Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe: "Die Ordnungspolitik ist gefordert, wir brauchen gewisse Mindeststandards und Obergrenzen".
Claudia Langer, Gründerin von utopia, und Dr. Fritz Reheis im Gespräch.

Neue Lebensstile – Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung?

Dialogforum am 15. Mai 2012

Auf dem letzten Dialogforum 2012 der Reihe „Macht und Einfluss: Wer bestimmt die Geschicke der Welt?“ ging es um die Frage, was jeder Einzelne zu einer nachhaltigen Zukunft beitragen kann. Können wir über Konsumentscheidungen einen Einfluss ausüben? Ihre Vorstellungen dazu erläuterten die Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe, die Unternehmerin Claudia Langer sowie der Buchautor und Privatdozent der Universität Bamberg Dr. Fritz Reheis.

Dass unsere Gesellschaft ihren Lebensstil mit exzessivem Umweltverbrauch nicht wie bisher weiterführen kann, ist unbestritten. Denn: „Jeder Deutsche produziert im Schnitt jährlich 11 Tonnen CO2, der ökologische Fußabdruck umfasst 4,5 Hektar. Wenn sich alle Menschen auf der Erde so verhalten würden, benötigten wir bereits heute zweieinhalb Erden“, gab die SPD-Abgeordnete Kolbe zu bedenken. Sie sieht sowohl die Konsumenten als auch die Produzenten in der Pflicht, hier gegenzusteuern. Doch alleine mit einem kritischeren Konsumverhalten wird sich das Problem nicht beheben lassen, und auch rein technische Lösungen zur Ressourceneffizienz reichen nicht aus. „Das heißt: die Ordnungspolitik ist gefordert, wir brauchen gewisse Mindeststandards und Obergrenzen“, erläutert Kolbe, die auch der Enquete-Kommission im Bundestag „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ vorsteht.

Aus Sicht dieser Kommission stelle sich nicht die Frage nach Wachstum oder Schrumpfung, es geht auch nicht um pauschalen Verzicht. Vielmehr müsse man darüber diskutieren, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickeln will. Die Politikerin ist sich bewusst, dass die Deutschen alleine mit einem nachhaltigeren Lebensstil die Probleme der Welt nicht lösen können. Schließlich haben Entwicklungs- und Schwellenländer einen großen Nachholbedarf, den man ihnen nicht verwehren könne. Deshalb gelte es, ein positives Vorbild abzugeben und zu zeigen, dass man Wohlstand und Ökologie in Einklang bringen kann.

Konsumenten sind träge
Um diese Änderungen anzustoßen, hofft Claudia Langer auf die geballte Macht der Verbraucher. Dazu hat die Unternehmerin mit utopia.de eine Internetplattform für strategischen und nachhaltigen Konsum ins Leben gerufen. Für sie ist klar: „Wir bestimmen die Geschicke der Welt als Bürger, als Wähler, als Anleger und als Verbraucher“. Allerdings ist sie sich bewusst, dass der Konsument ein unsicherer Kantonist ist, der sein Verhaltensmuster nur schwer ändere. „Der Verbraucher ist eine superträge Masse. Er schaut auf den Preis und wartet, dass andere wie Greenpeace die Welt verändern“, beklagt Langer. Selbst die Wut nach Lebensmittelskandalen währt nur kurz, dann werde rasch wieder zu den Sonderangeboten im Supermarkt gegriffen.

Dagegen gebe es eine Reihe von Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit mit größerer Ernsthaftigkeit verfolgen. Doch die Zeit wird knapp: „Wir schließen gerade eine ziemlich gefährliche Wette auf die Zukunft unserer Kinder ab.“ Obwohl das Bewusstsein vorhanden ist, dass es ganz eng werden kann, handeln wir nicht. „Wir müssen uns engagieren, egal wie und wo, und wir müssen uns entscheiden, was wir unseren Kindern vorleben wollen“, fordert Langer. Sie selber habe jedenfalls nicht festgestellt, dass sich ihr Leben durch weniger Konsum verschlechtert habe – auch ihre Kinder leiden nicht darunter.

Für Fritz Reheis liegt das Grundübel unseres Lebensstils in einem selbstauferlegten Täuschungssystem. Die Menschen tendierten dazu, etwa bei den Statussymbolen die Latte immer höher zu legen. „Wir betreiben einen hohen Aufwand für ein Ziel, das uns nicht wirklich glücklich macht“, beschreibt er das Dilemma. Selbst Hamster, so sein Urteil, sind klüger als wir. Sie verlassen das Rad, wenn sie keine Lust mehr auf die Tretmühle verspüren. Wir hingegen orientieren uns an der Logik des Geldes und häufen materielle Güter an oder glauben, unser Heil in immer mehr Wirtschaftswachstum zu finden. „Doch das verschiebt die Probleme nur in die Zukunft, wir belasten die künftigen Generationen“, ist sich Reheis sicher.

Gut leben, statt viel haben
Einen Ausweg sieht er in einem Prozess der Entschleunigung, bei dem die Zeit und nicht das Geld der Orientierungsmaßstab für unser Handeln ist. „Bei der Ökologie der Zeit geht es darum, mit den zur Verfügung stehenden Kräften sinnvoll umzugehen und sie nicht stärker zu beanspruchen, als sie sich erneuern.“ Bei diesem Denkansatz hat jeder Organismus und Kreislauf eine im Lauf der Evolution entstandene individuelle „Eigenzeitlichkeit“, die es zu respektieren gilt. „Menschen und Vorgänge brauchen feste Zeiten, die wir ernst nehmen müssen. Ein bewussterer Umgang mit Zeit ist ein Schlüssel“, appelliert er. Entschleunigung heißt dabei nicht, dass alles langsamer werden soll. Vielmehr geht es um angemessene Geschwindigkeiten auf dem Weg zu mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit. „Wir sollten anspruchsvoll werden und lieber gut leben, anstatt viel zu haben“, fordert Reheis.

Deshalb müsse man auch wegkommen von der traditionellen Marktökonomie, die den Schnellen und den Rücksichtslosen belohnt. „Es sollte so etwas wie eine Hetzsteuer geben“, fordert er. Es geht ihm aber am Ende nicht darum, die Politik marktkonform auszurichten, sondern den Markt demokratiekonform zu gestalten. „Ich bin ein vehementer Vertreter des Primats der Politik“, bekannte er.

Debatte über gesellschaftliche Werte nötig
Utopia-Gründerin Langer ist da skeptisch: „Ich sehe keinen auf lange Sicht ausgerichteten Gestaltungswillen der Politik. Er ist dem Populismus einer Regierung gewichen, die nur noch auf Sicht fährt und die ihre Richtlinienkompetenz aufgegeben hat“, kritisiert sie. Außerdem wolle der Wähler die Wahrheit gar nicht hören, sondern lieber betrogen werden. Auch Kolbe ist sich des begrenzten Einflusses der Politik auf gesellschaftliche Veränderungen hin zu einem nachhaltigen Lebensstil bewusst: „Wir brauchen Lösungen für langfristige Probleme, leben aber in einer Welt, in der wir alle zunehmend kurzfristig agieren“, räumt sie ein. Ein Politiker, der den Menschen heute hohe Kosten auferlege, die erst in der ferner Zukunft positive Wirkungen entfalten, laufe Gefahr abgewählt zu werden. „Wir debattieren zu wenig darüber, wohin die Gesellschaft steuern soll und mit welchen Werten und Ideen wir die Zukunft gestalten wollen“, bemängelt sie. Erst wenn dieser Diskurs gestartet ist, könnten auch unpopuläre Maßnahem durchgedrückt werden.

Doch sind wir überhaupt bereit, den Pfad der Nachhaltigkeit einzuschlagen? Schließlich macht es Freude, ein schickes Auto zu fahren, das neueste Smartphone zu besitzen oder in den Urlaub zu fliegen. Wie lässt sich die Gesellschaft umbauen, damit Nachhaltigkeit einen ebenso hohen Stellenwert genießt? „Meine Antwort ist eine Doppelstrategie“, erläutert Reheis. Manches müsse durch Gesetze ver- oder geboten werden, manches durch Steuern und Abgaben. Viel wichtiger aber seien positive Erfahrungen mit Formen des klugen Genießens. Dadurch würden die Menschen viel mehr lernen als durch Belehrung. Deshalb müssen Politik und Gesellschaft die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Menschen solche Erfahrungen auch machen könnten und damit den Begriff des persönlichen Genusses für sich neu definieren.

Mit dem Themenabend „Neue Lebensstile“ endet die Dialogforenreihe 2012. Das große Interesse mit mehreren hundert Anmeldungen pro Abend hat gezeigt, dass wir ein aktuelles Thema getroffen haben. Wir freuen uns darauf, Sie auch nächstes Jahr wieder bei unseren Dialogforen begrüßen zu dürfen. Ankündigungen und Informationen dafür können Sie unserer Webseite und unserem Newsletter entnehmen.