Minister Dr. Gerd Müller and Dr. Mar Cabezas
Marion Lieser, Oxfam

Arme reiche Welt – faire Chancen für alle?

Dialogforum am 14. April 2015

In vielen Ländern der Welt, nicht nur in Entwicklungsländern, wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. Wohlstandsgewinne kommen bei den unteren Bevölkerungsschichten meist nicht an. Am vierten Abend der Dialogforen 2015 präsentierten Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller, die Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland Marion Lieser und die Armutsforscherin Dr. Mar Cabezas Vorschläge, um diesen Missstand zu überwinden.

Trotz vieler Fortschritte in den vergangenen Jahren bestimmt Armut immer noch das Leben von Abermillionen Menschen. „Was bringt uns dazu, diese Tatsache zu tolerieren?“, fragte Mar Cabezas und präsentierte gleich die Antwort: Erstens eine negative Weltanschauung, die davon ausgeht, dass das Leben einfach ungerecht ist. Zweitens die Annahme einer möglichen Mitschuld der Betroffenen und drittens die Illusion der eigenen Unverwundbarkeit. „Mangelnde Empathie für arme Menschen ist eine Strategie, damit wir uns selbst nicht schlecht fühlen. Man denkt, dass die Lösung nicht in den eigenen Händen liegt und man deshalb keine Verantwortung trägt“, begründete die Forscherin von der Universität Salzburg das Verhalten vieler Menschen. Armut ist für Cabezas somit nicht nur eine Frage der Ressourcenverteilung, sondern ein Problem der Psyche und Mentalität. Arme Menschen  auszugrenzen ist für sie eine Form der sozialen Aggression.

Zentren für Armutsbekämpfung in Afrika
Natürlich gibt es handfeste Gründe für die Armut in der Welt, wie das ungebremste Bevölkerungswachstum, das uns in wenigen Jahrzehnten neun Milliarden Menschen auf der Erde bescheren wird. „Unser Ziel ist es, eine Welt ohne Hunger bis zum Jahr 2030 zu schaffen“, umriss Entwicklungsminister Müller die Prioritäten. Dazu müsse man die landwirtschaftliche Produktivität erheblich erhöhen - vor allem in Afrika, wo sich die Bevölkerung verdoppeln wird. „Ein Ochse mit Holzpflug schafft eben nur ein Hundertstel der Erträge im Vergleich zur maschinellen Landwirtschaft bei uns in Ober- oder Niederbayern.“ Dabei verfügen viele Länder über die nötigen Potenziale. Zum Beispiel Äthiopien, das einst die Kornkammer Afrikas war. Was fehlt, sind Innovationen. Deshalb plant das Ministerium zwölf grüne Ausbildungszentren in Afrika, um dort der Bevölkerung Wissen und Technik zu vermitteln. „Denn eines ist schon zynisch: Wir haben das Wissen, lassen die Menschen aber dennoch verhungern.“

Grundlage für einen besseren Lebensstandard ist darüberhinaus die ausreichende Versorgung mit Energie. „Die 54 Länder Afrikas verbrauchen insgesamt so viel Strom wie Deutschland alleine. Im Kongo haben 96 Prozent der Menschen keinen Strom“, gab Müller zu bedenken. Den Schlüssel für faire Entwicklungschancen sieht er in der Globalisierung. „Statt für Marktradikalität plädiere ich für ein ökologisch soziales Modell. Denn ein freier Markt ohne Regeln zieht die Ausbeutung von Ressourcen und Menschen sowie eine ungleiche Verteilung nach sich.“ Mit extremen Ergebnissen: Zehn Prozent der Weltbevölkerung haben 90 Prozent des Vermögens akkumuliert, 88 Menschen besitzen so viel wie die halbe Menschheit.

Regeln für eine transparente Wertschöpfungskette
Faire Bedingungen beginnen mit fairen Löhnen, etwa für Plantagenarbeiter oder Näherinnen. Deshalb fordert Müller nicht nur mehr öffentliche Gelder für Entwicklung, sondern Regeln für eine transparente Wertschöpfungskette. „Wir müssen die Welthandelsorganisation WTO zu einer fairen Handelsorganisation weiterentwickeln.“ Auch dem Verbraucher komme eine wichtige Rolle zu. Er dürfe nicht immer nur auf die Politik schielen. Der Verbraucher kann als Konsument Armut beeinflussen, beispielsweise beim Kauf von Kleidung, die in armen Ländern zu Hungerlöhnen hergestellt wird. „Zwei Euro mehr für eine Hose bedeutet für uns nicht viel, für die Arbeiter in Bangladesch vermindert dieser vermeintlich kleine Betrag die Armut. Ich bin optimistisch, dass es uns gelingt, einen Ausgleich zwischen Arm und Reich zu schaffen“, so der Minister.

„Selbst wenn wir einige der UN-Millenniumsziele erreicht haben, ist es doch ein Armutszeugnis, was manche Länder zu bieten haben“, beklagte Marion Lieser. Nur fünf Länder würden die im Rahmen der UN-Millenniumsziele zugesagten 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Entwicklungshilfe ausgeben, auch Deutschland hinkt mit 0,4 Prozent hinterher. Zudem kommen Wohlstandsgewinne in den Entwicklungs- und Schwellenländern kaum bei der armen Bevölkerung an. „Mehr Fortschritte wären möglich gewesen, hätte man von Anfang an auf die Struktur der Armut und der sozialen Ungleichheit geachtet“, kritisierte die Oxfam-Geschäftsführerin.

Weltweiter Mindestlohn zur Existenzsicherung
Entscheidend sei es, das Wohltäterverhalten abzulegen und stattdessen die Menschen vor Ort als Akteure einzubeziehen. „Wenn man dieses menschenrechtsbasierte Prinzip weiterdenkt, geht es nicht darum, über Innovationszentren Wissen zu vermitteln, sondern darum, die strukturellen Hintergründe von Armut im Land selbst anzugehen.“ Weil Armut in der Regel Einkommensarmut bedeute, müsse man sich Gedanken über einen weltweiten Mindestlohn machen, der die Existenz sichert. „Und an einem gewissen Maß an Umverteilung kommt man nicht vorbei, wenn man soziale Ungerechtigkeiten ausmerzen will“, ergänzte sie.

Ein erster Schritt wäre, dass nationale Regierungen und internationale Organisationen sich dazu bekennen, bis 2030 die extreme Ungleichheit überwinden zu wollen. „Wenn die Bundesregierung dieses Bekenntnis bereits heute gibt, geht das in die richtige Richtung. Jetzt kommt es darauf an, entsprechende nationale Aktionspläne zu entwickeln und umzusetzen“, forderte Lieser. Als heutige Generation haben wir die Möglichkeit, eine Welt ohne Hunger und Armut zu schaffen. „Diese einmalige Chance sollten wir uns nicht entgehen lassen.“

Gefahr von Radikalisierung und Bürgerkriegen
Minister Müller sieht daneben die Regierungen der armen Länder in der Pflicht. „Meine Botschaft an die Länder lautet, dass wir Knowhow und Mittel anbieten, um mehr Bildung zu ermöglichen und Gesundheitssysteme aufzubauen. Aber es ist Aufgabe der Staaten selbst, ihre Strukturen anzupassen und die Lösung der Probleme aktiv zu betreiben.“ Dazu gehören unter anderem der Abbau von Korruption, der Aufbau von Steuersystemen und die Gleichberechtigung der Frauen. Viele Länder sind zudem reich an Ressourcen. „Es muss dazu kommen, dass die zum Teil korrupten Eliten Lizenzverträge abschließen und die Erträge aus den Ressourcen dem Staatshaushalt zugute kommen statt sie außer Landes zu schaffen.“ Die Alternative sieht düster aus. „Hunger, Not und Elend ist in den allermeisten Fällen die Basis für Radikalisierung und Bürgerkriege“, warnte der Minister.

Doch wie realistisch ist die Forderung „Faire Chancen für alle” überhaupt? „Wenn wir die Augen nur auf die unmittelbare Armutsbekämpfung richten, haben wir schon verloren“, entgegnet Cabezas möglichen Zweiflern. Nicht nur das große Ziel sei wichtig, sondern jeder kleine Fortschritt auf dem Weg dorthin. „Wie bei der Entwicklung eines Kindes: Eine Mutter spricht schon vom ersten Tag an mit ihrem Baby, obwohl sie weiß, dass es noch nichts versteht und erst Jahre später selbst zu reden beginnt.“

Am Ende des Abends zeigt sich, dass Armut und Entwicklungspolitik ein Thema mit vielen Facetten ist. Die nachhaltigen Entwicklungsziele, die die Vereinten Nationen im Anschluss auf die 2015 auslaufenden Millenniumsziele auf den Weg bringen wollen, werden diesen vielfältigen Aspekten Rechnung tragen. Das Ziel, für mehr Chancengleichheit zu kämpfen, wird die Unterschiede in den Lebensstandards deutlich verringern.

Das nächste Dialogforum findet am 6. Mai zum Thema „Tu was! Über Macht und Ohnmacht des Einzelnen“ statt.

17. April 2015, CB