Jahrzehnte alt ist. Social Media gibt es deutlich kürzer. Fest steht allerdings: Der Einfluss der klassischen Medien nimmt derzeit ab, und wenn sie sich nicht ändern, werden sie über kurz oder lang verschwinden.
 
Das nächste Dialogforum am 17. April 2012 behandelt das Thema „Ökonomien im Wandel – braucht Wirtschaft Wachstum?“