Annalena Baerbock
Mojib Latif
Christoph Bals

Klimawandel – rettet Paris das Zwei-Grad-Ziel?

Dialogforum am 24. Februar 2015

Die UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 soll ein Meilenstein werden. Die Politik will die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad Celsius beschränken. Die Zeit drängt, denn wenn zu viel davon verstreicht, wird es immer schwieriger dieses Limit einzuhalten. Wie stehen die Chancen auf verbindliche Vorgaben? Gibt es Alternativen? Darüber diskutierten die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock, Christoph Bals von Germanwatch und Prof. Mojib Latif vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung.

„Das Klimaproblem ist ein Symptom dafür, dass die Menschheit nicht pfleglich genug mit dem Planet Erde umgeht“, erklärte Latif. Wenn wir es nicht schaffen, mit deutlich weniger Ressourcen unseren Wohlstand zu sichern, drohen katastrophale Verhältnisse und Nahrungsmittelknappheit. Grund für die Erwärmung sind die hohen CO2-Emissionen, die unweigerlich beim Verbrennen von Öl, Kohle und Gas entstehen und die sich über die Jahre in der Atmosphäre anreichern. „Wir haben heute einen CO2-Gehalt, den die Menschheit noch nie zuvor gesehen hat und befinden uns mitten in einem Experiment mit ungewissem Ausgang“, so der Klimaexperte.

Gefahr übersäuerter Ozeane
Auch Latif weiß nicht exakt, wie sich das Klima weiter entwickelt. Als Naturwissenschaftler verlässt er sich auf derzeit verfügbare Fakten wie den Anstieg von Temperatur und Meeresspiegel sowie auf Modelle, die wärmere Temperaturen vorhersagen. „Wir müssen mit der modell-inhärenten Unsicherheit leben, aber wir gehen ein hohes Risiko ein, wenn wir unser Verhalten nicht ändern.“ Die häufig vorgebrachte Kritik an den Modellergebnissen ficht Latif nicht an. „Dass der Temperaturanstieg in den vergangenen 15 Jahren gebremst verläuft, liegt an natürlichen Klimaschwankungen.“ 2014 war das wärmste Jahr seit es Wetteraufzeichnungen gibt und eine Trendwende zeichnet sich auch 2015 nicht ab. „Ein weiteres Problem wird oft übersehen“,  so der Ozeanexperte. “Die zunehmende Versauerung der Meere durch das CO2 aus der Atmosphäre. Dadurch gerät die Kalkbildung von Muscheln, Kalkalgen oder Krebsen in Gefahr, und die Organismen sterben ab.“ Weil sie am Anfang der Nahrungskette stehen, ist auch die Welternährung bedroht.

In Bezug auf die Klimaverhandlungen von Paris zeigte sich der Klimaexperte skeptisch: Ein mögliches Abkommen soll erst 2020 in Kraft treten. „Das ist mir alles viel zu langsam. Ich glaube, diese Zeit haben wir nicht mehr, wenn wir das Zwei-Grad-Limit nicht überschreiten wollen. Jedes Jahr, das wir verlieren, macht die Reduktion schwieriger.“

Tabuthema Kohlekraftwerke
„Mit dem anstehenden Klimagipfel in Paris scheint zwar das lange Zeit in den Hintergrund gerückte Interesse am Klimawandel wieder zuzunehmen“, gab Baerbock zu bedenken. Doch generell tut sich die Politik mit dem Thema schwer. „Wollen wir unser Versprechen halten, die CO2-Emssionen gegenüber 1990 bis 2020 um 40 Prozent zu senken, müssten wir eigentlich Kohlekraftwerke vom Netz nehmen. Diese Forderung traut sich aber niemand in den Mund zu nehmen“, räumte die klimapolitische Sprecherin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ein. Allerdings sind Ziele wichtig, damit die Diskussion überhaupt weitergeht. Auch sie glaubt nicht, dass in Paris ein verbindliches Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll mit seinen CO2-Minderungszielen verabschiedet wird. „Das Beste was passieren kann ist, dass sich die Staaten weiter dem Zwei-Grad-Ziel verpflichten und erklären, was sie bereit sind zu liefern.“ Diese Zusagen sollen dann in Fünfjahres-Schritten überprüft und nachjustiert werden.

Wie sehr es auf die Zwei-Grad-Grenze ankommt, verdeutlichte Christoph Bals: „Erst das weitgehend stabile Klima der vergangenen 10.000 Jahre hat die Grundlage für das menschliche Zusammenleben auf unserem Planeten geschaffen. Wenn wir uns jetzt aus diesem stabilen Gleichgewicht hinauskatapultieren, müssen wir mit heftigen Folgen rechnen.“ Er plädierte wie Baerbock dafür, keine zu hohen Erwartungen an Paris zu haben. „Die Ziele der Klimakonferenzen sind gigantische Vorhaben, weil das Wohlstandsmodell weltweit auf fossilen Brennstoffen beruht. Das umzubauen, bedarf eines Marathonlaufes und nicht eines Sprints.“ Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass ein Klimagipfel die Wende bringen kann. Realistischer ist, einen Minimalkonsens zu organisieren. „Ich erhoffe mir von Paris, dass wir uns auf einen Pfad hinbewegen, der dem Zwei-Grad-Ziel zumindest näher kommt“, erklärte der politische Geschäftsführer von Germanwatch. Positiv stimmt ihn, dass die Erneuerbaren Energien inzwischen konkurrenzfähig zu den fossilen Brennstoffen sind. Das eröffnet ganz neue Chancen. „Im letzten Jahr wurden 70% der weltweiten Ausgaben für Energieausbau in Erneuerbare gesteckt, nur 30 % in Fossile“, sagte der Politikexperte. 

Absage an Geo-Engineering
Das Schneckentempo der internationalen Verhandlungen ist Latif entschieden zu langsam. Denn selbst wenn wir heute alle CO2-Emissionen stoppen, würde die Temperatur in den nächsten Jahrzehnten weiter um rund 0,5 Grad ansteigen. „Die Lösungen liegen auf dem Tisch, es fehlt allein der Wille, und es geht letzten Endes ums Geld.“ Mit ausreichend finanziellen Mitteln wäre das Problem in 10 bis 15 Jahren gelöst. Gleichzeitig warnte er vor Methoden des Geo-Engineering wie das unterirdische Einlagern von CO2 (Carbon Capture and Storage). „Es ist mir nicht sicher genug und es verschlechtert den Wirkungsgrad der Kraftwerke. Zudem verhindern solche Technikenden notwendigen Strukturwandel.“

Für Baerbock ähneln die Klimakonferenzen den Abrüstungskonferenzen. „Dort kommt man auch nur in minimalen Schritten voran. Keiner würde aber deshalb auf die Idee kommen, die Gespräche zu beenden.“ Auch bei den Klimaverhandlungen gebe es immer wieder Fortschritte. Und man darf nicht vergessen, dass die Industrieländer zugesagt haben, ihre Zahlungen in die verschiedenen Klimafonds bis 2020 auf jährlich 100 Milliarden Dollar aufzustocken. So können sich die am wenigsten entwickelten Länder besser an die Folgen des Klimawandels anpassen. Würde man die Klimaverhandlungen ad acta legen, dann wären auch diese Zusagen Makulatur und der Technologietransfer käme zum Stillstand.

Ordnungspolitik gefragt
Der Grünen-Bundestagsabgeordneten ist klar, dass sich der Klimawandel ohne Einschränkungen etwa bei der individuellen Mobilität und ohne eine Entkopplung von Wachstum und CO2-Emissionen nicht bewerkstelligen lässt. „Ohne Ordnungspolitik geht es nicht, Appelle alleine reichen nicht.“ Zudem muss man die Kosten einpreisen, die uns aus klimatisch bedingten Naturkatastrophen drohen. Der einseitige Blick auf die Kosten des Klimaschutzes und der Energiewende ist schlichtweg falsch.

Bals setzt darauf, dass auf unterschiedlichsten Ebenen Vorreiterallianzen geschlossen und Strategien entwickelt werden. Das bremst den Klimawandel. Wie etwa die Energiepolitik in Deutschland. „Wenn wir als Industrieland die Energiewende als Erfolgsmodell durchsetzen können, hat sie enorme Auswirkungen auf andere.“ Die Wende in Deutschland kann historische Bedeutung erlangen.

Der Schlüssel zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Energieerzeugung liegt in den Erneuerbaren Energien. Und auch wenn der Gipfel in Paris keinen Wendepunkt in den Klimaverhandlungen bringen wird, wird er hoffentlich die Voraussetzungen schaffen, um die Erde vor einem Hitzekollaps zu bewahren.

Das nächste Dialogforum findet am 3. März zum Thema „Fluten, Dürre, Stürme – sind wir vorbereitet?“ statt.

 

CB, 28 February 2015