Birgit Schramm
Prof. Hans Hauner
Prof. Helmut Heseker

Hungern und Völlerei – essen wir uns krank?

Dialogforum am 3. April 2014

Krankhaftes Übergewicht wird in immer mehr Ländern zum Problem. Krebs, Diabetes oder Störungen des Herz-Kreislauf-Systems sind auf dem Vormarsch. Warum sich unsere Essgewohnheiten so stark verändert haben und wie man gegensteuern kann, diesen Fragen gingen die Diskutanten beim 4. Dialogforum der Reihe „Hungern im Überfluss“ nach. Das Podium war mit der Ernährungstherapeutin Birgit Schramm, dem Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München Prof. Hans Hauner sowie mit dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung Prof. Helmut Heseker fachkundig besetzt.

Bei der Frage, ob wir gesund sind oder krank werden, ist der Einfluss von Genen und Erbanlagen nicht zu unterschätzen. Eine wichtige Rolle spielt aber auch der Lebensstil. „Wir haben es selbst in der Hand, uns vor Krankheiten zu schützen, und die Ernährung nimmt dabei eine zentrale Rolle ein“, ließ der Mediziner Hauner keinen Zweifel. Er ist davon überzeugt, dass die Mehrheit der Deutschen sich tatsächlich krank isst. Die Folgen: Die Zahl der Menschen mit Übergewicht wächst ständig, chronische Volkskrankheiten sind auf dem Vormarsch. „Krebs ist etwa zu 30 bis 40 Prozent auf falsche Ernährung zurückzuführen, bei Diabetes liegt der Anteil sogar bei 70 bis 90 Prozent“, erläuterte Hauner. Neueste Studien würden zeigen, dass auch Alzheimer stark durch falsche Ernährung beeinflusst ist. Wie teuer diese Fehlentwicklung unserer Gesellschaft kommt, belegen die etwa 100 Milliarden Euro, die wir allein in Deutschland für ernährungsbedingte Krankheiten aufbringen müssen. „Eine gewaltige Summe, das wird in unserem Gesundheitssystem leider kaum diskutiert“, beklagte er.

Diäten versagen im Alltag
Auch für den Ernährungswissenschaftler Heseker ist Übergewicht kein kosmetisches Problem, sondern eine der größten Herausforderungen für die Gesellschaft. „Wenn man als 40jähriger einen Body-Maß-Index von über 30 hat, sinkt die Lebenserwartung um fünf bis acht Jahre. Der Einfluss ist somit ähnlich groß wie beim Rauchen“, verdeutlichte er das Problem. Bislang allerdings fehlen Präventions- und Therapieprogramme, die auch unter Alltagsbedingungen zu messbaren Ergebnissen führen. „Diäten sind im Alltag schwer umzusetzen, dann ist das alte Gewicht schnell wieder da.“ Entscheidend sei, auf Dauer die Gesamtenergiezufuhr zu reduzieren. Die exakt definierte Mischung aus Kohlehydraten, Fett oder Eiweiß spielt dagegen eine eher untergeordnete Rolle. Ein großes Hindernis auf dem Weg zu einer gesünderen Ernährung sieht Heseker in der Fett- und Zuckerlobby, die alles daran setzt, dass wir unsere Ernährungsgewohnheiten nicht ändern.

Ein erster Schritt hin zu bewusster Ernährung könnte ein Essprotokoll sein. „Stift und Papier sind die beste Diät“, ist die Ernährungstherapeutin Schramm überzeugt. Manche Menschen würden im Verlauf einer Woche zehn bis 15 verschiedene Lebensmittel zu sich nehmen. Andere, die sehr gesundheitsbewusst leben, hätten mit 50 bis 60 Produkten einen weit abwechslungsreicheren Speiseplan. Als gängigste Ernährungsfehler nannte sie unregelmäßiges Essen, möglicherweise noch während anderer Tätigkeiten, oder häufiges Snacken. „Das Gefühl für Hunger oder Sättigung kann so verloren gehen“, erläuterte die Ökotrophologin. Ein weiteres Problem sei der Nährstoffmangel durch zu viel Fastfood und zu wenig frisch zubereitete Speisen. Allerdings: „Bestimmte Krankmacher gibt es nicht, es kommt immer darauf an, wie häufig wir etwas essen.“ Auch ein Übermaß an Obst oder Ballaststoffen kann demnach krank machen.

Versteckter Zucker großes Problem
Gerade beim Zucker fällt es schwer, das richtige Maß zu halten. „Vielen ist der versteckte Zucker, der überall lauert, gar nicht bewusst. Er reicht von etwa fünf Prozent in Milchprodukten bis zu 18 Prozent bei Getränken“, verdeutlichte die Expertin. Die von der Weltgesundheitsorganisation vorgeschlagene Menge von 25 Gramm Zucker pro Kopf und Tag hält sie vor diesem Hintergrund für eine Illusion. „Ich habe keine Pauschalantwort auf die Frage, wie wir es schaffen können gesund zu leben“, räumte sie ein. Der erhobene Zeigefinger jedenfalls helfe nicht weiter.

Heseker glaubt, dass die manchmal widersprüchliche Behandlung von Ernährungsthemen in der Presse auch dazu beiträgt, dass wir unser Verhalten nicht verändern. Erst heißt es, zu viel Zucker verursacht Krebs, dann zu wenig Zucker macht depressiv. „Wie soll der arme Verbraucher sich denn da verhalten, er hat die Wahl zwischen dem Strick oder dem Krebstod.“

Entgegen mancher Verheißungen gibt es keine Nahrungsergänzungsmittel, die Fettpolster abschmelzen lassen. Auch die pharmakologischen Therapiemöglichkeiten sind angesichts der Nebenwirkungen, die bis hin zu Todesfällen reichen, nicht zu empfehlen. Schwer im Kommen sind dagegen chirurgische Eingriffe wie Magenverkleinerung. „Damit lässt sich das Körpergewicht zwar dramatisch reduzieren. Das hat aber erhebliche Konsequenzen auf den Körper und führt nicht zur Veränderung des Lebensstils“, kritisierte Heseker.

Kalorienreiche Fertigkost meiden
Das häufig gepriesene Heilfasten bietet ebenfalls keine dauerhafte Lösung. „Das ist Zeit- und Geldverschwendung und gefährdet den Organismus durch den extremen Entzug von Kalorien und Eiweiß“, gab Ernährungsmediziner Hauner zu bedenken. Angesichts unserer Gene, die optimal auf das Überleben bei Nahrungsmangel ausgerichtet sind, hilft im Kampf gegen Übergewicht nur eine bewusste Kontrolle der Energiebilanz. Was leichter gesagt ist als getan, enthalten doch die zu Convenience Food verarbeiteten Lebensmittel mit 200 bis 300 Kalorien pro 100 Gramm etwa zwei bis dreimal mehr Energie als eine ausgewogene pflanzliche Nahrung mit moderatem Fleischanteil. Ein gute Orientierung bietet die Ernährungspyramide der DGE. Sie vermittelt ein Gefühl, in welchem Verhältnis wir bestimmte Lebensmittel im Rahmen einer gesunden Ernährung zu uns nehmen sollten.

„Wir müssen einen pfleglichen Umgang mit dem Körper lernen. Doch die Einsicht, dass man für seine Gesundheit mitverantwortlich ist, ist nicht sehr weit verbreitet“, beklagte Heseker. Aus diesem Grund fordert die DGE, die Ernährungsbildung in der Schule zu fördern und die Kennzeichnung von Lebensmitteln bezüglich ihres Kaloriengehalts zu verbessern. „Jeder Mensch kann seinen eigenen Weg finden“, ist Hauner überzeugt. Es gebe bei der Ernährung einen breiten Korridor, was man als vernünftig und einigermaßen gesund bezeichnen könne, und der menschliche Stoffwechsel sei extrem anpassungsfähig. „Deswegen kann es keine engen Empfehlungen für eine optimale Ernährung geben. Es geht darum, Exzesse zu vermeiden.“

Die letzte Veranstaltung der Dialogforen  2014 findet am 13. Mai 2014 zum Thema „Lebensmittel – Spielball der Spekulanten? statt.


CB, 08. April 2014